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Talmudisches

Der Garten Eden

Foto: Getty Images

Alle scheinen zu wissen, dass Adam und Chawa im Garten Eden lebten. Aber wo lag dieser Garten? Als mir ein Schüler im Religionsunterricht diese Frage stellte, fiel es mir schwer, einen konkreten Ort auf der Weltkarte zu zeigen.

Die lateinischen Bibelübersetzungen der »Vetus Latina« inspirierten über Jahrhunderte hinweg Abenteurer und Gelehrte, den Garten Eden zu suchen. Dort wird der Garten »gegen Osten hin« lokalisiert. Dies ist aber nur eine Interpretation des hebräischen Wortes »Kedem«. Viele Versuche, Eden geografisch zu verorten, konzentrierten sich daher auf Regionen in Asien oder Indien. Zahlreiche mittelalterliche Weltkarten zeichneten den Garten Eden tatsächlich in ihre Darstellungen ein.

Was sagen die jüdischen Quellen?

Doch was sagen die jüdischen Quellen? Im 1. Buch Mose heißt es: »Ein Strom entspringt in Eden, der den Garten bewässert; dort teilt er sich und wird zu vier Hauptflüssen.«

Der erste heißt Pischon. Nach dem mittelalterlichen Kommentator Raschi könnte damit der Nil gemeint sein. Der zweite Strom heißt Gihon, der »das ganze Land Kusch umfließt«. Kusch ist in der Bibel meist die Bezeichnung für das Gebiet von Äthiopien. Der dritte Strom ist der Tigris, der vierte der Euphrat. Tigris und Euphrat fließen bekanntermaßen durch den heutigen Irak. Auf einer realen Karte findet man jedoch keine gemeinsame Quelle, aus der all diese vier Flüsse entspringen.

Die rabbinischen Quellen machen die geografische Zuordnung daher nicht einfacher.

In der rabbinischen Auslegung wird zwischen Eden und dem Garten unterschieden

In der rabbinischen Auslegung wird ausdrücklich zwischen Eden und dem Garten unterschieden. Der Vers lautet: »Ein Strom geht von Eden aus, den Garten zu bewässern.« Daraus schließen die Rabbinen, dass Eden und der Garten nicht identisch sein können.

Eine bekannte Aussage im Babylonischen Talmud (Berachot 34b), die Rabbi Schmuel bar Nachmani zugeschrieben wird, betont sogar, dass Eden selbst von keinem Geschöpf gesehen worden sei. Vor der kommenden Welt könne ihn nur Gʼtt sehen.

Das wirft die naheliegende Frage auf: Hätte nicht Adam, der erste Mensch, diesen Ort gesehen haben müssen? Die talmudische Antwort lautet jedoch, dass Adam nicht in Eden selbst, sondern nur im Garten war.

Vielleicht befindet sich Eden gar nicht in dieser Welt

Damit wird eine weitere Möglichkeit eröffnet: Vielleicht befindet sich Eden gar nicht in dieser Welt und möglicherweise auch nicht der Garten, in dem Adam und Chawa lebten.

Der Jerusalemer Talmud (Berachot 1,1) enthält außerdem Aussagen, die eine geografische Lokalisierung noch schwieriger machen. Dort heißt es etwa, dass man 40 Tage benötige, um Ägypten zu durchqueren, aber 60-mal so lange, um ganz Afrika zu durchreisen. Gleichzeitig wird berichtet, dass eine Reise durch den Baum des Lebens 500 Jahre dauere und der Garten 60-mal größer sei als dieser Baum.

Nimmt man diese Angaben wörtlich, müsste der Garten Eden mehrere Tausend Mal größer als Afrika sein. Unser Planet bietet dafür jedoch keinen Platz, und einen solchen Baum hätte die Menschheit wohl längst bemerkt.

Eine rein wörtliche Lesart führt leicht zu Absurditäten

Das zeigt: Eine rein wörtliche Lesart der biblischen und rabbinischen Texte führt leicht zu Absurditäten. Die Kabbala, die jüdische Mystik, interpretiert diese Beschreibungen daher anders. Nach kabbalistischer Auffassung sind Eden, der Garten, die Flüsse und auch die Größenangaben symbolische Hinweise auf tiefere Strukturen der Wirklichkeit.

Die Kabbala beschreibt eine Kette von Emanationen: G’ttliche Energie fließt durch verschiedene Ebenen spiritueller Welten. Diese Ebenen filtern das unendliche Licht, sodass es schließlich unsere materielle Welt erreichen kann, ohne sie zu überwältigen.

Diese »Filter« verbergen die g’ttliche Gegenwart nicht wirklich. Vielmehr ermöglichen sie die menschliche freie Entscheidung und die Erfahrung von Getrenntheit. Der Energiefluss von der Quelle (Eden) zu den menschlichen Seelen (dem Garten) verläuft durch verschiedene »Kanäle«, symbolisiert durch die vier Flüsse.

Aleeza Ben Shalom

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