Talmudisches

Fledermaus

Foto: Getty Images/iStockphoto

Talmudisches

Fledermaus

Unsere Weisen diskutieren: Handelt es sich um ein Kriechtier unter den Vögeln oder einen Vogel unter den Kriechtieren?

von Rabbinerin Yael Deusel  09.01.2026 09:04 Uhr

Zweimal werden in der Tora die zum Verzehr geeigneten und die unreinen Vogelarten genannt. Unter denen, die von den Kaschrutregeln her verboten sind, finden wir auch die Fledermaus. Zwar mag die Fledermaus entfernt einem Vogel ähneln, doch es handelt sich tatsächlich um ein Säugetier. Genau betrachtet, sieht sie aus wie ein Nagetier mit Flügeln. Dies verblüffte auch die Gelehrten der talmudischen Zeit.

In Chullin 63a finden wir eine Diskussion darüber, ob die Fledermaus als Kriechtier unter den Vögeln zu betrachten sei oder als Vogel unter den Kriechtieren. Auch wenn sie in der Tora unter den unreinen Vogelarten aufgelistet wird, bestanden hier offenbar bereits Zweifel über diese Zuordnung, wenngleich Maimonides, der Rambam (1138–1204), die Fledermaus später wieder den Vögeln zurechnet. Vielleicht bezog er dabei die Aussage aus Bechorot 7b mit ein, dass Fledermäuse zwar Eier legen, aber ihre Jungen säugen.

Heute wissen wir, dass Fledermäuse keine Eier legen, sondern lebendgebärende Säugetiere sind. Vermutlich beruht dieses Missverständnis der früheren Gelehrten darauf, dass für sie die Fledermaus eben doch eine Art Vogel war, und Vögel legen in der Regel Eier. Sicher war man sich allerdings, dass dieses seltsame geflügelte Wesen sich nachts vermehrt, denn es ist ein nachtaktives Tier.

Gerade ihre Nachtaktivität machte die Fledermaus unseren Weisen suspekt. Und sie betrachteten sie als etwas Unheimliches, von dem man sich unbedingt fernhalten sollte. In Sanhedrin 98b wird sie gar mit einem Heretiker verglichen, der spirituell gesehen in der Finsternis lebt. Moïse Schwab (1839–1918), der den Jerusalemer Talmud ins Französische übersetzte, bringt die Fledermaus in Verbindung mit einer Fehlgeburt (Moed Katan 1,4), die nie das Licht der Sonne erblickt hat. Dies bezieht sich aber wohl nicht nur auf die Lichtscheu der Fledermaus, denn in Nidda 24b wird im Zusammenhang mit Abgängen und Fehlgeburten beim Menschen auch über Missbildungen von Föten gesprochen, die für die Rabbinen mitunter ein »dämonisches« Aussehen hatten.

Es galt als böses Omen, im Traum eine Fledermaus zu sehen.

Konkret ist hier die Rede von Föten, die einer Art Lilith gleichen und als ein Wesen mit einem menschlichen Gesicht, aber Flügeln anstelle von Armen beschrieben werden. Es handelt sich dabei aus heutiger medizinischer Kenntnis um eine Fehlbildung in der frühen Schwangerschaft, sodass die Ärmchen dann in der Tat flügelartig erscheinen können und der Fötus in Form und Größe ganz entfernt einer neugeborenen Fledermaus ähneln mag. Diese Sicht ist jedoch stark geprägt vom Aberglauben der damaligen Zeit, dass Lilith nachts als geflügelte Dämonin unterwegs ist. Es galt auch als böses Omen, im Traum eine Fledermaus zu sehen (Berachot 57b).

Die Fledermaus als potenzieller Dämon begegnet uns noch einmal in Schabbat 1,3, wo es heißt, dass sie zum Vampir werden kann. Bava Kamma 16a beschreibt, dass eine insektenfressende Fledermaus (atalef) nach sieben Jahren zu einer pflanzenfressenden (arpad) wird, und irgendwann schließlich zu einem Dämon. Im heutigen Hebräisch bezeichnet »arpad« einen Vampir, aber auch eine blutsaugende Fledermausart, die allerdings fast ausschließlich in Südamerika vorkommt.

Nun gibt es in der großen Familie der Fledermäuse insektenfressende ebenso wie solche, die sich von Früchten ernähren, und tatsächlich auch blutsaugende und fleischfressende Arten. Diese gehören jedoch von vornherein verschiedenen Gattungen an. Allen gemeinsam ist ihre nächtliche Jagd nach Nahrung, was eine gute Orientierung voraussetzt. Freilich erfolgt diese bei Fledermäusen keineswegs über die Augen. Doch ist der Talmud der Ansicht, dass man Fledermausblut auf das Auge auftragen solle, um die Sehkraft bei grauem Star zu verbessern (Schabbat 78b), und noch im Mittelalter glaubte man, es helfe als Mittel gegen Nachtblindheit.

Die Fledermaus bleibt damit ein Beispiel dafür, wie Naturbeobachtung, religiöse Symbolik und auch Aberglaube im talmudischen Denken ineinandergreifen.

Erlösung

Nur ein scheinbarer Gegensatz

Warum wir an die Ankunft des Maschiach glauben sollten – aber nicht an einen Zeitpunkt

von Vyacheslav Dobrovych  16.10.2026

Talmudisches

Bier

Was unsere Weisen über Getränke und ihre Wirkung lehren

von Rabbinerin Yael Deusel  16.10.2026

Noach

Die Entstehung der Vielfalt

Wie nach der Sintflut eine neue Ordnung der Menschheit ihren Anfang nahm

von Yonatan Amrani  15.10.2026

Dresden

Tora-Projekt wird verlängert

Mitten in Dresden wird derzeit in aller Öffentlichkeit eine Tora-Rolle geschrieben. Das Projekt soll jüdisches Leben sichtbar machen. Die Schreiberin sitzt in einem gläsernen Pavillon

 14.10.2026

Talmudisches

Klassengröße

Was unsere Weisen über das Lernen in Gemeinschaft lehren

von Yizhak Ahren  09.10.2026

Erziehung

Der widerspenstige Sohn

Wer sich gegen seine Eltern auflehnt, soll laut Tora mit dem Tod bestraft werden. Die jüdische Tradition ringt mit dem Text und fragt, wie Familien miteinander verbunden bleiben

von Shoshana Ruerup  09.10.2026

Bereschit

Worte retten Leben

Rechtzeitig miteinander zu sprechen, kann Hass und Gewalt verhindern und Versöhnung möglich machen

von Rabbiner Joel Berger  08.10.2026

Dialog

Zwischen Vatikan und Juden geht nach dem 7. Oktober kaum noch was

Seit Jahrhunderten ist das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und Juden turbulent. Nach einem Zwischenhoch unter Johannes Paul II. kühlte es wieder ab. Und seit dem Gazakrieg nähert es sich einem neuen Tiefpunkt

von Ludwig Ring-Eifel  06.10.2026

Schweiz

Ein Importverbot von koscherem Fleisch gefährdet jüdisches Leben

Ein Kommentar von Jonathan Kreutner, Generalsekretär des jüdischen Dachverbands SIG

von Jonathan Kreutner  02.10.2026