Wajeze

Aus freier Entscheidung

Foto: Getty Images

Der Toraabschnitt Toldot endete in der vergangenen Woche mit der Flucht Jakows. In der Parascha Wajeze geht die Geschichte dieses Erzvaters nun weiter. Jakow ist von seiner Familie getrennt und muss, vielleicht zum ersten Mal, lernen, Verantwortung für sein Leben und seine Taten zu übernehmen. Er muss selbstständig Entscheidungen treffen. Und vor allem muss er die Frage beantworten, wie er seine Beziehung mit Gott aufbauen kann.

Die Beziehung zwischen Mensch und Gott ist ein Hauptthema dieses Wochenabschnitts. Und immer wieder wird hier die Frage gestellt: »Wo ist Gott?« Diese Frage ist nicht nur metaphorisch. Im Alten Orient war die Wirkmacht der vermeintlichen Götter öfter auf ein bestimmtes Gebiet begrenzt. Und zu Beginn dieses Wochenabschnitts denkt Jakow darüber nach, ob er weit genug gekommen ist, sodass er sich bereits im Gebiet eines neuen Gottes befindet. Er ist auf dem Weg nach Charan.

Vor dem Ewigen kann Jakow nicht fliehen

Eines Nachts erscheint Gott in einem Traum und stellt sich (1. Buch Mose 28,13) als »der Ewige, der Gott deines Vaters Awraham und der Gott Jizchaks« vor. Doch ist der Ewige noch nicht der Gott Jakows. An dieser Stelle muss er sich entscheiden, ob er eine Beziehung mit Gott eingehen möchte. Und dieser Gott ist nicht nur auf einen Ort begrenzt, wie andere Götter der Region. Vor dem Ewigen kann Jakow nicht fliehen.

Er erwacht und akzeptiert diesen Gott, den Gott seiner Familie, der überall ist. Er macht ein Gelübde und verändert damit dauerhaft seine Welt. Jakow stellt ein Denkmal auf und nennt diesen Ort »Bet El« (Haus Gottes). Das ist eine Antwort auf die Frage: Wo ist Gott? Er ist überall, auch in Bet El.

Es ist wichtig, dass das Denkmal abstrakt ist. Es kann einen Ort markieren, soll aber nicht mit einem Götzen verwechselt werden. Das Risiko dafür ist hoch, denn Jakow befindet sich nicht nur in einem Land, in dem Götzendienst zur Normalität gehört. Vielmehr gehört Götzendienst auch zur Tradition seiner Familie.

Denkmal muss abstrakt sein, um nicht mit einem Götzen verwechselt werden

Bevor Jakow floh, hatte ihm sein Vater Jizchak gesagt, dass er eine der Töchter Lawans, seines Onkels mütterlicherseits, heiraten sollte. Lawans Urgroßvater Terach war nach rabbinischer Tradition ein Götzendiener. Sein Sohn Awraham versuchte vergeblich, ihn davon abzubringen. Auf der einen Seite steht also Terach, der aktiv am Götzendienst teilnahm, und auf der anderen Seite Awraham, der – einem bekannten Midrasch zufolge – die Götzen zerstörte.

Ist Lawan wegen seiner Vorfahren nun als Götzendiener zu verurteilen? Nicht unbedingt, denn die Tora geht davon aus, dass Veränderungen möglich sind. So haben sich auch Teile der Familie entschieden, dem Gott Awrahams zu folgen. Auch Lawan und seine Kinder haben diese Möglichkeit.

Lawans Töchter Rachel und Lea treffen ihre Entscheidung, nachdem sie die Frauen Jakows geworden sind.
Der Vater der beiden sorgt mit einer List dafür, dass Jakow nicht nur Rachel, die er liebt, heiratet, sondern auch ihre ältere Schwester Lea.

Die Frauen haben ein unterschiedliches Verständnis vom Ewigen

Rachel und Lea, die jetzt Teil des Hauses Jakows sind, beginnen, ihre Beziehung zu Gott aufzubauen. Die Frauen haben ein unterschiedliches Verständnis vom Ewigen.

Obwohl Lea von ihrem Mann Jakow praktisch ignoriert wird, pflegt sie eine innige und beständige Beziehung zu Gott. Es ist der Gott, der nicht nur aufmerksam wahrnimmt, wie tief sie als ungeliebte Ehefrau leidet, sondern ihr zugleich zeigt, dass ihr Dasein dennoch nicht frei von Zuneigung und Fürsorge ist. In dieser göttlichen Liebe findet sie Bestätigung und Halt: Lea bringt sechs Söhne und eine Tochter zur Welt. Die Namen ihrer Kinder tragen jeweils eine besondere Bedeutung und spiegeln eindrücklich wider, dass sie von Gott, aber nicht von ihrem Mann – dem Vater ihrer Kinder – geliebt wird. Lea, die in ihrer Beziehung mit Jakow leidet, findet Trost in ihrer Beziehung zu Gott.

Und dann gibt es Rachel, die jüngere Schwester. Wie Lea bringt Rachel zunächst einen Sohn, Josef, zur Welt. Mit seinem Namen macht sie deutlich, dass ihr ein Kind nicht ausreicht und sie sich ein zweites wünscht. Diese fordernde Haltung zeigt, wie unterschiedlich die Schwestern sind. Ein weiterer Unterschied ist, dass Lea die Liebe durch Gott erfährt, Rachel die Liebe durch ihre Beziehung mit Jakow. Vielleicht war für Rachel Gott anfangs eher etwas Fremdes.

Später zeigt Rachel jedoch, dass ihre Beziehung zu Gott nicht oberflächlich ist. Rachel stiehlt »die Götzen ihres Vaters«, kurz bevor sie, Jakow, Lea und die ganze Familie vor Lawan fliehen (1. Buch Mose 31,19). An dieser Stelle macht die Tora deutlich, dass Rachel sich schon von diesen Götzen entfernt hat.

Göttliche Liebe spendet Bestätigung und Halt

Die Götzen sind Lawan wichtig. Er verfolgt seine Töchter und seinen Schwiegersohn. Nachdem er sie gefunden hat, ist eine seiner ersten Fragen: »Warum hast du meine Götter gestohlen?« Oder anders formuliert: »Wo ist Gott?« (31,30)

Lawan findet nie heraus, wo seine »Götter« sind. Er sucht nach ihnen, aber Rachel versteckt die Götzenfiguren unter ihrem Sattel. Lawan kann sich nicht vorstellen, dass seine Tochter ihn derart betrogen hat. Seine Götter – die eigentlich Götzen sind – verschwinden, aber er bleibt fest in seinem Glauben. Er erkennt den Gott Jakows an, wird aber kein Monotheist. Lawan trifft seine Entscheidung, und er und seine Wege verschwinden aus der Erzählung der Tora.

Seine Töchter hingegen haben andere Entscheidungen getroffen. Sie nehmen den Gott Jakows, Jizchaks und Awrahams an. Damit bleiben sie nicht nur in der Tora, sondern werden zu Matriarchinnen des Volkes Israel. Rachel und Lea sind als Urmütter ein Vorbild. Als Menschen waren sie nicht perfekt – gelegentlich machten sie Fehler –, aber sie trafen auch wichtige, richtige Entscheidungen: Gott anzunehmen. Ohne diesen Entschluss würden die Nachkommen, zu denen wir gehören, nicht existieren.

Die Autorin studiert am Abraham Joshua Heschel Seminar.

Wajeze
Der Wochenabschnitt Wajeze erzählt von einem Traum Jakows. Darin sieht er eine Leiter, auf der Engel hinauf- und heruntersteigen. In diesem Traum segnet der Ewige Jakow. Nachdem er erwacht ist, nennt Jakow den Ort Beit El. Um Rachel zu heiraten, muss er sieben Jahre für ihren Vater Lawan arbeiten. Doch der führt Jakow hinters Licht und gibt ihm Rachels Schwester Lea zur Frau. So muss Jakow weitere sieben Jahre arbeiten, bis er endlich Rachel bekommt. 1. Buch Mose 28,10 – 32,2 6

Essay

Das Kopftuch, der Zwang und die Freiheit

Die radikalen Kräfte in der muslimischen Community bestimmen zunehmend den Kurs. Wenn dies ohne Gegenwehr von den moderaten Kräften hingenommen wird, ist irgendwann der Kipppunkt erreicht

von Daniel Neumann  28.06.2026 Aktualisiert

Chukat–Balak

Stärken und Schwächen

Unser Blick auf das eigene Volk ist manchmal nicht besonders positiv. Da hilft ein Perspektivwechsel

von Rabbiner Jaron Engelmayer  26.06.2026

Chabad

Jüdische Gemeinde verschiebt Fest wegen Hitze

Neuer Termin nun Ende August

 25.06.2026

Interview

»Eine Gemeinde muss wie ein Business geführt werden«

Vor 30 Jahren reiste Rabbiner Yehuda Teichtal mit einem One-Way-Ticket nach Deutschland und baute die Berliner Chabad-Gemeinde auf. Ein Gespräch über Glauben und Management

von Mascha Malburg  25.06.2026

Talmudisches

Beratungsklau

Was unsere Weisen über ehrliches Einkaufen lehrten

von Detlef David Kauschke  25.06.2026

Jubiläum

Fünf Jahre jüdische Seelsorge der Bundeswehr: Militärrabbiner Zsolt Balla zieht Bilanz

Seit dem Start der jüdischen Militärseelsorge vor fünf Jahren wächst ihre Bedeutung in der Truppe. Sieben Militärrabbiner tun inzwischen Dienst. Ein Fazit - mit Blick auf Zeitenwende und deutsche Geschichte

von Karin Wollschläger  23.06.2026

Bundeswehr

Fünf Jahre Militärrabbinat

Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) betonte, die Jüdische Militärseelsorge bereichere den Dienstalltag und schärfe die ethische Orientierung der Streitkräfte

 22.06.2026

Talmudisches

Schlaf

Was unsere Weisen über die Nachtstunden lehren

von Chajm Guski  19.06.2026

Essay

Zwischen Progressivität und Zerfaserung

Quo vadis, liberales Judentum? Ein Debattenbeitrag von Avitall Gerstetter

von Avitall Gerstetter  19.06.2026