Waera

»Damit ihr Meine Macht erkennt«

Foto: Getty Images/ Montage: Clara Wischnewski

Waera

»Damit ihr Meine Macht erkennt«

Was sich hinter der Struktur des Textes verbirgt, der von den zehn Plagen berichtet

von Chajm Guski  23.01.2025 12:57 Uhr

Die Ereignisse in unserem Wochenabschnitt folgen schnell aufeinander. G’tt »überredet« Mosche zu seiner Mission. Das geknechtete Volk kann Mosche nicht zuhören (2. Buch Mose 6,9) – wegen der harten Arbeit und weil sie mutlos waren (kozzer ruach). Mosche geht dann tatsächlich zum Pharao und verlangt die Freiheit seines Volkes. Die ersten sieben der zehn Plagen folgen und werden anschaulich beschrieben. Dies alles in 1748 Wörtern.

Es ist schwer, sich der Bilder zu entziehen. Der Blick auf die großen Ereignisse trübt ein wenig den Blick auf die filigrane Komposition des gesamten Textes. Er ist mehr als eine Aneinanderreihung von Ereignissen.

Betrachten wir den ersten Vers des 8. Kapitels. Wir befinden uns bei der zweiten Plage. Die Plage der Frösche, die über das Land kommen sollen. Hier heißt es: »Und der Ewige sprach zu Mosche: Sprich zu Aharon: Strecke deine Hand mit deinem Stab aus gegen die Ströme, gegen die Flüsse und gegen die Teiche und bring herauf die Frösche über das Land Ägypten.«

Frösche, Blut und Kinnim

Bei der ersten Plage (Wasser wird zu Blut) heißt es (7,19): »… sprach der Ewige zu Mosche: Sprich zu Aharon: Nimm deinen Stab und strecke deine Hand aus gegen die Gewässer Ägyptens gegen ihre Ströme, gegen ihre Flüsse, gegen ihre Teiche und gegen all ihre Wasserbehälter, dass sie zu Blut werden im ganzen Land Ägypten; auch (das Wasser) in den Holz- und Steingeräten.«

Die spätere Anweisung an Aharon ist ähnlich. Mit einer Ausnahme, auf die uns der Malbim, Meir Leibusch ben Jechiel Michel Weiser (1809–1879), hinweist. In Kapitel 7, Vers 19 wird Aharon ausdrücklich aufgefordert, seinen Stab zu ergreifen. In 8,1 fehlt diese Aufforderung. Der Malbim schließt daraus, dass Aharon seit der ersten Plage den Stab in den Händen hält.

Das Gleiche gilt für die nächste Plage, »Kinnim«. Das hebräische Wort wird häufig mit »Läuse« übertragen. Es könnte jedoch auch mit »Stechmücken« übersetzt werden. So heißt es: »Der Ewige sagte zu Mosche: Sprich zu Aharon: Strecke deinen Stab und schlage den Staub der Erde, und er werde zu Kinnim im ganzen Land Ägypten« (8,12).

Drei Plagen, bei denen Aharon seinen Stab ausstrecken soll. Tatsächlich haben die zwei ersten Plagen offensichtliche Gemeinsamkeiten. Sie beziehen sich auf die Gewässer Ägyptens, in erster Linie auf den Nil – und die Tora verwendet hier tatsächlich dessen ägyptische Bezeichnung »Je’or«. Die dritte Plage ist auch mit Gewässern verbunden, denn üblicherweise entstammen Stechmücken, wenn wir Kinnim so übertragen, diversen Gewässern. Wurde der Pharao vor der Plage des Blutes und der Frösche gewarnt, so bricht die Plage der Kinnim ohne Vorwarnung über die Ägypter aus.

Auf Aharons Plagen folgen die von Mosche

Die Plage, die daraufhin folgt, wird nicht mehr von Aharon eingeleitet, sondern von Mosche. Aharons drei Plagen könnten also als Einheit betrachtet werden. Diese Einheit beginnt mit der Plage des Blutes, die durch den Satz »Gehe zu Pharao am Morgen« (7,15) eingeleitet wurde. Mosche soll sich dann aufstellen: »Und stelle dich ihm gegenüber ans Ufer des Flusses.« Dann entfaltet sich die Tragik der angekündigten Plagen.

Betrachten wir die vierte Plage. Sie wird eingeleitet mit der Formulierung »Mach dich auf am Morgen und stell dich vor den Pharao« (8,16). Dem folgt die Plage »Arow«. Die Häuser werden mit Arow gefüllt. Dies kann mit »Schwarm« übersetzt werden. Laut dem Midrasch war dies eine Rotte verschiedener Tiere, möglicherweise auch Insekten. Nach einer Warnung an den Pharao folgt die fünfte Plage, die Tierseuche, und danach kommt, ohne Vorwarnung, die sechste Plage, die Eiterbeulen.

Es wäre ein Muster, wenn die siebte Plage, Hagelschlag, mit der Formulierung »am Morgen« begänne. Schauen wir uns den Beginn dieser Plage an: »Mach dich auf am Morgen und stell dich vor Pharao und sprich zu ihm« (9,13).

Es ist tatsächlich ein Muster. Zwar lesen wir von den nächsten drei Plagen erst im folgenden Wochenabschnitt, aber die ersten beiden Plagen dieses Abschnitts (Hagelschlag und Heuschrecken) enthalten eine Warnung an den Pharao, die dritte des Abschnitts (Dunkelheit) kommt ohne Vorwarnung über Ägypten. Die allerletzte und schrecklichste Plage, das Sterben der Erstgeborenen, steht allein.

Die finalen Plagen bringen Finsternis

Darüber liegt wiederum ein weiteres, offensichtliches Muster: Die ersten zwei Plagen (Blut und Frösche) haben direkt den Nil zum Ziel, Kinnim und Arow könnten beides Insekten sein. Dann folgen Viehseuche und Ausschlag, darauf wiederum Hagelschlag und Heuschrecken. Beides verheerend für die Ernte des Agrarlandes Ägypten. Letztendlich bringen die finalen Plagen Finsternis mit sich. Zum einen setzt Finsternis ein, zum anderen sterben die Erstgeborenen in der Mitte der Nacht.

Wir haben es hier mit einem kunstvoll gewebten Text zu tun – einer Ordnung. Die Störung der ägyptischen Ordnung geschieht also nicht durch planloses Chaos, sondern durch eine erkennbare Struktur. Diese dürfte auch für den Pharao erkennbar gewesen sein. Nach den ersten drei Plagen wird auch ihm und seinen Beratern aufgefallen sein, dass sich das Muster wiederholt.

Planvolles Vorgehen

Aus diesem Grund wird auch die siebte Plage so ausführlich behandelt. Sowohl für den Pharao als auch für die Leser und Hörer. Sie ist der Auftakt zur letzten Wiederholung des Musters und erklärt das planvolle Vorgehen (9,16): »Aber gerade deshalb habe Ich dir erlaubt zu widerstehen, damit ihr Meine Macht erkennen könnt und damit man Meinen Namen auf der ganzen Welt verkünden kann.«

Auch wenn hier »bechol ha’aretz« steht – »ganzes Land« –, sind sich die Kommentatoren darin einig, dass der gesamte Erdkreis gemeint ist. So merkt etwa der Kommentar Haamek Dawar von Rabbiner Naftali Berlin (1817–1893) an: »Der gesamten Erde soll mein Name bekannt gemacht werden. Ich werde dich leben lassen, sodass du die anderen Völker der Welt warnen kannst vor dem, was du gesehen und erlebt hast.«

Der genaue Blick auf die Details lässt uns mit Staunen zurück. Staunen darüber, dass der Text so meisterhaft erstellt wurde, und Staunen darüber, dass die Absicht hinter den Plagen erkennbar war. Für den Pharao und für alle Generationen bis heute.

Der Autor ist Blogger und lebt in Gelsenkirchen.

inhalt
Der Wochenabschnitt Waera erzählt, wie die Kinder Israels Mosche und Aharon kein Gehör schenkten, obwohl G’ttes Name ihnen von Mosche offenbart worden war. Mosche verwandelt vor den Augen des Pharaos seinen Stab in ein Krokodil und fordert den Herrscher auf, die Kinder Israels ziehen zu lassen. Der Pharao aber bleibt hart, und so kommen die ersten sieben Plagen über Ägypten: Blut, Frösche, Ungeziefer, wilde Tiere, Viehseuche, Aussatz und Hagelschlag. Doch der Pharao bleibt hart und lässt die Israeliten nicht ziehen.
2. Buch Mose 6,2 – 9,35

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