Naturgewalt

Aus heiterem Himmel

Technischer Fortschritt nützt dem Menschen wenig, wenn der Regen tagelang fällt. Foto: picture alliance / abaca

Die apokalyptischen Bilder, die uns von der spanischen Küste erreichen, reihen sich ein in die immer beängstigendere Galerie zunehmend häufiger auftretender Umweltkatastrophen: von den alles verschlingenden Feuern Kaliforniens bis zum tödlichen Sturm, der kürzlich über Südeuropa hinweggefegt ist. Auch wenn wir häufig meinen, uns heute mit technischer Überlegenheit vor ebensolchen Katastrophen schützen zu können, ruft die Macht der Natur seit Jahrtausenden die gleiche Hilflosigkeit hervor.

Die Überschwemmungen in Valencia haben eine uralte Angst vor der völligen Verwüstung durch Wasser neu entfacht, eine Angst, die so alt ist wie die Menschheit selbst. Schon der Tanach beschreibt die zerstörerische Kraft des zugleich so kostbaren Elements. Lassen Sie uns etwas tiefer in die jüdischen Texte über die Bedeutung des Wassers – als Segen und als Fluch – eintauchen.

Wasser erscheint bereits in den allerersten Worten der Bibel: »Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Und die Erde war öde und wüst, und Finsternis über dem Abgrund, und Gottes Odem schwebte über den Wassern.«

Unberührt von Gottes Geist

Das Wasser scheint bereits da zu sein, unberührt von Gottes Geist, der darüber schwebt. Könnte das Wasser der Schöpfung und Gottes Plan vorausgegangen sein? Einige Gelehrte lesen diesen Vers als Hinweis auf einen alten Glauben an einen ursprünglichen Kampf zwischen einem Wassergott und einem Landgott.

In der mesopotamischen Tradition gibt es eine Auseinandersetzung zwischen zwei Göttern: Enlil, der die Flut schickt, um die Menschheit zu vernichten, und Enki, dem Schöpfergott, der sie vor der Zerstörung rettet. Enki befiehlt Atrahasis, seinem menschlichen Schützling, eine Arche zu bauen und verschiedene Lebewesen mitzunehmen, um die Flut zu überleben. Klingt bekannt? Dieser Mythos erinnert an den biblischen Bericht über Noach, aber die jüdische Tradition lehnt die darin beschriebene göttliche Dualität entschieden ab.

Denn in der Tora ist der Gott, der zerstört, auch der Gott, der rettet. Das ist nicht der einzige Unterschied zwischen den beiden Erzählungen. Im mesopotamischen Mythos will Enlil die Menschheit vernichten, weil sie zu laut geworden ist und ihm den Schlaf raubt. In der Bibel ist es nicht der Ärger eines launischen Gottes, der die Flut auslöst, sondern seine Verzweiflung über den moralischen Verfall der Menschheit.

»Und Gott sah die Erde und siehe, sie war verderbt; denn alle Wesen hatten ihren Wandel auf Erden verderbt. Da sprach Gott zu Noach: Das Ende aller Wesen ist von mir beschlossen, denn die Erde ist durch sie von Gewalttat erfüllt; so will ich sie denn mit der Erde verderben.«

In der Tora ist es derselbe Gott, der zerstört und rettet.

Gottes Weg, neu zu beginnen, besteht darin, Regen zu senden, bis das Wasser die gesamte Schöpfung bedeckt. Wir erkennen hier bereits die Metaphorik der Reinigung. Die reinigende Kraft des Wassers spiegelt sich bis heute in der rituellen Praxis der Mikwe wider – dem Bad, in das viele Juden vor Schabbat oder großen Feiertagen, aber auch nach der Monatsblutung oder einer Geburt eintauchen, um sich spirituell zu reinigen.

Damit eine Mikwe koscher, also für rituelle Zwecke geeignet ist, muss sie genügend Wasser enthalten, um den ganzen menschlichen Körper darin unterzutauchen, und mit »lebendigem Wasser« (Majim Chajim) befüllt werden. Was ist lebendiges Wasser? Es ist Wasser aus einer natürlichen Quelle oder gesammeltes Regenwasser. Ein abgestandener Tümpel oder übliches Leitungswasser sind hingegen nicht geeignet.

»Quelle lebendigen Wassers«

Im Buch des Propheten Jeremia bezeichnet sich Gott selbst als »Quelle lebendigen Wassers«. Gott ist somit wie jenes natürliche Wasser: ein Lebensspender, fließend und immer in Bewegung, im Wandel. Hier haben wir uns weit entfernt von den dunklen Wassern des Abgrunds in Genesis oder den tödlichen Fluten der Sintflutgeschichte: Das zerstörerische Wasser wird zu »Majim Chajim«, der Quelle der Lebenserneuerung.

Wasser ist auch ein zentrales Element im Auszug des jüdischen Volkes aus Ägypten, es ist ein Kernelement der Befreiung der Hebräer.

Als die Tochter des Pharaos zufällig eine Wiege auf dem Nil entdeckt, nennt sie den Jungen, den sie darin findet, Mosche – »aus dem Wasser gezogen«. Indem sie ihm einen ägyptischen Namen gibt, verbirgt sie seine wahre Identität und rettet ihn so. Raschi, der mittelalterliche Kommentator, erklärt uns dazu, dass der Pharao jeden Morgen im Nil badete und seinen Höflingen gegenüber vorgab, ein heiliges Ritual zu vollziehen, während er in Wahrheit einfach nur seine Notdurft im Fluss verrichtete. Der brutale Herrscher von Ägypten würde später im selben Element ertrinken, das er so wenig respektierte.

Das Wasser begleitet weiter die Befreiung Israels, von der ersten Plage bis zur Flucht aus der Knechtschaft: Der Nil wird zu Blut. Das Wasser des Schilfmeeres teilt sich und gibt den Weg zur Freiheit frei. Die Soldaten des Pharaos aber ertrinken darin.

Gott für den Segen des Wassers preisen

In der Wüste beklagen sich die Menschen schließlich über den Wassermangel. Als Miriam einen Brunnen auftut, bricht das Volk in Lobgesänge aus, um Gott für den Segen des Wassers zu preisen.

Das biblische Hebräisch kennt mindestens sechs verschiedene Wörter, um Regen zu beschreiben (geschem, matar, joreh, malkosch, revivim, seʼirim), die auf unterschiedliche Intensitäten und Arten von Regen hinweisen, vom lang ersehnten Herbstregen bis zu den späten Frühlingsregen. Aber wenn die Hebräer so viele Wörter für Regen haben, liegt es, im Gegensatz zu den 52 Wörtern der Inuit für Schnee, nicht daran, dass ihnen dieses Element so reichlich und vertraut ist, sondern weil es so selten und kostbar ist, dass sie jede noch so kleine Variation benennen und schätzen.

Die Bibel kennt sechs verschiedene Wörter für Regen.

Welche Lehren vermittelt Gott den Juden durch die Darstellung des Wassers im Tanach? Die Begegnungen der Israeliten mit dem Wasser in der Wüste dienen als eine Form der spirituellen Schulung, die ihnen hilft, ein tieferes Gefühl der Dankbarkeit für Gottes Großzügigkeit zu entwickeln. Gott nimmt das wesentliche, lebenswichtige Element Wasser und stellt es an Orten zur Verfügung, wo es sonst fehlen würde.

Während der Schöpfungsgeschichte wurde den Menschen zwar gesagt, dass sie über das Element herrschen sollen. Der Übergang in die Wüste aber dient als Mahnung, diese Macht auszutarieren: Wir mögen uns als Verwalter von Gottes Schöpfung sehen, aber wir sind verletzlich und demütig abhängig von den Ressourcen der Natur.

Nur für eine kurze Zeit in Gottes Schöpfung zu Gast

Wir werden heute schmerzlich daran erinnert, dass wir nur für eine kurze Zeit in Gottes Schöpfung zu Gast sind: durch den Klimawandel verschärfte Katas­trophen, die moderne, entwickelte Städte innerhalb von wenigen Augenblicken in einen Zustand völligen Chaos versetzen. Schon das Buch Kohelet mahnt uns: »Eine Generation geht, eine andere kommt, aber die Erde bleibt für immer.« Die Erde wird also bleiben, wir vielleicht nicht.

Wenn wir nach Gottes Bild geschaffen sind, dann auch mit dem zerstörerischen Potenzial eines Weltherrschers. Haschem hat uns die Macht gegeben, die Welt zu zerstören, es sei denn, wir kümmern uns darum, sie zu bewahren und richtig zu behandeln.

Es gibt eine berühmte rabbinische Erzählung, die diese Weisheit der Nachhaltigkeit in einer Anekdote einfängt.

»Eines Tages ging er auf der Straße und sah einen Mann (Honi), der einen Johannisbrotbaum pflanzte. Er fragte ihn: ›Wie viele Jahre wird es dauern, bis dieser (Baum) Früchte trägt?‹ Er antwortete: ›Bis zu 70 Jahre.‹ Er fragte ihn: ›Bist du dir sicher, dass du (noch) 70 Jahre leben wirst?‹ Er antwortete: ›Der Mensch fand die Welt mit Johannisbrotbäumen vor. So wie meine Väter für mich pflanzten, werde ich auch für meine Kinder pflanzen.‹«

»Der Tag ist kurz, die Arbeit ist viel«

Der große Rabbi Tarfon lehrt zu talmudischen Zeiten: »Der Tag ist kurz, die Arbeit ist viel, die Arbeiter sind faul, der Lohn ist groß, und der Meister drängt.«

Rabbi Jonathan Neril, eine der führenden modernen jüdischen Stimmen im Bereich des Umweltaktivismus, lädt uns ein, hinzuzufügen: »Das Klima verändert sich, die Meere steigen, die Gletscher schmelzen.« Es ist an der Zeit zu handeln und unserer Bestimmung als Wächter der Welt Gottes gerecht zu werden, wie uns der Midrasch erinnert: »Als der Heilige, Gelobt sei Er, den Menschen erschuf, nahm Er ihn und führte ihn um alle Bäume des Gartens Eden und sagte zu ihm: Sieh dir meine Werke an, wie schön sie sind. Alles, was ich geschaffen habe, ist in deinem Bereich. Achte daher darauf, dass du meine Welt nicht zerstörst, denn wenn du es tust, wird niemand mehr da sein, um sie nach dir wieder in Ordnung zu bringen.«

Die Autorin ist Talmudlehrerin bei dem europaweiten jüdischen Lernprogramm Ze Kollel.

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