Paraschat Wajeschew

Das kann kein Zufall sein

»Jedenfalls bin ich überzeugt, dass der nicht würfelt«: Albert Einstein 1926 in einem Brief über G’tt Foto: Getty Images / istock

Was wäre, wenn ...? Was wäre, wenn Churchill Nazideutschland nicht den Krieg erklärt hätte? Was wäre, wenn Ben Gurion 1948 nicht die Unabhängigkeit Israels verkündet hätte? Was wäre, wenn sich Gorbatschow gegen die Perestroika entschieden hätte? Was wäre, wenn die Rebellen Assad vom Thron gestürzt hätten? So viele Dinge in unserer Geschichte hätten mit einem Schlag anders verlaufen können – manchmal fehlt wahrlich nicht viel.

Die vielleicht grundlegendste Weichenstellung in der Ursprungsgeschichte Israels und damit ihres weiteren Verlaufs finden wir in unserem Wochenabschnitt: Josef wird von seinen Brüdern aufgrund ihres Hasses auf ihn nach Ägypten verkauft. Damit wird der Grundstein gelegt für die Sklaverei in Ägypten, die Ausgangssituation für die gesamte Selbstwahrnehmung des jüdischen Volkes bis heute.

EPISODE Eine höchst nebensächliche und unbedeutende Episode unterbricht die sich dramatisch zuspitzende Situa-tion: Als Josef von seinem Vater Jakow zu seinen Brüdern geschickt wird, um nach ihnen zu schauen, findet er sie nicht wie erhofft in Schechem (Sichem). Stattdessen trifft er einen namenlosen Mann, der sich nach seinem Anliegen erkundigt. Josef offenbart ihm, dass er auf der Suche nach seinen Brüdern ist, worauf der Mann ihm den entscheidenden Hinweis gibt, dass sie nach Dotan weitergezogen sind.

Als sie ihn sehen, hecken sie Mordpläne gegen ihn aus, werfen ihn in eine Grube und verkaufen ihn nach Ägypten.

Hierauf setzt Josef seinen Weg fort und findet die Brüder in Dotan. Als sie ihn sehen, hecken sie Mordpläne gegen ihn aus, werfen ihn in eine Grube und verkaufen ihn nach Ägypten (1. Buch Mose 37, 13–22).

Ist es nicht erstaunlich, dass uns die Tora, die manchmal weltbewegende Kriege nur als Kulisse darstellt, diese eigentlich nichtssagende und nichts verändernde Geschichte so detailliert mitteilt?

Doch genau anhand dieser Episode wird besonders deutlich, wie zerbrechlich und leicht veränderlich Weltgeschichte sein kann: Was wäre, wenn Josef den Mann nicht getroffen oder nicht mit ihm gesprochen hätte? Hätte er seiner Verpflichtung gegenüber seinem Vater dann nicht Genüge getan und wäre unverrichteter Dinge nach Hebron zurückgekehrt? Wäre er dann jemals nach Ägypten gekommen? Wäre das jüdische Volk in Ägypten versklavt worden? Hätte es keinen Auszug, keine 40-jährige Wüstenwanderung und keine Übergabe der Tora am Berg Sinai gegeben?

BESTIMMUNG Nachmanides, der Ramban (1194–1270), erklärt, dass der anonyme Mann ein zufälliger Namenloser war, der ohne eigene Absicht den Weg weist – den Weg des jüdischen Volkes in die ägyptische Sklaverei –, »um uns zu verkünden, dass die g’ttliche Bestimmung Wahrheit und der Versuch, dagegenzuhalten, Lüge ist ..., denn der Beschluss G’ttes wird Bestand haben«. Raschi (1040–1105) erklärt zu der Stelle, dass es sich bei dem Unbekannten um den Engel Gabriel handelte.

Josef hat diese Erkenntnis deutlich verinnerlicht. Als er sich 22 Jahre später, nun als Herrscher in Ägypten, seinen Brüdern zu erkennen gibt, tröstet er sie gleichzeitig über die begangenen Fehler hinweg: »Ich bin euer Bruder Josef, den ihr nach Ägypten verkauft habt. Und nun seid nicht traurig, und es bekümmere euch nicht, dass ihr mich hierher verkauft habt, denn G’tt hat mich vor euch gesandt, zur Lebenserhaltung« (1. Buch Mose 45, 7–8).

Dieselbe Einstellung erkennen wir in Josefs Handeln auf seinem gesamten Leidensweg: Viel musste er über sich ergehen lassen – versklavt und eingesperrt, weit weg von allen, die ihm lieb waren –, trotzdem hadert er nicht mit G’tt und bleibt Ihm durch alle Ereignisse hindurch treu.

Josef wird von der Erkenntnis geleitet, dass vor allem der g’ttliche Plan zum Verlauf der Dinge führte.

Selbst als Pharao ihn aus dem Gefängnis rufen lässt, damit er dessen Träume deutet, und sich ihm damit die Chance bietet, nach der Freiheit und nach Größerem zu greifen, leugnet er eigene Fähigkeiten und schreibt sie allein der g’ttlichen Unterstützung zu: »Nicht an mir liegt es. G’tt wird die Antwort darauf geben, was auf Pharao zukommt« (1. Buch Mose 41,16).

Josef wird von der Erkenntnis geleitet, dass nicht nur menschliches Handeln, also der Hass seiner Brüder und dessen Konsequenzen, zum Verlauf der Dinge führte, sondern vor allem der g’ttliche Plan.

Ein kleines Zeichen dafür bekommt er vom Himmel in seiner wohl schwersten Stunde: Die Karawane, an die er von seinen Brüdern nach Ägypten verkauft wird, transportiert wohlriechende Gewürze (1. Buch Mose 37,25). Raschi bezieht sich auf die Frage, weshalb uns die Tora dieses Detail erzählt, und erklärt, dass solche Karawanen in aller Regel übelriechende Ware mit sich führten, doch G’tt sorgt für Josef und sendet ihm wohlriechende Düfte.

Nun könnte man fragen, inwiefern es Josef wohl nutzen sollte, wenn er auf dem Weg in die Sklaverei von angenehmen Gerüchen begleitet wird. Doch allein dieses kleine Zeichen ist für Josef von höchster Bedeutung, denn es sagt ihm: Du bist nicht allein! G’tt hat dich nicht verlassen, Er begleitet dich in die Fremde und wird auch künftig deine Schritte weiter lenken. Dies flößt Josef das nötige G’ttvertrauen ein, um die harten Prüfungen, die vor ihm liegen, zu bestehen und seine Hoffnung und seinen lebensbejahenden Optimismus nicht zu verlieren.

SKLAVEREI Allzu sehr überraschen sollte uns die g’ttliche Führung hinter den Kulissen nicht. Tatsächlich wissen wir bereits seit sechs Wochenabschnitten, dass der Weg in die Fremde und in die Sklaverei führen wird und dass die Geschichte um Josef und seine Brüder bloß die Erfüllung der g’ttlichen Ankündigung an Awraham im Bund der geteilten Opferteile ist: »Du sollst wissen, dass deine Nachkommen Fremde sein werden, in einem Land, das ihnen nicht gehört, und sie werden sie verknechten und peinigen. (...) Und danach werden sie mit großem Vermögen ausziehen« (1. Buch Mose 15, 13–14).

In Wirklichkeit ist also alles Teil eines großen g’ttlichen Planes. Und dennoch braucht es das menschliche Handeln, mit allen Fehlentscheidungen und Schwächen, um den Plan umzusetzen – auch wenn es andere Wege dahin gäbe.

Die Episode, die von dem anonymen Wegweiser berichtet, enthält ein bemerkenswertes Detail: Als Josef in Schechem eintrifft, wo er seine Brüder vermutet, wird er von dem Namenlosen gefragt, was er denn suche. Offensichtlich ist an seinem Gesicht und an seinen Gesten zu erkennen, dass er auf der Suche ist.

In diesen einfachen Worten kommen die große Sehnsucht nach den Brüdern und die Liebe zu ihnen zum Ausdruck.

Josefs Antwort ist kurz und spontan: »Et achaj anochi mewakesch« – was trivial mit »meine Brüder suche ich« übersetzt werden könnte (1. Buch Mose 37,16).

Interessanterweise verwendet Josef jedoch das Wort »mewakesch«, was vielmehr ein Sehnen ausdrückt, also: »Es verlangt mich nach meinen Brüdern.«

In diesen einfachen Worten kommen die große Sehnsucht nach den Brüdern und die Liebe zu ihnen zum Ausdruck. Wie weit sind diese Worte von den Mordplänen der Brüder entfernt! Diese vermuten, dass Josef nur gekommen sei, um sich wieder über sie zu erheben und beim Vater üble Nachrede zu üben.

Welche Diskrepanz zu dem, was in Josefs Herzen wirklich vorgeht, wonach sein ganzes Verlangen steht! Leider kommt es nicht rechtzeitig zur Aussprache, denn bevor Josef imstande ist, ein Wort zu sagen, wird er auch schon überrumpelt und in die Grube geworfen. So soll es denn noch 22 Jahre dauern, bis das Missverständnis ausgeräumt wird und die Brüder zu einer Familie und zu einem Volk werden.

Der Autor ist Rabbiner in Israel.

 

INHALT
Der Wochenabschnitt Wajeschew erzählt, wie Josef – zum Ärger seiner Brüder – von seinem Vater Jakow bevorzugt wird. Zudem hat Josef Träume, in denen sich die Brüder vor ihm verneigen. Eines Tages schickt Jakow Josef zu den Brüdern hinaus auf die Weide. Die Brüder verkaufen ihn in die Sklaverei nach Ägypten und erzählen dem Vater, ein wildes Tier habe Josef gerissen. Jakow glaubt ihnen. In der Sklaverei steigt Josef zum Hausverwalter auf. Doch nachdem ihn die Frau seines Herrn Potifar der Vergewaltigung beschuldigt hat, wird Josef ins Gefängnis geworfen. Dort lernt er den königlichen Obermundschenk sowie den Oberbackmeister des Pharaos kennen und deutet ihre Träume. Die Geschichte von Tamar unterbricht die Josefsgeschichte wie ein Zwischenspiel.
1. Buch Mose 37,1 – 40,23

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