Halacha

Bauchnabel oder Nasenlöcher?

Foto: Getty Images

Man stelle sich folgende Situation vor: Bei einem Besuch in den Vatikanischen Museen stößt man, neben einer ganzen Reihe an Gemälden, die das Himmelreich als wolkiges Paradies darstellen, auf ein merkwürdiges Bild. Anstelle von Wolken und flötenden Putten sehen wir den schmucklosen Seminarraum einer rechtswissenschaftlichen Fakultät. Doch statt angehender Juristen haben sich hier Gott und die Engel zur lebhaften Diskussion eingefunden. Das Thema: die Probleme der richtigen Lebensführung – also ebenjene Fragen, mit denen sich die Gelehrten auf der Erde herumschlagen. Himmlische Ruhe? Fehlanzeige!

Die aus dem Talmud stammende Idee einer »Akademie des Himmels« macht Chaim Saiman, Inhaber des Lehrstuhls für Jüdisches Recht an der Villanova University und Gastredner des diesjährigen Hildesheimer Vortrags, zum Ausgangspunkt seiner Vorlesung. Unter dem Titel »Ist die Halacha das jüdische Gesetz? Warum die Antwort komplizierter ist, als man denkt« beleuchtet er die Besonderheiten des jüdischen Rechtsverständnisses.

Die seit 2013 als Kooperation zwischen dem Rabbinerseminar zu Berlin und den an der Humboldt-Universität angesiedelten Berliner Studien zum Jüdischen Recht stattfindende Vortragreihe hat es sich zur Aufgabe gemacht, Fragen und Probleme des jüdischen Rechts einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Ganz wie der namengebende Rabbiner Esriel Hildesheimer will die Reihe jüdische Tradition und moderne Rechtswissenschaft miteinander in Dialog bringen.

In einem modernen Verständnis erfüllen Gesetze eine Funktion für ein politisches Gemeinwesen

Im Zentrum von Chaim Saimans Vortrag steht zunächst ein Widerspruch: In einem modernen Verständnis erfüllen Gesetze eine Funktion für ein politisches Gemeinwesen. Sie koordinieren das Verhalten der Bürger entweder direkt oder schaffen indirekt Institutionen, die das Miteinander strukturieren. Damit sie ihre Funktion erfüllen können, müssen Gesetze also genauso praktisch umsetzbar sein, wie sie auf eine Instanz angewiesen sind, die sie durchsetzen kann.

Dem jüdischen Religionsgesetz, der Halacha, das eine seiner Hauptquellen in der Mischna, der Grundlage des Talmuds, findet, kommen diese beiden wesentlichen Eigenschaften des modernen Rechts nur eingeschränkt zu, wie Saiman erklärt. So habe es von der Zeit der Verschriftlichung der Mischna bis heute keinen Staat gegeben, in dem die Halacha als Gesetz im modernen Sinne gültig war. Darüber hinaus enthalte die Mischna neben vielen lebensnahen Vorschriften eine ganze Reihe an Regeln, deren praktische Umsetzung nur sehr schwer oder überhaupt nicht vorstellbar sei, so Saiman.

Ganz wie der namengebende Rabbiner Esriel Hildesheimer will die Reihe jüdische Tradition und moderne Rechtswissenschaft miteinander in Dialog bringen.

Als Beispiel führt er die Diskussion über eine Stelle aus dem 5. Buch Mose an. Dort wird die Frage verhandelt, welche Gemeinde Sühne leisten muss, wenn ein Leichnam auf freiem Feld gefunden wird und der Mörder unbekannt bleibt. Der Text gibt zunächst eine klare Antwort: die Gemeinde, die vom Leichnam aus gemessen am nächsten liegt. Für die Rabbiner, deren Diskussion im Talmud festgehalten ist, besteht hier jedoch weiterer Diskussionsbedarf: Von welcher Stelle aus sollen wir also messen? Während Rabbi Eliezer dafür plädiert, vom Bauchnabel aus zu messen, argumentiert Rabbi Akiva für die Nasenlöcher als Ausgangspunkt der Messung.

Für Außenstehende mag diese Diskussion pedantisch wirken. Für Saiman ist hier jedoch die Begründung entscheidend, die die beiden Rabbiner für ihre Einschätzung geben: Beiden geht es mit der Frage, ob von den Nasenlöchern oder dem Bauchnabel aus gemessen wird, nicht darum, ein beliebiges Kriterium für einen Fall zu finden, der in der Wirklichkeit so wohl niemals eintreten wird. Vielmehr begründen sie ihre Einschätzung dadurch, dass sie auf das Wesen und den Ursprung des Menschen verweisen. Wo für Rabbi Eliezer der Ursprung des Menschen der Bauchnabel ist, weil der Fötus von dort aus im Mutterleib ernährt wird, sind für Rabbi Akiva die Nasenlöcher der Ort, an dem der Mensch durch seinen Atem als Individuum lebendig wird.

Die Halacha ist in ihrer Funktion nicht allein darauf festgelegt, verbindliche Gesetze aufzustellen

In Saimans Interpretation liegt hier der entscheidende Punkt der jüdischen Rechtsauffassung. Die Halacha ist in ihrer Funktion nicht allein darauf festgelegt, verbindliche Gesetze aufzustellen, sondern erfüllt noch eine zweite, wichtigere Aufgabe: An den konkreten Fragen über die richtige Lebensführung, die sich aus dem Studium der Tora ergeben, werden die abstrakten Fragen verhandelt, die in anderen Traditionen beispielsweise Gegenstand der Philosophie wären.

Das Recht wird so von einem System an festen Regeln zum Medium einer immer wieder neu ansetzenden Deutung der Welt. Keine höchste Autorität entscheidet über die richtige Interpretation, die nur in der lebendigen Diskussion im Hier und Jetzt gefunden werden kann. Auch Gott und die Engel in der Akademie des Himmels sind keine letzte Instanz in dieser über den Umweg des Rechts geführten Diskussion, die um das Wesen des Menschen und die richtige Lebensführung kreist. Auch für sie gilt: Am Ende zählt nur das bessere Argument, das seine Autorität allein aus der Auslegung der überlieferten Tradition gewinnt.

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