Festschrift

Intensives Denken

In der Yeshivat Har Etzion Foto: Flash 90

Die prekäre Sicherheitslage des Staates Israel hat dazu geführt, dass dort eine neue Form der Talmudschule oder Jeschiwa entwickelt wurde. Man nennt diese Abwandlung der althergebrachten Jeschiwa eine »Hesder-Jeschiwa«. In einer solchen Bildungseinrichtung wird ein Torastudium mit dem Militärdienst kombiniert (»Hesder« bedeutet »Arrangement«).

Der normale Armeedienst dauert in Israel für Männer drei Jahre. Die Hesder-Studenten dagegen verpflichten sich zu einer fünf Jahre dauernden Zugehörigkeit zur Institution. Die meiste Zeit werden sie zwar im Lehrhaus Tora studieren, jedoch müssen sie zwischendurch 16 Monate in der Armee verbringen (werden sie Offiziere, dann sogar noch viel länger).

Verband Heute existieren in Israel mehr als 60 Hesder-Jeschiwot, die in einem Verband organisiert sind. Eine der größten Hesder-Institutionen ist die Yeshivat Har Etzion in der Ortschaft Alon Shvut im Westjor-danland, nicht weit von Jerusalem entfernt. Im großen Lehrhaus studieren heute fast 500 fortgeschrittene Tora-Lerner.

Gegründet wurde die Yeshivat Har Etzion 1968. Jahrzehntelang standen an der Spitze zwei sehr angesehene Tora-Meister: Rabbiner Jehuda Amital (1924–2010) und Rabbiner Aharon Lichtenstein (1933–2015). Es war eine gute Idee, zum 50-jährigen Bestehen der Yeshivat Har Etzion eine Festschrift zu veröffentlichen, die ihre Aktualität nicht verlieren wird. Das Volk des Buches freut sich über jedes Werk, das ein tiefes Verständnis der Quellen des Judentums ermöglicht.

Diaspora Das Buch ist auf Englisch erschienen, was wohl dem Umstand zu verdanken ist, dass nicht nur Israelis in Yeshivat Har Etzion studiert haben, sondern auch zahlreiche Amerikaner. Hebräische Abhandlungen können in der Diaspora nur relativ wenige Menschen genießen, das Englische dagegen macht den schön aufgemachten Sammelband einem größeren Publikum in der ganzen jüdischen Welt zugänglich.

Die Neuerscheinung enthält kurze Artikel, die die oben genannten zwei Gründer verfasst haben, sowie Essays aus der Feder der drei jetzigen Leiter von Yeshivat Har Etzion und Aufsätze von 29 Absolventen dieser Jeschiwa. Es ist nicht möglich, alle Themen und Autoren zu nennen, aber aus jedem der vier Bereiche, in die man die Essays eingeordnet hat, sei ein Beispiel genannt.

Frage In der ersten Abteilung ist von religions-gesetzlichen Entscheidungen die Rede. Rabbiner Shlomo Brody behandelt eine in Israel leider nicht nur theoretische Frage: Wenn sowohl ein Terrorist als auch sein Opfer ärztlicher Hilfe bedürfen – wen soll der anwesende Mediziner zuerst verarzten? Muss er nach rein medizinischen Gesichtspunkten entscheiden wie bei einem gewöhnlichen Verkehrsunfall? Oder soll er sich zuerst um das Opfer kümmern?

Im zweiten Bereich, »Philosophie und Ethik« überschrieben, versucht Rabbiner Mark Smilowitz einen scheinbaren Widerspruch im klassischen Werk Führer der Verirrten (1190) von Maimonides zu erklären. Einerseits behauptete dieser Philosoph, der Ewige werde nie zornig und habe keine Leidenschaften; andererseits spricht er von »notwendigen Glaubenssätzen«, und zu diesen zählt die Überzeugung, der Ewige werde zornig, wenn jemand Seine Gesetze übertritt. Wie lassen sich die zwei Lehrsätze vereinbaren?

Essay In der nächsten Gruppe von Essays werden verschiedene Aspekte des Torastudiums diskutiert. Rabbiner Nasanayl Braun untersucht das allgemeine Verbot des Toralernens am 9. Aw und während der Trauerwoche; nur wenige Texte dürfen Trauernde studieren. Warum soll man in beiden Fällen nicht wie üblich Tora lernen, und wie sind die erlaubten Ausnahmen zu rechtfertigen?

Die Talmud-Akademie in Alon Shvut ist bekannt für eine intensive Beschäftigung auch mit Tenach-Texten. In der Festschrift ist dieses Lehrfach mit fünf Essays repräsentiert. Hier sei nur die Studie von Rabbiner Ezra Frazer erwähnt. Dieser Autor versucht, das Rätsel zu lösen, warum unser Stammvater Yizchak seinen erstgeborenen Sohn Esaw für den geeigneten Nachfolger hielt, und nicht dessen Zwillingsbruder Jakow.

Studien Im akademischen Raum erscheint eine Festschrift meistens zur Ehrung eines verdienstvollen Hochschullehrers. Man kann annehmen, dass jeder, der zu der hier angezeigten Jeschiwa-Festschrift beigetragen hat, der Yeshivat Har Etzion einen kleinen Dank abstatten wollte. Die Studien aus verschiedenen Gebieten beweisen, dass auch (und vielleicht gerade) eine Hesder-Jeschiwa hervorragende Denker, Forscher und Lehrer auszubilden vermag.

Yonatan Shai Freedman, Yair Kahn, Elyakim Krumbein, Tzvi Sinensky (Hrsg.): »Sefer HaYovel of Yeshivat Har Etzion«. Kodesh Press, New York 2019, 452 S., 34,95 $

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