Jerusalem

Briefe an G’tt

Laut einem Midrasch erreichen alle Gebete über die Kotel den Himmel (Schemot Rabba 2,2). Foto: picture alliance / dpa

Eine der bekanntesten und jahrhundertealten Traditionen im Judentum ist, dass die Besucher der Klagemauer einen Zettel mit Bitten in die Spalten zwischen den Steinen stecken. Diese Praxis resultiert aus der Annahme, dass die Gebete an der Kotel eine höhere Wirkung haben als anderswo.

In der Tat schreibt ein Midrasch, dass alle Gebete über die Kotel (Klagemauer) den Himmel erreichen (Schemot Rabba 2,2). Außerdem verlässt unserer Tradition nach die Präsenz G’ttes niemals die Kotel. Es ist jedoch sehr bemerkenswert, dass es im Laufe der Zeit immer wieder Kommentatoren gegeben hat, die sich gegen diese Praxis aussprachen (Orchot Rabejnu 2,149).

Der Grund dafür ist, dass es eine Meinung gibt, die besagt, dass die Kotel eine der Wände des Tempels gewesen ist. Demnach ist das Berühren der Kotel und umso mehr das Legen der Finger in das Innere der Mauer gleichbedeutend mit dem Betreten des Tempelbergs.

Tempelberg Doch das Betreten des Tempelbergs, ohne zuvor in der Mikwe gewesen zu sein und ohne bestimmte andere Vorkehrungen, ist für Juden streng verboten. Der Talmud schreibt, dass sogar das Ausstrecken der Hand über die Grenze des Tempelbergs als Betreten gilt (Sewachim 32b). Aus diesem Grund darf man auch nicht über den Tempelberg fliegen, denn die Heiligkeit erstreckt sich grenzenlos auch nach oben.

Verbreitet wurde der Brauch von dem Kabbalisten Or Hachaim aus Marokko.

Brauch Es ist jedoch allgemein bekannt, dass die Halacha sich nicht nach der oben genannten Meinung richtet. Es ist erlaubt, Zettel in die Klagemauer zu stecken. Der Grund dafür ist, dass laut fast allen rabbinischen Meinungen, und ebenso laut Auffassung der Archäologen, die Klagemauer nicht die Wand des Tempels war, sondern nur die Umzäunung des Tempelbergs.

Folglich besitzt die Mauer nicht die Heiligkeitsstufe des Tempels. Aus diesem Grund ist es auch erlaubt, die Kotel zu berühren und Zettel in ihre Spalten zu platzieren. Aus diesem Grund muss man auch keine besonderen rituellen Vorkehrungen treffen, bevor man die Klagemauer besucht (Tzitz Elieser 10,1,13).

Auch früher war der Brauch, Zettel in die Kotel zu stecken, ziemlich verbreitet – vor allem, wenn es um Menschen ging, die selbst keine Möglichkeit hatten, nach Jerusalem zu reisen, ihre Bitten jedoch durch jemand anderen überbringen ließen.

Laut Meinung vieler Kommentatoren wurde dieser Brauch vom Or Hachaim, dem großen Rabbiner und Kabbalisten aus Marokko, Rabbiner Chaim ben Attar (1696–1743), verbreitet.

Jacke Dazu gibt es eine bekannte Geschichte: Ein Schüler des Or Hachaim, der junge Azulaj, erhielt von seinem Rabbiner den Rat, ins Heilige Land umzuziehen. Der Rabbiner bat den Schüler jedoch, eine Notiz mitzunehmen, die er in der Klagemauer platzieren sollte. Um die Notiz nicht zu verlieren, nähte Azulaj die Notiz in seine Jacke ein.

Als der Schüler im Land Israel ankam, war er von der Zerstörung und Verwüstung des Heiligen Landes so bedrückt und schockiert, dass er vergaß, die Notiz zur Klagemauer zu bringen. Jeden Tag ging Azulaj in die Synagoge. Doch im Heiligen Land standen die Dinge ganz anders als in seinem Heimatland Marokko, wo Azulaj ein angesehener Lehrer war.

Obwohl das Platzieren der Zettel eine vollkommen legitime Praxis ist, sind die meisten Rabbiner der Meinung, dass ein aufrichtiges Gebet für alle Bedürfnisse eine viel größere Wirkung hat und zu bevorzugen ist.

In Israel gab es genug Toragelehrte, und Azulaj war eine sehr bescheidene Person, die sich nicht gern nach vorn drängte. So fühlte er sich sehr einsam ohne seine Freunde und Schüler.

Eines Tages, als Azulaj sehr bedrückt und unglücklich nach Hause ging, erinnerte er sich plötzlich an die Bitte seines Rabbiners und an die Notiz, die weiterhin in seiner Jacke steckte. Sofort rannte er nach Hause, schnitt seine Jacke auf, nahm die Notiz und brachte sie zur Kotel, wo er sie zwischen den Steinen platzierte.

Am nächsten Tag hatte jemand in der Synagoge eine schwierige talmudische Frage, die sich »zufällig« um den Abschnitt drehte, den Azulaj gerade lernte. Keiner außer ihm konnte diese Frage beantworten. Als die anderen seine Brillanz gesehen und bewundert hatten, begannen sie, ihm Fragen zu stellen. So wurde Azulaj innerhalb kürzester Zeit sehr bekannt und angesehen, genauso wie er es einst in Marokko war.

Aufstieg Als ein anderer Rabbiner Azulajs prompten Aufstieg bemerkte, fragte er ihn, wie es zu seiner so ungewöhnlich schnellen Karriere gekommen sei. Azulaj wusste keine Antwort darauf. Doch der Rabbiner drängte und sagte, dass solche Dinge nicht aus heiterem Himmel geschehen, und dass es auf jeden Fall einen höheren Grund dafür gegeben haben müsse.

Nicht die Notiz an sich bewirkt etwas, sondern die Absicht und die Gedanken dahinter.

Notiz Nach langem Überlegen erinnerte sich Azulaj an die ungewöhnliche Bitte des Or Hachaim und an die Notiz, die er in der Kotel platzierte. Der Rabbiner überredete Azulaj dazu, zur Klagemauer zu gehen und jene Notiz zu suchen, um zu erfahren, was darauf stand. Folgendes stand auf dem berühmten Zettel: »Lieber G’tt, lass bitte meinen Schüler Azulaj in Israel erfolgreich sein.« Azulaj entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Rabbiner seiner Zeit und ist heute unter dem Akronym »Chida« bekannt, was auf Deutsch »Rätsel« bedeutet.

Doch obwohl das Platzieren der Zettel eine vollkommen legitime Praxis ist, sind die meisten Rabbiner der Meinung, dass ein aufrichtiges Gebet für alle Bedürfnisse eine viel größere Wirkung hat und zu bevorzugen ist. Vielen fällt es jedoch leichter, ihre Bitten in schriftlicher Form zu formulieren. Für solche Menschen ist es in der Tat besser, einen Zettel zu schreiben.

Genauso kann jeder, der selbst nicht die Möglichkeit hat, zur Klagemauer zu reisen, seine Bitten in schriftlicher Form jemand anderem übergeben. Man muss jedoch immer bedenken, dass es nicht die Notiz selbst ist, die etwas bewirkt, sondern die Absicht und die Gedanken, die ein Mensch hatte, während er die Notiz schrieb.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Osnabrück und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland.

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