Bereschit

Die Freiheit der Schöpfung

Foto: Getty Images/iStockphoto

Mit der Existenz unserer Welt sind viele Fragen verbunden. Noch bevor wir die Frage beantworten, nach welchen Regeln wir uns in dieser Welt orientieren sollen, stellen wir uns Fragen, die mit dem Schöpfer und der Schöpfung verbunden sind. Wann wurde die Welt erschaffen? Ist sie erschaffen worden, oder war sie schon immer da? Für uns ist vor allem die Frage von Bedeutung, ob es einen Schöpfer gibt – und wie sowie ob wir mit ihm kommunizieren können und sollen. Hat Er Interesse daran, oder hat Er sich zurückgezogen, nachdem er die Welt erschaffen hatte?

Die Anwesenheit G’ttes in der Welt wird uns als selbstverständlich dargestellt. Es gab eine Schöpfung, es gibt einen Schöpfer, und Er ist für uns da. Warum sprechen wir Juden aber wenig von Ihm?

Die Rolle des Schöpfers hat sich in der Tora gewandelt. Er bleibt uns nicht als fremde Person erhalten. Im Vordergrund steht seine Nähe zur Menschheit und zur Schöpfung. Er ist zwar der Schöpfer, aber gleichzeitig ist Er für uns da als G’tt, der uns ständig begleitet, Erwartungen vorgibt und sich seinem Werk anpasst. Die Welt wurde uns von Ihm gegeben, nicht als fertiges Produkt, das wir allein behandeln sollen. Es gibt sogar eine Entwicklung in der Frage, wie Er, der G’tt der Schöpfung, dessen Anwesenheit für alle Wesen von Bedeutung ist, die Welt regieren wird.

Was nicht passte, hatte kein Existenzrecht: Jeder Fehler wurde sofort beseitigt

Anfangs wollte Er die Welt nur im Sinne der Gerechtigkeit leiten, das heißt, alles musste sehr genau gemacht werden, und was nicht passte, hatte kein Existenzrecht. Jeder Fehler wurde sofort beseitigt. Nachdem Er aber gesehen hatte, dass dies nicht funktionierte, da die Geschöpfe eine eigene Dynamik haben, wechselte Er zur barmherzigen Regie. Dabei können auch Fehler gemacht werden, doch Er zeigt uns die Wege, wie wir diese Fehler verbessern können (Raschi, 1. Buch Mose 1,1).

Zu Beginn dieses ersten Wochenabschnitts der Tora, Paraschat Bereschit, werden die ersten Begegnungen von Mensch, G’tt und Welt geschildert: Adam und Chawa, die Schlange und G’tt, Adam und sein Wohnort im Paradies, seine Vertreibung durch G’tt, Kajin, Hewel und G’tt.

In allen Erzählungen kommen alle drei zusammen, kommunizieren miteinander und führen Beziehungen, die deren Fortschritte beeinflussen. Diese Begegnungen beschäftigen uns alle tagtäglich und bringen zahlreiche Erlebnisse mit sich. Sie werfen auch Fragen auf, manche können wir beantworten, manche werden subjektiv verstanden, je nach Wahrnehmung.

Suche nach der obersten Kraft

G’tt ist da, aber wer ist Er? Bei der Suche nach der obersten Kraft und dem Mächtigsten, der in dieser Welt agieren kann, sind Menschen zu unterschiedlichen Antworten gekommen: Atheismus, also die Verleugnung jeder Art von oberster Regierung; Polytheismus oder Vielgötterei, der Versuch, für jede Aktion in der Welt eine eigene Kraft zu benennen; und schließlich der uns bekannte und vertraute Monotheismus – der Glaube an den einen einzigen G’tt, unter dessen Herrschaft alles fällt.

Der Mensch zweifelt nicht an seiner eigenen Existenz. Er ist einfach da. Wie der französische Philosoph René Descartes es einmal formulierte: »Ich denke, also bin ich.« Seine Sinne und Gedanken überzeugen den Menschen von seiner Existenz. Und niemand muss mir das beweisen. Das gilt für alle Geschöpfe, von denen ich etwas weiß. Ich zweifle nicht daran, dass Sterne am Himmel sind, genauso wenig wie daran, dass ich noch ein paar Tomaten im Kühlschrank habe. Diese Dinge sind mir bekannt und bewusst, somit ist ihre Existenz für mich klar.

Doch kommen wir zu weiteren Fragen: Seit wann existiert die Schöpfung, und wird sie für immer da sein? Welche Verantwortung trage ich für die Welt? Interessiert mich nur, was sich in meiner Nähe befindet, oder soll ich auch auf Orte schauen, die sehr weit von mir entfernt sind – und wenn ja, warum?

Die Tora hat nicht das Ziel, uns wissenschaftliche Theorien zu vermitteln

Beziehung »Bereschit bara Elohim« – am Anfang schuf G’tt. Die drei ersten Worte der Tora erklären uns die gesamte Beziehung zwischen G’tt, Mensch und Welt und vermitteln das Glaubensverständnis des Judentums.

Die Welt ist neu, es gab davor nichts anderes. Mit dieser Welt haben wir zu tun, nicht mit anderen. So beginnt unsere Begegnung mit ihr. Wie genau die Welt erschaffen wurde, steht dabei nicht im Mittelpunkt. Die Tora hat nicht das Ziel, uns wissenschaftliche Theorien zu vermitteln; vielmehr will sie uns eine klare Darstellung des Schöpfers geben, der alles erschaffen hat. Er schuf die Welt aus dem Nichts: Vor der Schöpfung gab es nichts, und Er hat alles neu erschaffen. Indem Er sie so für uns gestaltet hat, haben wir mehr Verantwortung und gleichzeitig mehr Gestaltungsraum erhalten. Wir sind diejenigen, die diese Welt verbessern – aber leider auch verschlechtern – können. Wäre die Welt nicht neu geschaffen worden, wäre sie für uns unveränderlich.

Haschem, Elohim, G’tt, ist nicht nur der Herrscher über eine bestimmte Kraft in der Welt. Er vereint alle Kräfte, die auf den ersten Blick gegensätzlich erscheinen, und zeigt, dass sie harmonieren können. Auch wenn Himmel und Erde weit voneinander entfernt sind, schuf Er beide und verlieh ihnen die Kraft, einander zu ergänzen und zu unterstützen. Gerade weil Er in seiner Einzigartigkeit besonders ist, schuf Er Wesen, die nur Er zusammenbringen kann.

Haschem ermöglicht uns, die Welt zu verändern

Die Freiheit der Schöpfung und der Menschen basiert darauf, dass G’tt für uns eine neue Welt erschaffen hat. Gerade weil es einen »Anfang« gibt, sind wir von bestimmten Verpflichtungen befreit und dürfen unsere Gestaltungsfreiheit in dieser Welt ausleben. G’tt hat uns Menschen in einer neuen Welt erschaffen und nicht in einer Welt, die schon immer da war. Wäre die Welt nicht neu erschaffen worden, sondern immer da gewesen, hätten wir nicht die Freiheit gehabt, sie zu verändern. Erst nachdem Haschem eine neue Welt für uns erschaffen hat, haben wir die Möglichkeit, uns mit der Welt auseinanderzusetzen, sie zu verändern und sie vor allem zu verbessern.

Wir wollen nicht gezwungen sein, in bestimmten Rahmen zu bleiben, die unsere Entwicklung einschränken. Seit dem Anfang sind wir aufgefordert, in die Zukunft zu schauen und uns in der Gegenwart zu prüfen, ob wir den moralischen Ansprüchen der Tora genügen und im Trialog zwischen G’tt, der Schöpfung und den Menschen ständig Fortschritte machen.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

Inhalt
Mit dem Wochenabschnitt Bereschit fängt ein neuer Jahreszyklus an. Die Tora beginnt mit zwei Berichten über die Erschaffung der Welt. Aus dem Staub der aus dem Nichts erschaffenen Welt formt der Ewige den Menschen und setzt ihn in den Garten Eden. Adam und Chawa wird verboten, vom Baum der Erkenntnis zu essen, der inmitten des Gartens steht. Doch weil sie – verführt von der Schlange – dennoch eine Frucht vom Baum essen, weist sie der Ewige aus dem Garten. Draußen werden ihnen zwei Söhne geboren: die Brüder Kajin und Hewel. Der Ältere, Kajin, tötet seinen Bruder Hewel.
1. Buch Mose 1,1 – 6,8

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