Begegnung

»Ich sehe keinen Gegensatz zwischen Toralernen und dem Militärdienst«

Rabbiner Ofer Livnat (47) arbeitet am Eretz Chemdat Institute in Israel. Hier ist er zu Besuch in der Basler Synagoge. Foto: xpress.berlin

Vordergründig mag die Religion den aktuellen innerisraelischen Diskurs um den zurückliegenden Krieg wohl eher marginal beeinflussen. Aber schon auf einen zweiten Blick sind halachische Themen, die den Alltag vieler Menschen gegenwärtig bestimmen, durchaus relevant.

Allen voran jenes, wie verheiratete Frauen damit umgehen, wenn ihre Männer als Angehörige der israelischen Armee (IDF) in Gaza oder anderen Kampfgebieten vermisst werden. Sind sie in puncto Zivilstand nun Witwen, die sich gegebenenfalls wiederverheiraten können, oder »Agunot«, die noch an ihren möglicherweise lebenden Ehemann gebunden sind?

Essenzielle Entscheidungen

In diesem Zusammenhang stellt sich denn auch das Problem, ob und wann eine jüdische Person, deren sterblicher Überreste man nicht oder nur teilweise habhaft werden kann, für verstorben erklärt werden darf oder sogar muss. Es gibt also essenzielle Entscheidungen, bei denen die Halacha, das jüdische Religionsgesetz, in der aktuellen Situation aufgerufen wird.

Aber auch mit vielen anderen Fragen der Religion im täglichen Leben, die nicht nur aktuelle kriegerische Auseinandersetzungen betreffen, befassen sich in Israel verschiedene Institutionen. Eine der bekanntesten ist das Eretz Chemdat Institute in Jerusalem. Es wurde 1987 gegründet und ist heute die führende religiös-zionistische Institution in Israel für die Ausbildung von rabbinischen Richtern (Dajanim).

An jenem traditionsreichen Institut arbeitet auch Rabbiner Ofer Livnat (47). Responsen zu den eben genannten Problemstellungen rund um den Gaza-Krieg bestimmen derzeit einen guten Teil seiner Arbeitswoche. Ein kürzlicher Besuch von Rabbiner Ofer Livnat und seiner Frau Naama in Basel auf Einladung der dortigen jüdischen Gemeinde gab die Gelegenheit, mit dem religiös-zionistischen Rabbiner über aktuelle Themen zu sprechen, nicht zuletzt auch über die Frage des Umgangs der Halacha mit Agunot in Kriegszeiten.

Rabbiner Livnat zeigt im Gespräch auf, dass die schwierige Frage der Frauen, deren Männer verschollen oder verschwunden sind, die Rabbiner seit biblischen Zeiten immer wieder stark beschäftigt hat. So ein Verschwinden konnte verschiedene Gründe haben, der Kriegsfall ist nur einer, wenn auch ein gewichtiger, da in einer kriegerischen Auseinandersetzung natürlich mehr jüdische Männer verschwinden oder getötet werden als in Friedenszeiten.

Ein Rabbiner bekam die Erlaubnis Jordaniens, im eroberten Gebiet nach Leichen zu suchen.

Deshalb suchten die jüdischen Gelehrten über die Jahrhunderte nach praktischen Lösungen. Eine sah vor, dass alle Soldaten einen Scheidungsbrief (Get) unterschreiben, bevor sie in den Krieg ziehen, um so im Notfall eine Scheidung zu erleichtern.

Diese Lösung erwies sich dann aber als menschlich schwierig, da die psychologische Vorbereitung auf eine kriegerische Auseinandersetzung einen Menschen stark absorbieren kann.

»Vor allem in den beiden Weltkriegen, in denen ja auch sehr viele jüdische Soldaten in verschiedenen Armeen dienten, suchte man deshalb nach anderen, menschlicheren Lösungen«, erklärt Livnat. So gab es auch Scheidungsbriefe, die »nur unter gewissen Bedingungen« gültig sein würden, eine Art »Get light«. Dies sollte die psychologische Hürde einer Unterschrift mildern. Für jüdische Soldaten, die sich auf eine kriegerische Auseinandersetzung vorbereiten mussten, ohne zu wissen, ob sie auch wieder zu ihrer Familie zurückkehren könnten, bedeutete es großen zusätzlichen Stress, noch einen Scheidungsbrief unterschreiben zu müssen – selbst wenn diese Scheidung nur hypothetisch war.

Halachische Fragen auf staatlicher Ebene

Mit der Staatsgründung 1948 verlagerten sich diese Probleme auf eine neue, sozusagen staatliche Ebene. Eine wichtige Rolle spielte dabei Raw Schlomo Goren (1917–1994): Er gründete das israelische Militärrabbinat und war selbst der dritte aschkenasische Oberrabbiner des Staates. Er setzte viel darauf, vermisste Soldaten zu identifizieren, um so das Los der Frauen zu erleichtern.

Legendär ist die Erlaubnis jordanischer Behörden nach dem Unabhängigkeitskrieg, mit der Rabbiner Goren im Gebiet von Gusch Etzion, das von Jordanien erobert worden war, nach verschollenen und getöteten Soldaten suchen durfte. Damit setzte er den Standard für den Umgang mit vermissten Juden in aller Welt.

Auch in einigen anderen Fällen, etwa dem Verschwinden des israelischen Unterseebootes »Dakar« 1968, leitete Goren die Ermittlungen bei der Suche nach den Verschollenen, wobei DNA-Analysen damals natürlich noch nicht so ausgereift waren. Das Ziel dabei war immer, den Zweifel (halachisch: Safek) am Tod der betroffenen Soldaten auszuräumen, um den hinterbliebenen Frauen und den Familien das Weiter­leben wenigstens in puncto Gewissheit zu erleichtern.

Klare Hilfestellung

Die Halacha bietet dabei klare Hilfestellung: So sagt der Schulchan Aruch, die Identifikation eines Toten beginne bei seinem Gesicht, und diese müsse nicht zwangsweise durch ein Familienmitglied geschehen. Komplizierter wird es, wenn das Gesicht entstellt oder der Körper gar verbrannt ist, was im Krieg leider Alltag ist. Gegenstände, die bei einem Toten gefunden wurden, reichen für eine Identifikation nicht aus – Livnat erwähnt in diesem Zusammenhang den biblischen Josef: Die Brüder zeigen ihrem Vater Jakow den Mantel Josefs mit angeblich dessen Blut – das aber von einem Tier stammt, wie wir im Tanach lesen.

In jedem Fall muss ein sogenanntes eindeutiges Zeichen (Siman Muwhak) vorliegen, dass es sich wirklich um die gesuchte verstorbene Person handelt. Die heutige Technologie mit einer DNA-Analyse macht diese Vorgabe der Halacha etwas einfacher. Die psychische Belastung für die Angehörigen der verstorbenen Person bleibt aber unverändert.

Nach der jüdischen Lehre beginnt die Identifikation eines Toten im Gesicht.

Jenseits dieser elementaren Fragen um Leben und Tod im Zusammenhang mit dem aktuellen Gaza-Krieg gibt es viele weitere Probleme, deretwegen sich Armeeangehörige oder deren Vorgesetzte bei Rabbiner Livnat und dessen Kollegen im Institut melden: etwa mit der Frage, ob eine am Schabbat oder an einem Feiertag freigelassene Geisel oder ein Gefangener nach Hause fahren darf, obwohl dies vom Religionsgesetz her eigentlich verboten ist.

Die Antwort, die Rabbiner Livnat gleich mitliefert, ist klar: »Ja, diese Person darf fahren.« Denn die Rabbiner gehen davon aus, dass es schwierig würde, religiöse Soldaten für Spezialoperationen zu finden, wenn im Extremfall die Rückkehr aus der Gefangenschaft am Ruhetag nicht gewährleistet wäre.

Neben Antworten zu tagesaktuellen Fragen – auch von jüdischen Gemeinden aus der ganzen Welt –, die bereits in einem Buch veröffentlicht wurden, bietet das Ins­titut Trainingsprogramme für Rabbiner in Ausbildung an. Dabei arbeitet es mit Rabbinern und jüdischen Erziehungspersonen weltweit zusammen, auch intensiv mit der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

Rabbiner Livnat, verheiratet und Vater von vier teilweise schon erwachsenen Kindern (eine Tochter ist bereits selbst verheiratet), hat noch weitere Standbeine: So amtiert er, selbst Aschkenasi, am sefardischen Rabbinatsgericht, dem Beit Din, in London, wohin er auch regelmäßig reist. London ist für ihn aus einem weiteren Grund eine wichtige Station: Livnat schreibt am dortigen University College gerade seine Doktorarbeit zum Thema »Der jüdische Kalender in der Zeit zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert«. Vor allem die Arbeit mit mittelalterlichen Manuskripten habe es ihm dabei angetan, erzählt er im Gespräch.

Charedische Proteste gegen Militärdienst

Und wie sieht der Rabbiner die kürzlichen Großdemonstrationen von charedischen Männern in Jerusalem gegen eine Dienstpflicht für Jeschiwa-Studenten? Livnat hat selbst in einer Hesder Jeschiwa gelernt, einer religiösen Hochschule, die das Torastudium mit dem Dienst im Militär kombiniert, und seine Ausbildung in einer Artillerie-Einheit absolviert.

Als religiöser Jude hält sich Livnat in seiner Antwort offensichtlich an das Verbot von »Laschon Hara«, übler Nachrede, und übt deshalb keine direkte Kritik an den charedischen Rabbinern und Leitern von Jeschiwot und ihren Schülern, die zu Hunderttausenden zum Protest nach Jerusalem kamen.

Doch seine Antwort ist klar und eindeutig: »Es gibt aus unserer Sicht auch nicht den geringsten Gegensatz zwischen Toralernen und dem Dienst in der Armee im Falle der Selbstverteidigung. Unsere Vorväter, von Awraham bis David, haben uns dies gezeigt, und wir sind verpflichtet, ihnen so gut wie möglich nachzueifern.«






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