Freude

Der Weg zum Glück

Angekommen: äthiopische Neueinwanderin mit ihrer Tochter in Israel Foto: Flash 90

Freude

Der Weg zum Glück

Warum es eine Mizwa ist, mit dem zufrieden zu sein, was man hat

von Rabbiner Avraham Radbil  04.09.2012 10:07 Uhr

Im Wochenabschnitt Ki Tawo steht: »Und du sollst dich freuen an all dem Guten, das der Ewige, dein G’tt, dir gegeben hat« (5. Buch Moses 26,11). Warum betont es die Tora extra, warum brauchen wir ein Gebot, Freude zu empfinden? Freuen wir uns denn nicht automatisch, wenn wir etwas Gutes bekommen? Die Natur des Menschen ist so eingerichtet, dass wir immer mehr wollen, als wir gerade haben. Dieses Gen wurde uns eingepflanzt, damit wir auf der geistigen Ebene nach einer höheren Stufe streben, den Drang verspüren, uns weiterzuentwickeln und uns geistig zu verfeinern.

Doch dieses Gen bringt auch negative Aspekte mit sich. Unsere Weisen sagen: »Wer einhundert hat, will zweihundert haben. Wer zweihundert hat, möchte vierhundert.« In den Momenten der Freude überkommt uns oft sogleich ein dunkles Gefühl: Wir sind traurig darüber, dass wir nicht noch mehr bekommen haben. Deswegen gebietet uns die Tora, uns an dem zu erfreuen, was wir haben. Wir müssen nur darauf schauen. Solange wir vor allem im Blick haben, was die anderen alles besitzen und wir nicht, können wir keine vollkommene Freude verspüren.

Ersehnt Unsere Weisen sagen, dass nur reich ist, wer mit dem zufrieden ist, was er hat (Pirkej Avot 4,1). Wer meint, erst dann glücklich zu sein, wenn er mehr hat, wird niemals glücklich sein. Denn sobald er das Ersehnte bekommt, wird er auf das Nächste schauen, das er gern hätte. Egal, wie viel man besitzt – wer nicht schätzt, was er hat, wird niemals glücklich sein. Das ist leicht zu beweisen. Nehmen wir an, jemand überweist uns eine große Geldsumme auf unser Konto, ohne dass wir davon erfahren, oder er gibt uns eine Kleinigkeit direkt in die Hand.

In welchem Fall verspüren wir größere Freude? Natürlich im zweiten. Denn es ist absolut unerheblich, wie viel Geld wir auf dem Konto haben, wenn wir nichts davon wissen und nicht in der Lage sind, dieses Geld zu wertschätzen. Und obwohl wir objektiv sehr reich sein können, weil wir so viel Geld auf dem Konto haben, bleibt die Freude darüber eine absolut subjektive Erfahrung – die ausschließlich von uns selbst abhängt.

Dieser Gedanke, der so einfach klingt, könnte sich als eine der folgenreichsten Regeln unseres Lebens erweisen. Wer nur auf seinen eigenen Besitz schaut und nicht auf den von anderen, ist frei von Neid und Eifersucht. Diese Regel wird uns helfen, immer glücklich zu sein. Und dies ist oft eine Voraussetzung für Produktivität und Leistungsfähigkeit.

Auch der G’ttesdienst wird durch unsere Freude eine ganz andere, viel höhere Dimension erreichen. Denn im Talmud steht, dass die Schechina, die Gegenwart G’ttes, nicht an einem Ort der Traurigkeit weilen kann (Traktat Schabbat 30b). Der Wochenabschnitt Ki Tawo enthält auch furchterregende Flüche, die, leider G’ttes, in unserer späteren Geschichte in Erfüllung gegangen sind. Als Grund dafür gibt die Tora an: »weil du nicht gedient hast dem Ewigen, deinem G’tt, mit Freude und Herzenslust bei Überfluss an allem«. Also sehen wir wieder: Voraussetzung für die Erfüllung der Gebote ist, eine innere Freude dabei zu verspüren und die Wertschätzung dessen, was wir haben.

Erfahrung Der Chazon Isch, Avrohom Yeshaya Karelitz (1878–1953), schrieb einmal, dass jemand, der die Welt kennt, weiß, dass es keine Traurigkeit in ihr gibt. Wie kann ein Mann, der die Schoa überlebt, so viel Leid erfahren und gesehen hat, so etwas schreiben? Die Antwort ist: Wenn wir uns darauf besinnen, wie viel Gutes jeder von uns in seinem Leben bekommen hat und jeden Tag bekommt, wenn uns klar wird, wie viel sogar der Ärmste unter uns besitzt, wenn wir uns eingestehen, dass es jemanden gibt, der die Welt führt und alles gerecht verteilt und wir lernen, Ihm zu vertrauen, dann wird es absolut keinen Grund geben, jemals traurig zu sein. Dann werden wir jede noch so schmerzhafte Erfahrung annehmen, denn wir wissen, dass wir genau diese Erfahrung in diesem Moment brauchen.

Man kann es vergleichen mit jemandem in einem Fitnessstudio, der gerade dabei ist, Gewichte zu heben. Jeder Außenstehende wird den schmerzhaften Gesichtsausdruck zu sehen bekommen, doch in Wirklichkeit empfindet der Gewichtheber dabei eine große Freude und zahlt sogar Geld dafür. Denn er weiß, dass er jede von diesen Übungen, obwohl sie so schmerzhaft sind, braucht, um sein ultimatives Ziel zu erreichen.

Genauso müssen wir lernen, dass jede, sogar die schmerzhafteste Erfahrung unseres Lebens uns weiterbringt zu unserem ultimativen Ziel. Deshalb ist auch diese Erfahrung für uns sehr wichtig, und wir müssen lernen, sie ebenfalls zu schätzen. Mögen wir alle lernen zu wertschätzen, was wir haben, und zu fröhlicheren Menschen werden. Dann können wir unser Leben genießen und damit auch unseren G’ttesdienst verbessern.

Der Autor ist Rabbiner der Israelitischen Gemeinde Freiburg.

Inhalt
Im Wochenabschnitt Ki Tawo werden die Israeliten aufgefordert, ihre Dankbarkeit für die reiche Ernte und die Befreiung aus der Sklaverei auszudrücken. Sie sollen ein Zehntel der Erstlingsfrüchte opfern. Ihnen wird aufgetragen, die Gebote G’ttes auf großen Steinen auszustellen, sodass alle sie sehen können. Danach schildert die Tora Fluchandrohungen gegen bestimmte Vergehen der Leviten. Den Flüchen folgt die Aussicht auf Segen, wenn die Mizwot befolgt werden. Zum Abschluss der Parascha erinnert Mosche die Israeliten an die vielen Wunder in der Wildnis und daran, dass sie den Bund mit dem Ewigen beachten sollen.
5. Buch Moses 26,1 – 29,8

Talmudisches

Neid

Was unsere Weisen über Zufriedenheit lehren

von Detlef David Kauschke  06.03.2026

Verantwortung

Zerbrochen und erneuert

Die Geschichte von Mosche und den zweiten Gesetzestafeln zeigt, dass Gestaltungswille uns den Weg zu Gott öffnet

von Paige Harouse  06.03.2026

Dialog

Judaist Rutishauser: Antisemitismus greift tief in die Psyche

Am Sonntag erhält Christian Rutishauser die Buber-Rosenzweig-Medaille für seine Verdienste um den christlich-jüdischen Dialog. Was er zum Antisemitismus sagt - und warum die Gesellschaft »auf die Couch« müsse

von Leticia Witte  06.03.2026

Gespräch

»Das Leben ist keine schicksalhafte Tragödie«

Der Luzerner Jesuit und Judaist Christian Rutishauser erhält für seinen Einsatz im christlich-jüdischen Dialog die Buber-Rosenzweig-Medaille. Hier erzählt er, was ihn am rabbinischen Denken fasziniert

von Richard Blättel  05.03.2026

Meinung

Wie die Kirche beim Thema Iran die Orientierung verliert

Ein Kommentar von Daniel Neumann

von Daniel Neumann  02.03.2026

Krieg zwischen Iran und Israel

»Als sich das Blatt wendete«

Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt zum Tod von Ali Chamenei: »Dies ist der Moment, auf den das iranische Volk seit einem halben Jahrhundert gewartet hat«

 01.03.2026

»Brüllender Löwe«

Präventivschlag gegen Iran: Die Lage im Überblick

Nach dem gemeinsamen Angriff Israels und der USA auf den Iran reagieren die Behörden auf die erhöhte Sicherheitslage. Die Lage im Überblick

 28.02.2026 Aktualisiert

Kommentar

Die Kotel ist für alle da

Die Klagemauer könnte in Zukunft einzig vom orthodoxen Rabbinat verwaltet werden. Was als Schutz der Heiligkeit verkauft wird, wäre ein Angriff auf religiöse Vielfalt

von Sophie Goldblum  27.02.2026

Tezawe

72 Buchstaben

Jedes Wort der heiligen Sprache trägt eine innere Essenz in sich. Der Zahlenwert eines jeden Begriffs hat eine besondere Bedeutung

von Vyacheslav Dobrovych  27.02.2026