Erkenntnis

Grenzen der Freiheit

Bis hierhin und nicht weiter: Es gibt Linien, die der Mensch nicht übertreten darf. Foto: Thinkstock

Erkenntnis

Grenzen der Freiheit

G’tt will, dass der Mensch sich für das Gute entscheidet – und das Böse nicht in Erwägung zieht

von Rabbiner Avichai Apel  09.10.2017 11:50 Uhr

Der Mensch wurde am Berg Moria erschaffen. Danach brachte G’tt ihn in den Garten Eden. Dort stehen Bäume, von denen sich der Mensch ernähren kann. Es gibt aber auch zwei Bäume, deren Früchte dem Menschen nicht erlaubt sind: jene vom Baum der Erkenntnis und jene vom Baum des Lebens. Sie sind die einzigen Bäume, die nicht für den Menschen da sind. Warum darf er von den beiden Bäumen nicht essen? Was würde geschehen, wenn er es doch täte?

Wissen und Erkenntnis machen uns mächtig. Diktaturen verheimlichen Informationen oder verwehren den Zugriff. Zu dem, was das Volk nicht weiß, kann es keine Fragen stellen. Und wer es nicht gewohnt ist, zu wählen, dem fällt es schwer, Entscheidungen zu treffen. Andersherum gilt aber auch: Je mehr man weiß, desto schwerer fällt es, eine Entscheidung zu treffen. Anders als die anderen Geschöpfe verfügt der Mensch über den freien Willen. Unsere Fähigkeit zu lernen, hilft uns, die Vor- und Nachteile von vielem zu entdecken.

Entscheidung Nachdem Adam und Chawa vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, öffnen sich ihnen die Augen. Sie sehen zwar alles genauso wie früher, verstehen plötzlich aber auch das, was sie sehen. Für viele Kommentatoren ist der Baum der Erkenntnis auch der Baum des Willens. Der menschliche Wille war bisher nicht begrenzt. Der Mensch wusste zwar auch vorher schon sehr viel. Doch nun werden ihm weitere Dinge offenbart, die sich auf seine Entscheidungen auswirken.

G’tt erwartet vom Menschen, dass er das Gute wählt und das Böse nicht als Option in Erwägung zieht. Bevor der Mensch vom Baum der Erkenntnis gegessen hatte, wollte er nur das Gute. Der Entschluss, die Frucht zu essen, schuf eine neue Situation, in der der Mensch in seinen Entscheidungen verwirrt ist und sich erlaubt, das Schlechte zu bevorzugen. Seine Entscheidungsfähigkeit ist nicht mehr nur vom Willen beeinflusst, gut zu handeln. Er ist überzeugt, dass seine Entscheidung richtig ist, ohne sich dessen bewusst zu sein, dass er manchmal von bösen Ideen beeinflusst wird.

Der Mensch ist anders als alle anderen Geschöpfe. Kein weiteres Geschöpf erhält Anweisungen von G’tt. »Von allen Bäumen des Gartens magst du essen, aber vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, von dem sollst du nicht essen, denn an dem Tag, da du von ihm isst, musst du sterben« (1. Buch Mose 2, 16–17).

Der Baum der Erkenntnis öffnet für den Menschen mehr Möglichkeiten als allen anderen Geschöpfen. Nachdem sich Adams und Chawas Augen geöffnet haben, macht sich G’tt Sorgen um sie – und vertreibt sie aus dem Garten Eden. Die Gefahr, dass der Mensch jetzt auch noch vom Baum des Lebens essen wird, ist größer denn je.

Kopf Um sich für das Richtige zu entscheiden, soll man alles mit klarem Kopf und reinem Herzen prüfen. Man darf nicht seine körperlichen Triebe entscheiden lassen. Der Mensch darf nicht subjektiv, sondern er soll objektiv denken – und langfristig.

Der Rambam, Maimonides (1135–1204), erklärt, dass der Mensch vor dem Sündenfall zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden konnte. Jetzt kann er sogar zwischen dem Guten und dem Schlechten entscheiden. Der Baum des Lebens bekommt nach der Sünde des Menschen eine neue Bedeutung.

G’tt befiehlt Adam, nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen (2, 16–17). Nach dem Sündenfall hat Er eine neue Sorge geäußert: »Da, der Mensch ist geworden wie unser einer im Erkennen von Gut und Böse. Und nun könnte er gar seine Hand ausschicken und auch vom Baum des Lebens nehmen und essen und ewig leben.«

Ein Mensch, der etwas Gutes tut, kann ein langes Leben genießen. Sein Leben ist voller Bedeutung, und je länger er lebt, umso besser ist es für die Welt. Aber das Leben eines Menschen, der Böses tut, sollte man begrenzen. Es muss einen Zeitpunkt geben, ab dem der Mensch darüber nachdenkt, ob er weiter dem falschen Weg folgt oder sich zum Guten kehrt.

Nachdem Adam und Chawa vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, besteht die Gefahr, dass sie auch vom Baum des Lebens essen – mit dem Ziel, Schlechtes zu tun. Das will G’tt auf keinen Fall. Wenn der Mensch ewig leben würde, dann gäbe er sich den unterschiedlichsten Genüssen hin, die nichts Gutes bringen. Das widerspricht dem Ziel der Schöpfung des Menschen. G’tt wollte von Anfang an, dass der Mensch in seinem Willen und seinen Taten gut bleibt. Jetzt, da er in der Lage ist, sich auch mit dem Bösen zu beschäftigen, ist es besser, er hat nicht die Möglichkeit, ewig zu leben.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Frankfurt/Main und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland.

Inhalt
Mit dem Wochenabschnitt Bereschit fängt ein neuer Jahreszyklus an. Die Tora beginnt mit zwei Berichten über die Erschaffung der Welt. Aus dem Staub der aus dem Nichts erschaffenen Welt formt der Ewige den Menschen und setzt ihn in den Garten Eden. Adam und Chawa wird verboten, vom Baum der Erkenntnis zu essen, der inmitten des Gartens steht. Doch weil sie – verführt von der Schlange – dennoch eine Frucht vom Baum essen, weist sie der Ewige aus dem Garten. Draußen werden ihnen zwei Söhne geboren: die Brüder Kajin und Hewel. Der Ältere, Kajin, tötet seinen Bruder Hewel.
1. Buch Mose 1,1 – 6,8

Interview

»Meine Musik soll Herzen öffnen«

Motty Steinmetz ist in der orthodoxen Welt ein Superstar. Sein Großvater überlebte Auschwitz, nun tritt er zum ersten Mal in Deutschland auf. Wir haben mit dem chassidischen Sänger gesprochen

von Jan Feldmann, Mascha Malburg  31.08.2026

Ki Tawo

Demut ist größer als Erfolg

Was die Tora über Dankbarkeit, Besitz und den respektvollen Umgang mit anderen lehrt

von Rabbiner Elie Dues  28.08.2026

Rezension

»Eine ziemlich dramatische Zeit«

Rabbiner Walter Rothschild wäre beinahe an einer Infektion gestorben – nun hat er über den Kampf um sein Leben geschrieben

von Detlef David Kauschke  28.08.2026

Talmudisches

Die Folgen des Hasses

Was unsere Weisen über die Konsequenzen aus Feindschaft und Groll lehrten

von Chajm Guski  27.08.2026

Schule

Jüdisch alphabetisiert

Zum ersten Mal seit der Schoa entstehen in Deutschland Arbeitsbücher für den jüdischen Religionsunterricht. Der erste Band widmet sich der Tora und ist nun erschienen

von Mascha Malburg  25.08.2026

Einspruch

Jeden Tag neu

Rabbinerin Ulrike Offenberg erinnert daran, dass im Elul alle Verantwortung tragen, sich selbst zu verändern

von Rabbinerin Ulrike Offenberg  25.08.2026

Ki Teze

Geben statt nehmen

In der Ehe wie in der Beziehung zu G’tt geht es nicht darum, was uns zusteht, sondern darum, was wir aus Liebe für den anderen tun können

von Vyacheslav Dobrovych  21.08.2026

Zedeka

Mehr als Mitleid

Sollte man Bettlern immer etwas geben, und wenn ja, wie viel? Eine jüdisch-ethische Betrachtung zu Menschlichkeit, Verantwortung und Urteilskraft

von Rabbiner Raphael Evers  21.08.2026

Talmudisches

Ein jüdischer Münchhausen

Was unsere Weisen über fantastische Geschichten, Seeungeheuer und unvorstellbar große Vögel zu erzählen wussten

von Rabbinerin Yael Deusel  20.08.2026