Schöpfung

Glaube und Wissenschaft

Vor 4,5 Milliarden Jahren erschaffen oder vor 5871 Jahren? Foto: Getty Images/iStockphoto

Mit biblischen Geschichten hat man es nicht leicht. Stimmt es wirklich, was dort steht? Existierten Awraham, Jizchak und Jakow tatsächlich? Waren Juden in Ägypten versklavt und wanderten nach dem Auszug 40 Jahre lang durch die Wüste?

Während man sich bei diesen Ereignissen noch einigermaßen vorstellen kann, dass es tatsächlich so war, oder zumindest, dass solche Personen irgendwann je existierten, wird es bei der Schöpfungsgeschichte richtig schwierig.

vergleich Sogar die Menschen, die das Judentum insgesamt positiv betrachten, können sich nicht überwinden, an die in der Tora beschriebene sechstätige Schöpfung zu glauben. Und das besonders deshalb, weil das Alter der Erde im Judentum (5781 Jahre) im Vergleich zu den mehr als vier Milliarden Jahren, die dem aktuellen Stand der Wissenschaft entsprechen, wie ein Witz wirkt.

Rabbiner werden bei Diskussionen ständig darauf angesprochen, warum intelligente Juden immer noch glauben, unsere Welt sei weniger als 6000 Jahre alt

Rabbiner werden bei Diskussionen ständig darauf angesprochen, wie es sein kann, dass intelligente Juden immer noch glauben, unsere Welt sei weniger als 6000 Jahre alt. Intelligente Rabbiner haben natürlich auch darauf eine Antwort – ja, sogar mehrere Antworten! −, wie diese geringe Zahl an Jahren zu erklären ist. Doch was bei solchen Diskussionen überhaupt nicht erwähnt wird, ist die Frage, wie das wissenschaftliche Alter der Erde zustande kommt und wie sicher wir sein können, dass diese Zahl auch stimmt.

Betrachten wir also die 4,5 Milliarden Jahre, nach Erkenntnissen der Wissenschaft das Alter unserer Welt, und nicht die 5781 Jahre, die von jüdischen Weisen überliefert sind! Die Frage nach einer Prüfung der wissenschaftlichen Erkenntnisse ist bei Weitem nicht so seltsam, wie sie klingt. Diejenigen, die mit der Geschichte der Wissenschaft vertraut sind, wissen, wie oft sich Wissenschaftler in der Geschichte der Menschheit geirrt haben.

LICHT Das beste Beispiel dafür ist wohl die Erforschung der Natur des Lichts: Innerhalb mehrerer Jahrhunderte wurde immer wieder eine bestimmte Theorie für einzig richtig erklärt, bis sie durch neue Erkenntnisse hinterfragt wurde. Es dauerte relativ lange, bis man mit dem Welle-Teilchen-Dualismus endlich auf die richtige Lösung kam.

Der siebte Lubawitscher Rebbe, Menachem Mendel Schneerson (1902–1994), hat in einem seiner Briefe das Thema der wissenschaftlichen Erkenntnis aufgegriffen. Dabei war der Rebbe wohl einer von wenigen Rabbinern, die dieses Thema auch mit wissenschaftlichem Blick angehen konnten: Nach Studien der Mathematik, Physik, Philosophie und der Ingenieurswissenschaften in Berlin und Paris hat er bei seiner Ankunft in Amerika 1941 sogar eine Weile als Ingenieur beim Brooklyn Navy Yard in New York gearbeitet.

Erstens sollten wir zwischen empirischen und experimentellen Wissenschaften unterscheiden, bevor wir die Erkenntnisse betrachten. Es macht, so Rabbiner Schneerson, einen Unterschied, ob eine Wissenschaft vorhandene Erscheinungen beschreibt und beobachtet, oder ob man es mit unbekannten Ereignissen zu tun hat, die nie im Labor wiederholt werden können. Mit der Entstehung der Welt befasst sich eher eine empirische Wissenschaft, denn keiner kann die damaligen Ereignisse im Labor nachstellen.

METHODE Das zweite Merkmal wäre die Methode, die bei einer wissenschaftlichen Arbeit angewendet wird. Auch hier gibt es zwei Optionen: die Interpolation und die Extrapolation. Bei der ersten Methode betrachten wir eine Änderung innerhalb der bekannten Punkte. Bei der zweiten Methode schließen wir auf Änderungen außerhalb der bekannten Reihe.

Offensichtlich ist die Extrapolation ungenauer als die Interpolation. Selbstverständlich handelt es sich auch bei der Bestimmung des Alters unserer Welt um eine Extrapolation, was diese Bestimmung offensichtlich unsicher macht. Jedoch gibt es noch einen Faktor, der bei dieser Betrachtung berücksichtigt werden muss. Bei jeder chemischen Reaktion, ob Zerfall oder Bindung, könnte das Einfügen eines Katalysators die Form oder die Geschwindigkeit des Prozesses stark ändern oder einen komplett neuen chemischen Prozess starten.

Auch Wissenschaft arbeitet mit Theorien und nicht mit unanfechtbaren Fakten.

Auch wenn die erwähnten Faktoren schon die Schwächen der Altersbestimmung aufweisen, gibt es in diesem Bereich der Wissenschaft noch einen zusätzlichen Widerspruch. Die ganze Theorie der Altersbestimmung von uralten Gegenständen basiert auf der Forschung über das Verhalten von Atomen, so wie sie heutzutage existieren. Ob die Atome und die Konglomerate von Atomen in ihrem Ursprung das gleiche Verhalten und die gleiche Zusammenwirkung hatten, kann man auf keine Weise garantieren.

Aufgrund der von ihm genannten Fakten bringt der Rebbe alle Probleme der Altersbestimmung der Erde auf den Punkt: Erstens wurden diese Theorien nur aufgrund einer extrem kurzen Beobachtungsspanne (ein paar Jahrhunderte) aufgestellt. Die ermittelten Werte werden mit der schwachen Extrapolationsmethode mithilfe von Induktion auf Tausende und Millionen Jahre geschlussfolgert.

RADIOAKTIVITÄT Außerdem kann keiner garantieren, dass bei der »Geburt« der Welt die Temperatur, der Druck, die Radioaktivität und die katalysierenden Faktoren nicht völlig anders waren als die Bedingungen, die heute herrschen. Dazu muss man auch die Meinung mehrerer Wissenschaftler berücksichtigen, dass am »Anfang« viele radioaktive Elemente vorhanden sein sollten, die jetzt entweder komplett fehlen oder nur in minimaler Menge vorkommen.

Und wenn man diese Theorien selbst betrachtet, setzt das voraus, dass am Anfang der Herausbildung der Welt die Bildung der einzelnen Atome, ihre Agglomeration und ihre Bindungen von absolut unbekannten Prozessen begleitet werden und unvorstellbare Änderungen hervorrufen sollten, von denen heutzutage keiner auch noch die leiseste Ahnung haben kann.

Daraus ist ersichtlich, so Rabbiner Schneerson, dass von allen wissenschaftlichen Theorien gerade diejenigen über die Altersbestimmung der Erde am schwächsten und am problematischsten sind.

Der Rebbe beabsichtigte damit keineswegs, wissenschaftliche Methoden zu diskreditieren. Er gab jedoch einen wichtigen Anstoß, der vielleicht ein wenig die Schärfe aus den Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern der Evolutionstheorie und ihren Gegnern nehmen könnte: Auch Wissenschaft arbeitet mit Theorien und nicht mit unanfechtbaren Fakten.

Der Autor ist Rabbiner der jüdischen Gemeinden zu Halle und Dessau und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz (ORD).

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