Ratgeber

»Meine Braut, ihr Vater und ich«

Heiratsverhandlungen im Zelt: Jitro, Mosche und Zippora (v.r.) in dem Spielfilm »Die Zehn Gebote« (1956) mit Charlton Heston als Mosche (M.) Foto: Paramount

Der Wochenabschnitt Jitro berichtet uns vom Akt der Offenbarung der Zehn Gebote auf dem Berg Sinai. Interessant dabei ist, dass die Parascha nach einem Götzendiener und nicht nach Mosche benannt wurde. Dieser Fremde, Jitro, der später Mosches Schwiegervater wird, war ein hoher Priester von Midian und ist nach meiner Auffassung der erste in der Tora vorkommende Theologe.

Jitros Verdienst besteht darin, dass er Mosche beraten hat, wie man ein Volk organisiert. »Suche aber auch aus dem Volke tüchtige, g’ttesfürchtige, wahrhaftige und uneigennützige Männer aus und setze diese über sie als Vorsteher, je einen über tausend, über hundert, über fünfzig und über zehn. Sie mögen das Volk zu jeder Zeit richten; jede wichtige Rechtssache sollen sie vor dich bringen, und in jeder geringfügigen Rechtssache mögen sie selbst richten; so wirst du es dir erleichtern, und sie werden dir tragen helfen« (2. Buch Moses 18, 21-22).

Die Vermutung, dass Jitro zum Judentum konvertiert ist, leitet sich aus seiner Erklärung ab, in der er G’tt als den Allmächtigen betrachtet. »Nun erkenne ich, dass der Ewige größer ist als alle Götter, denn mit derselben Sache, mit der sie gefrevelt, kam er über sie« (18,11).

Unklar ist, wann Jitro mit Mosche zusammentraf. Es kann in der Zeit zwischen dem Auszug aus Ägypten und der Offenbarung auf dem Berg Sinai gewesen sein. Oder das Treffen fand einige Tage nach der Übergabe der Tora statt. Der Bericht über die Begegnung zwischen Moses und Jitro beginnt mit den Worten: »Wo ist er denn? Warum habt ihr den Mann stehen lassen? Ruft ihn herein, dass er etwas genieße« (2,20). Dies sagte Jitro zu seinen Töchtern, als die Mädchen ihm von Mosche berichteten, dem Ägypter, der sie am Brunnen vor den bösen Hirten verteidigt hatte.

inspiration Eine der wichtigsten Fragen des vorliegenden Abschnitts aber ist: Warum stammt der Gedanke, wie G’ttes Volk zu organisieren sei, nicht von Mosche selbst, sondern von einem Fremden? Hier lässt sich nur vermuten, dass Mosche glaubte, dieser sei von G’tt gesandt und mit einer g’ttlichen Inspiration ausgestattet.

Als Jitro Mosche besuchte, konnte er nicht wissen, ob und wie das Volk Israel organisiert war. Jitro konnte nicht verstehen, warum die gesamte Last auf nur einem Menschen, seinem Schwiegersohn Mosche, ruhen sollte. Daher gab er ihm den Rat, nicht nur allein von morgens bis abends ohne bestimmtes Ziel und festgelegten Plan zu regieren, sondern auch Aufgaben zu delegieren. »Da sprach Mosches Schwiegervater zu ihm: ›Es ist nicht gut, wie du es machst. Du wirst dich ganz aufreiben, sowohl du als auch dieses Volk, das bei dir ist; denn die Arbeit ist zu schwer für dich, du kannst sie nicht allein verrichten‹« (2. Buch Moses 18, 17-18).

Mosche lernte also von einem Nichtjuden, dass es trotz allgegenwärtiger g’ttlicher Führung auch erlaubt sein muss, den Verstand des Menschen einzubeziehen und in der Gemeinschaft nach passenden und fähigen Mitmenschen zu suchen, die beim Aufbau einer funktionierenden Gesellschaft helfen.

Namen Wer aber war Jitro? Darüber gibt die Tora keine Auskunft. Doch die rabbinische Literatur kann uns helfen, seine Persönlichkeit näher kennenzulernen. Jitro war ein Priester und ein Minister (Mechilta). G’tt hat ihn in die Nähe des Volkes Israel geschickt, aber nicht auserwählt (Bamidbar raba). Jitro hatte sieben Namen: Jeter, Jitro, Chowaw, Reu-El, Chewer, Petu-El und Kenni. Diese Namen enthalten Erklärungen, was sie bedeuten, wie zum Beispiel Jeter. Er hinterließ einen Abschnitt in der Tora; nachdem er gute Taten vollbracht hatte, ergänzte man einen Buchstaben und er wurde zu Jitro (Mechilta).

Der Name Reu-El steht für »Freund G’ttes« (Schemot raba). Die Bezeichnung Kenni rührt daher, dass Jitro sich von Kain getrennt hat (Sohar) oder weil er Himmel, Erde und die Tora gekauft hat (Sifri-Bamidbar). Allerdings gibt es kaum eine Art von Götzendienst in dieser Welt, die Jitro nicht begangen hätte, bevor er seinem späteren Schwiegersohn Mosche begegnete (Mechilta). Sogar Kälber für den Götzendienst hat er gefüttert (Sota).

Wenn das Volk Israel G’ttes Willen erfüllt, bereist der Ewige die ganze Welt. Und wenn Er unter den Völkern einen Zaddik trifft, bringt er ihn mit Israel zusammen, wie es im Falle Jitro und Rachaw geschah (Brachot).

Teschuwa Das Zusammentreffen mit Mosche brachte eine gravierende Wende in Jitros Leben. Er erkannte plötzlich die Sinnlosigkeit des von ihm bisher ausgeübten Götzendienstes und beschloss umzukehren, Teschuwa zu machen. Daher bat er seine Heimatstadt, sich einen neuen Priester zu suchen. Er überließ den Bewohnern all die zum Götzendienst notwendigen Gegenstände und schickte seine sieben Töchter auf die Weide, um die Herden zu hüten. Und genau dort trafen sie auf Mosche (Schemot raba).

Unser Abschnitt beginnt mit den Worten: »Und Jitro hörte«. Was hat er gehört? Drei Voraussagen: den Krieg der Amalekiter, die Übergabe der Tora und die Spaltung des Roten Meeres (Sewachim). Als Jitro sah, dass G’tt den Amalek aus dieser und der nächsten Welt verbannt hat, machte er Teschuwa. Nachdem er erkannt hatte, dass es keinen Ort gibt, wo er seiner Überzeugung nach leben konnte, ging er zu Israels G’tt (Schemot raba).

Jitro schickte Mosche einen Brief etwa folgenden Inhalts: »Ich bin dein Schwiegervater, der zu dir kommt, tue etwas für mich und wenn nicht für mich, dann für deine Frau Zippora, und wenn nicht, für deine Söhne«. Nachdem G’tt sah, dass sich Jitro mit der Absicht zu konvertieren dem Himmel nähern wollte, sprach er zu Mosche: »Geh, empfange ihn und bring ihn zu uns!« Als Mosche ging, begleiteten ihn Aharon, Nadaw, Avihu und 70 Leute aus dem älteren Israel. Vermutet wird, dass sogar die Heilige Lade mitgenommen wurde
(Schemot raba).

»Wajichad – Jitro«, das heißt, er brachte ein scharfes Schwert auf seine Vorhaut und führte an sich selbst die Beschneidung durch (Sanhedrin).

Jitro wurde zum Vorbild für sein Volk, nachdem er begonnen hatte, G’tt zu erkennen und ihm zu dienen. Dank seiner Erkenntnis haben alle verstanden, dass Götzendienst sinnlos ist. Und so heiligten sie G’ttes Namen, indem sie Jitros Weg folgten (Sohar).

Der Autor ist Landesrabbiner von Sachsen.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Jitro trägt den Namen von Mosches Schwiegervater. Außer dieser Parascha sind nur fünf Abschnitte nach den Namen von Menschen benannt: »Noach«, »Chaje Sara«, »Korach« , »Balak« und »Pinchas«. Die Tora stellt Jitro als einen sehr religiösen, gastfreundlichen und weisen Menschen dar. Er rät Mosche, Richter zu ernennen, um das Volk besser zu führen. Die Kinder Israels lagern am Sinai, drei Tage müssen sie sich vorbereiten. Im Anschluss daran senkt sich G’ttes Gegenwart über die Spitze des Berges, und Mosche steigt hinauf, um die Tora zu empfangen.
2. Buch Moses 18,1 – 20,23

Justiz

Ehemaliger Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Berlin verurteilt

Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte den Angeklagten wegen eines sexuellen Übergriffs und sexueller Nötigung zu 10 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung

 23.01.2026

Talmudisches

Von hellen Tagen und dunklen Nächten

Was unsere Weisen über die Bedeutung von Licht und Dunkelheit lehren

von Vyacheslav Dobrovych  23.01.2026

Chidon Hatanach

Unser Fundament

Der Bibelwettbewerb, der nun in München in eine neue Runde geht, erinnert an den Kern der jüdischen Seele – die Texte der heiligen Schrift

von Rabbiner Dovid Gernetz  23.01.2026

Rezension

Eine Liebe in »bitterböser Zeit«

Die Briefe von Joseph Norden an Regina Jonas eröffnen einen völlig neuen Blick auf die erste Rabbinerin der Welt

von Mascha Malburg  23.01.2026

Bo

Funke der Hoffnung

Die Tora lehrt, wie wir auch in schweren Zeiten nie Glauben und Zuversicht verlieren

von Rabbiner Netanel Olhoeft  22.01.2026

Der Eruv kann auch teilweise aus ergänzten bei der Sigi-Feigel-Terrasse

Schweiz

Ein Eruv für Zürich

Unsichtbar im Stadtbild, spürbar im religiösen Alltag. Die größte jüdische Gemeinschaft der Schweiz spannt einen symbolischen Faden – und macht jüdisches Leben sichtbarer

von Nicole Dreyfus  20.01.2026 Aktualisiert

Talmudisches

Schlechter Atem als Scheidungsgrund

Was unsere Weisen über Mundgeruch wussten

von Detlef David Kauschke  16.01.2026

Rabbi Schalom Scharabi

Jedes Wort eine Intention

Der jemenitische Raschasch ist in unseren Breitengraden kaum bekannt. Dabei hat er schon im 18. Jahrhundert gelehrt, was auch heute wieder gefragt ist: ganz bewusst zu leben – und zu beten

von Vyacheslav Dobrovych  16.01.2026

Waera

Wahre Größe

Mosche blieb stets bescheiden – und ist damit ein Vorbild an vollkommener Demut

von Aviezer Kantor  15.01.2026