Eretz Israel

Hier und dort

Ein großes Wunder geschah dort – oder hier. Foto: Thinkstock

Vier Schriftzeichen stehen auf den Seiten des Dreidels, eines jedoch unterscheidet einen Dreidel in Israel von allen anderen. Auf diesen heißt es: »Nes Gadol Haja Scham«, auf denen in Israel: »Nes Gadol Haja Poh«. »Ein großes Wunder geschah dort« gegenüber »Ein großes Wunder geschah hier«. Der Dreidel gibt uns zu verstehen, dass dieser Feiertag eine größere Bedeutung an dem Ort hat, an dem sich das Wunder ereignete. Anders als alle anderen jüdischen Feiertage, die in Israel und in der Diaspora im Wesentlichen denselben Inhalt haben, liefert Chanukka durch diesen Unterschied neue Denkanstöße.

Warum ist es wichtig, das Chanukkawunder besonders zu erwähnen? Hängt das damit zusammen, dass wir bei den anderen jüdischen Feiertagen keinen wesentlichen Unterschied in und außerhalb von Israel vorfinden? So sagen zum Beispiel auch die Einwohner des jüdischen Staates beim Lesen der Haggada am Sederabend, am Ende von Ha Lachma Anya: »Hashata hacha, Le Schanah Habaa Beeretz Israel«. Dieses Jahr sind wir hier, nächstes Jahr werden wir alle in Israel sein! Warum gebührt es sich, die Chanukkafeier auf besondere Weise zu erwähnen und dabei Wert auf die Hervorhebung des Wunders zu legen?

tempel Die Gemara selbst versucht, das Wesen des Chanukkawunders zu verstehen. Sie fragt, worauf das Wunder von Chanukka beruht. »Als nämlich die Griechen in den Tempel eindrangen, verunreinigten sie alle Öle, die im Tempel waren. Als die Herrschaft des Hasmonäerhauses erstarkte und sie besiegte, suchte man im Tempel und fand nichts als ein einziges Krüglein mit reinem Öl, das mit dem Siegel des Hohepriesters versehen war; es war jedoch nur noch so wenig Öl darin, dass es nur für einen Tag reichte. Da geschah ein Wunder, und es brannte acht Tage lang. Im folgenden Jahr bestimmten sie diese Tage zu Festtagen und begingen sie mit Lob- und Dankesliedern« (Babylonischer Talmud, Traktat Schabbat, 21b).

Die Gemara sieht dabei zwei zentrale Elemente als Chanukkawunder an. Das erste Element beruht auf der Geschichte – dem Sieg der Hasmonäer im Kampf gegen die Griechen. Das zweite Element stellt das Wunder dar, dass eine geringe Ölmenge acht Tage lang ausreichte und die Menora damit brennen konnte.

Es ist interessant, dass die Beschreibung des Wunders im Gebet an den Chanukkatagen sich davon unterscheidet. In den Gebeten über die Wunder – Al Hanissim – nehmen vielmehr die Kämpfe die zentrale Stelle ein, während das Ölwunder überhaupt keine Erwähnung findet. »Du übergabst Starke in die Hand der Schwachen, viele in die Hand von wenigen, Unreine in die Hand der Reinen, Böse in die Hand der Gerechten und Frevler in die Hand derer, die sich mit deiner Lehre beschäftigten.« Doch allen ungünstigen Bedingungen zum Trotz, mit denen das Volk Israel in diesem Krieg zu kämpfen hatte, ist ihm dennoch der Sieg gelungen! Das bedeutet, dass ein Wunder eingetreten sein muss.

Maimonides geht in den Chanukkagesetzen (Halachot Chanukka, Kap. 3, Halacha A) ausführlich auf das Wunder des Sieges im Krieg ein und schreibt: »Die Hasmonäer, die großen Priester, haben gesiegt, getötet und haben Israel aus deren Händen befreit und einen König aus den Priestern erhoben. Danach hat das Königreich Israel für weitere 200 Jahre bestanden, bis zur Zerstörung des Zweiten Tempels.«

exil Aus unserer Sicht hat der Krieg an sich keinen Wert. Viel wichtiger war die damit verbundene staatliche Errungenschaft. Mit der Erlaubnis von König Kyros von Persien durfte das Volk Israel aus dem Exil in Babylon zurückkehren. Kyros erteilte ihm auch die Erlaubnis zum Bau des Zweiten Tempels. Dennoch muss man bedenken, dass die ersten 200 Jahre des Zweiten Tempels unter fremder Herrschaft standen. Doch zumindest in religiöser Hinsicht bestand Freiheit, obwohl das Volk Israel keine wahre Unabhängigkeit im eigenen Land genoss.

Dessen erfolgreiche Existenz beruht auf drei zentralen Werten: der Tora, dem Volk und dem Land. Das Einhalten der Tora ist ein grundlegender Wert, ohne den das Wesen des Volkes Israel unklar ist. Seine Einzigartigkeit hängt von der Einhaltung der Tora ab und davon, dass das Leben auf dieser Welt nach gottgefälliger Moral geführt wird. Diese Verbindung verleiht uns Legitimation und Kraft durch die gegenseitige Unterstützung, die Sorge um den Nächsten und durch wechselseitige Hilfe. Das Bewohnen des Landes gehört dazu, da es das Land ist, das unseren Vätern Abraham, Jizchak, Jaakob und deren Samen versprochen wurde. Es ist das Land, das G’tt zu seinem Sitz gewählt hat, und das Land, in dem der Tempel errichtet werden soll.

Das Leben im Land Israel kann sich demnach also auch unter fremder Herrschaft vollziehen. Denn in der Zeit des 2000 Jahre lang anhaltenden Exils nach der Zerstörung des Zweiten Tempels
bis zu der Rückkehr nach Zion und Gründung des Staates Israel im 20. Jahrhundert haben

Juden im Land gelebt, vor allem in den Städten Jerusalem, Hebron, Safed und Tiberias. Diese Juden haben die Mizwot eingehalten, Tora gelernt und im Land Israel ein durch und durch jüdisches Leben geführt. Und sie haben unter der Herrschaft fremder Völker gelebt.

wert Welchen zusätzlichen Wert liefert die Gründung des jüdischen Staats in Eretz Israel? Warum hebt Maimonides hervor, dass das Chanukkawunder einen besonderen Wert innehat, da der Sieg der Makkabäer die Rückkehr des Königreichs nach Israel für weitere 200 Jahre einleitete?

Die Tora sieht einen großen Wert im nationalen Leben. Das gottesfürchtige Leben eines einzelnen Frommen hat nicht denselben Wert wie das gottesfürchtige Leben eines ganzen Volks. Der Allmächtige hat dem Volk Israel Ziele gesetzt, die nationalen Status haben: »Denn ich hab’ ihn ersehen, dass er es hinterlasse seinen Söhnen und seinem Hause nach ihm, dass sie wahren den Weg des Ewigen, zu tun Gebühr und Recht …« (1. Buch Moses 18,19). »Aber ihr sollet mir sein ein Priesterkönigreich und ein heiliges Volk.« Israel als Volk muss als Musterbeispiel für andere Völker dienen.

Unter der Herrschaft fremder Völker, die die Regeln vorschreiben, kann man kein integres nationales Leben führen. Die staatliche Unabhängigkeit des Volkes Israel ist für die ganze Welt von Bedeutung. Wenn das Volk Israel sein Land bewohnt und seinen Staat nach den Maßstäben der Moral der Tora führt, nehmen Ökonomie, Sicherheit, Kultur und die Handlungen des Staates eine völlig andere Bedeutung an. Diese Vollständigkeit kann für die ganze Welt ein Beispiel liefern.

Maimonides wusste selbstverständlich auch, dass jene 200 Jahre des Königreichs nicht die besten waren. Sie waren die Jahre von Königen, denen das Regieren nicht gebührte, und als die Ära zu Ende ging, hat sich der Hass innerhalb des Volkes Israel verschärft, und der Zweite Tempel wurde zerstört. Dennoch sehen wir, dass diese Ära eine besondere Tugend mit sich brachte. Es war eine Ära, in der das Volk Israel für seine Handlungen sühnen und sie korrigieren konnte, seine Werte an den Tag brachte und anderen Völkern als Beispiel diente.

selbstverständnis Chanukka ist demzufolge tatsächlich ein Fest, das unserem Selbstverständnis – unserer Verbindung zu Eretz Israel – stärkeren Ausdruck verleiht als andere Feste. Der Unterschied zwischen einem Wohnsitz im Rest der Welt und einem Wohnsitz in Eretz Israel besteht nicht nur im Wetter und der Schönheit des Landes, sondern er besteht im Aufbau eines jüdischen Regierungssystems nach den Maßstäben der Moral der Tora und der Propheten. Es ist ein System von Zedaka und Recht, ein System, in dem alle Handlungen bestrebt sind, ein Leben in g’ttgefälliger Moral zu führen.

Daher wird bei diesem Fest nicht nur des Wunders an sich gedacht, sondern es wird betont, dass man sich daran erinnern möge, dass das große Wunder dort – in Eretz Israel – geschehen ist. Die Bedeutung des Wunders besteht darin, dass es sich in Eretz Israel ereignet hat.

Insbesondere in dieser Zeit, der Ära nach der Gründung des Staates Israel, gebührt es sich, dass wir beten, um den Staat Israel zu stärken. Möge das Licht von Chanukka leuchten, mitten darin, damit dem Volk Israel die Möglichkeit gewährt wird, seine Wege zu korrigieren und anderen Völkern als Licht zu dienen.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Kultusgemeinde Groß-Dortmund.

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