Man muss kein Historiker sein, um zu wissen, dass die Sklaverei eine tiefe, eiternde Wunde in der Geschichte der Menschheit ist. Als Juden, deren kollektives Gedächtnis mit der Erzählung von Knechtschaft und Befreiung beginnt, ist uns die Abscheu vor der Entmenschlichung des Einzelnen quasi in die DNA geschrieben.
Doch die jüngst von Ghana initiierte und von der Generalversammlung der Vereinten Nationen mit breiter Mehrheit angenommene Resolution A/80/L.48 zur Aufarbeitung des transatlantischen Sklavenhandels ist kein Akt der Gerechtigkeit. Sie ist ein Akt des geschichtspolitischen Revisionismus.
Die selektive Brille der Vereinten Nationen
Die Resolution – wie so viele andere Entschließungen der UN auch – ist einseitig, weil sie den transatlantischen Sklavenhandel isoliert betrachtet und ausschließlich westliche Nationen brandmarkt. Den jahrhundertelangen innerafrikanischen Sklavenhandel und die massiven Sklavenmärkte der arabischen Welt verschweigt der Text geflissentlich.
Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Reparationen ausgerechnet von jenen gefordert werden, die – wie Großbritannien 1833 oder die USA nach einem blutigen Bürgerkrieg 1865 – die rechtliche Abschaffung dieser Abscheulichkeit erkämpft hatten, während man über jene schweigt, die bis heute Menschen wie Vieh halten.
Denn wer von Gerechtigkeit spricht, darf den Blick nicht von der Gegenwart abwenden. Laut dem »Global Slavery Index« leben heute etwa 50 Millionen Menschen in moderner Sklaverei. Wo bleibt der Aufschrei der UN gegen die Zwangsarbeit in Nordkorea, Eritrea oder Mauretanien? Wo ist die Resolution gegen die menschenunwürdigen Zustände in Saudi-Arabien oder der Türkei? Die UN-Vollversammlung scheint sich lieber im Schatten der Vergangenheit zu sonnen, statt das grelle Licht auf die Tyrannen der Gegenwart zu werfen.
Hierarchisierung des Schmerzes
Der gefährlichste Aspekt der Resolution liegt in ihrer Sprache. Die Einstufung des transatlantischen Sklavenhandels als das »schwerste Verbrechen gegen die Menschlichkeit« ist mehr als nur eine unglückliche Wortwahl. Es ist der Versuch, eine moralische Rangliste des Leidens zu erstellen. Wenn ein Verbrechen das »schwerste« ist, werden alle anderen – der Holodomor in der Ukraine, der Völkermord an den Armeniern, das Massaker in Ruanda und ja, auch die Schoa – unweigerlich zu Verbrechen zweiter Klasse degradiert.
Durch die Bezeichnung als »das schwerste Verbrechen« bricht die UN mit dem völkerrechtlichen Prinzip, dass Genozide und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in ihrer Schwere nicht gegeneinander aufgerechnet werden. Diese sprachliche Eskalation dient dazu, die Singularität der Schoa (den industriellen, staatlich geplanten Massenmord zur totalen Vernichtung eines Volkes) aufzuweichen. Wenn alles »das Schlimmste« ist, ist am Ende nichts mehr einzigartig.
Für uns als jüdische Gemeinschaft ist diese Entwicklung alarmierend. Wir erleben hier die Fortsetzung einer Strategie, die bereits 2001, bei der Antirassismuskonferenz im südafrikanischen Durban, ihren Anfang nahm: die Universalisierung und gleichzeitige Relativierung des Holocausts. Indem man historische Gräueltaten gegeneinander ausspielt, entzieht man der universellen Menschenrechtsidee das Fundament.
Rhetorische Munition für eine politische Agenda
Die Resolution A/80/L.48 ignoriert die Komplizenschaft afrikanischer Eliten im Sklavenhandel, ähnlich wie UN-Gremien oft die Kollaboration lokaler Bevölkerungen im besetzten Europa während des Holocausts ausblenden, um ein simplistisches Narrativ von »kolonialem Täter« und »postkolonialem Opfer« zu stützen.
Die Entschließung liefert keine Ressourcen für die Opfer von heute, sondern lediglich rhetorische Munition für eine politische Agenda, die die Vergangenheit instrumentalisiert, während sie die Despoten der Gegenwart aus der Verantwortung entlässt.
Echte Aufarbeitung der Sklaverei sieht anders aus.
