Halacha

Entdecken, was über uns ist

Die Firma SpaceX bietet schon heute touristische Raumflüge an. Doch der Weg bis zum Mond ist nach wie vor zu gefährlich. Die Rakete im Bild sollte im April 2023 erst einmal ohne Besatzung fliegen. Doch kurz nach dem Start geriet sie außer Kontrolle und wurde nach einigen Minuten gesprengt. Foto: picture alliance / abaca

Halacha

Entdecken, was über uns ist

Irgendwann könnte der Mensch als Tourist zum Mond fliegen. Aber sollte er das auch?

von Rabbiner Dovid Gernetz  19.01.2024 09:23 Uhr

Am 20. Juli 1969 landeten die drei US-amerikanischen Astronauten Neil Armstrong, Edwin Aldrin und Michael Collins im Rahmen der Raumfahrtmission Apollo 11 als erste Menschen auf der Mondoberfläche. Millionen Fernsehzuschauer verfolgten, wie die Mondlandefähre »Eagle« sich in den staubigen Boden unseres Trabanten krallte. Neil Armstrong kletterte aus der Raumkapsel und betrat als erster Mensch die Mondoberfläche mit dem legendären Spruch: »Thatʼs one small step for a man, one giant leap for mankind!«

Die Mondlandung war ein Meilenstein in der Raumfahrtgeschichte der Menschheit. Mehr als 50 Jahre später startete nun erneut eine US-Raumfahrtmission zum Mond. Die »Peregrine« hob am 8. Januar vom Weltraumbahnhof Cape Canaveral in Florida ab. Mit der unbemannten Rakete sollte die erste kommerzielle Landung auf der Mondoberfläche gelingen. Jedoch meldete der US-amerikanische Hersteller Astrobotic Technology schon nach kurzer Zeit technische Probleme. Als sich dann auch noch ein Treibstoffleck auftat, stand endgültig fest, dass das 108 Millionen US-Dollar teure Projekt gescheitert war.

Astrobotic ist das dritte Privatunternehmen, dem der Versuch der ersten kommerziellen Landung auf dem Mond misslingt. Im Jahr 2019 war die israelische Sonde »Beresheet« von SpaceIL an der Mondoberfläche zerschellt. Ironischerweise ist in einem Kinderbuch über Raumfahrt aus dem Jahr 2001 zu lesen, dass ungefähr im Jahr 2020 »Raumflugzeuge so selbstverständlich durchs All fliegen werden, wie Großraumflugzeuge den Atlantik überqueren«.

Wie steht das Judentum eigentlich zu Weltraumfahrten und Mondreisen?

Allem Anschein nach wird es noch etwas dauern, bis sich diese Prophezeiung erfüllt. Doch wenn es so weit ist, stellen sich tatsächlich spannende halachische Fragen: Wie steht das Judentum eigentlich zu Weltraumfahrten und Mondreisen?

Die Tora verbietet, sich bewusst in Gefahr zu begeben.

Der 2011 verstorbene chassidische Rabbiner Menashe Klein war der Ansicht, dass es aus halachischer Sicht verboten sei, zum Mond zu reisen. Er erklärt, dass die Reise ins Weltall und der Aufenthalt auf dem Mond aufgrund des fehlenden Sauerstoffs mit großer Gefahr verbunden sind. Und die Tora verbietet, sich bewusst in Gefahr zu begeben, so wie es im 5. Buch Mose heißt: »So hütet euch denn sehr für eure Seelen« (4,15).

Rabbi Menashe Klein äußerte seine Überlegungen im Jahr 1971. Man könnte einwenden, dass sich Wissenschaft und Technologie nach mehr als einem halben Jahrhundert um einiges weiter entwickelt haben und die Raumfahrt grundsätzlich sicherer geworden ist, aber das jüngst gescheiterte Projekt von Astrobotic bezeugt, dass wir noch lange nicht an dem Punkt sind, wo eine Mondreise so harmlos wäre wie ein Flug in den Urlaub. Jederzeit kann etwas Unerwartetes passieren.

Ins Weltall reisen und Mizwot – wie geht das zusammen?

Ein noch lebender Rabbiner, der sich mit diesem Thema befasst, ist der 1926 geborene Rabbi Moshe Sternbuch, der neulich zum Raavad, also zum obersten Richter der ultraorthodoxen Eidah HaCharedit in Jerusalem, ernannt wurde. In seinen Responsen teilt er die grundsätzliche Meinung von Rabbi Klein, dass die Reise ins Weltall verboten ist. Er nennt jedoch einen anderen Grund: Durch die Reise ins Weltall entbindet man sich aufgrund der gravitativen Zeitdilatation der Mizwot, die zeitabhängig sind.

Ein Beispiel: Wenn es keinen klaren Sonnenaufgang mehr gibt, verschwimmt auch das Zeitfenster, in dem das Morgengebet verrichtet wird. Und wann beginnt der Schabbat, wenn es keinen Horizont gibt, hinter dem die Sonne verschwindet?

Im Weltall wird es schwierig, den Schabbat zu halten.

Zusätzlich äußert sich Rabbi Sternbuch skeptisch darüber, ob das Milliarden-Investment in die Weltraumforschung seinen Preis wert ist. Und eine kommerzielle Mondreise zum privaten Vergnügen ist aus religiöser Sicht sicher auch keine besonders sinnvolle Geldausgabe.
Wer jedoch, wie wohl die allermeisten von uns, nicht einmal auf den Gedanken käme, einen milliardenschweren Flug ins All zu buchen, muss dennoch vorsichtig sein.

Denn man kann auch auf der Erde ein halachisches Problem mit dem Mond bekommen. Rabbi Schmuel HaLevi Wosner wurde einmal gefragt, ob das Mitverfolgen der Live-Übertragung der Mondlandung im Widerspruch zur Mischna steht. Denn im Traktat Chagiga steht, dass es vier Tätigkeiten gibt, für die der Mensch besser nicht auf die Welt gekommen wäre. Eine davon ist, wenn der Mensch sich damit beschäftigt, was »über« ihm ist.

Was ist damit gemeint? Rabbi Wosner erwähnt zwei mögliche Interpretationen: Zum einen kann damit wörtlich die intensive Beschäftigung mit dem Weltall gemeint sein, zum anderen Überlegungen über spirituelle Welten über uns. Auch wenn sich die Mischna auf die Erforschung des Weltalls bezieht, ist er nicht davon überzeugt, dass das alleinige Verfolgen der Live-Übertragung darunter fallen würde. Sein Psak, also seine halachische Entscheidung, lautet, dass man es vermeiden sollte, sich die Übertragung anzusehen. Ein komplettes Verbot spricht er nicht aus.

Die erste Mondlandung vor fast 55 Jahren

Zweifelsohne hat die erste Mondlandung vor fast 55 Jahren einen bleibenden Eindruck auf die schätzungsweise 600 Millionen Fernsehzuschauer gemacht. Auch den renommierten Rabbiner und Autor Rabbi Menachem Mendel Kasher hat sie inspiriert. 1970 veröffentlichte er ein Werk unter dem Titel HaAdam Al HaYareach – Der Mensch auf dem Mond, in dem er sich mit weiteren halachischen und philosophischen Fragen bezüglich des Mondes auseinandersetzt.

Der Beitrag von jüdischen Gelehrten im Bereich der Astronomie ist übrigens so groß, dass es auf der Mondoberfläche vier Einschlagskrater gibt, die von der Internationalen Astronomischen Union nach ihnen benannt wurden: »Messala« nach dem persisch-jüdischen Astrologen Mashaʼallah ibn Athar, dann »Abenezra« nach Abraham ibn Esra, der nicht nur Bibelkommentare verfasst hat, sondern auch astronomische Überlegungen anstellte. Schließlich der Krater »Zagut« nach dem sefardischen Astronomen und Rabbiner Abraham Zacuto, und der Krater »Rabbi Levi« nach dem französischen Mathematiker, Philosophen und Rabbiner Levi ben Gershon. Doch bis die ersten Menschen diese Krater betreten, wird es wohl noch eine Weile dauern.

Der Autor ist Assistenz-Rabbiner der Gemeinde Kahal Adass Jisroel und Dozent am Rabbinerseminar zu Berlin.

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