Ungelöster Fall

Wo ist die kleine Haymanut?

Die äthiopisch-israelische Siebenjährige ist seit über zwei Jahren verschwunden. Foto: Flash 90

Es sind mehr als 800 Tage vergangen, seit Haymanut Kasau verschwand. Die heute Neunjährige wurde zuletzt am 25. Februar 2024 vor einem Aufnahmezentrum für äthiopisch-jüdische Einwanderer in der nördlichen Stadt Safed gesehen. Seitdem fehlt von dem Mädchen jede Spur. Für ihre Familie ist das Verschwinden längst zu einem Symbol geworden – für ein Ermittlungsversagen, das in Israel zunehmend politische Sprengkraft entwickelt.

Nun haben die israelische Regierung und die Jewish Agency zusammen 400.000 Schekel, umgerechnet 120.000 Euro, für die Suche bereitgestellt. Das Geld soll unter anderem für neue Ermittlungsmaßnahmen, technologische Auswertung, Suchaktionen sowie Öffentlichkeitsarbeit verwendet werden. Nach monatelangem Druck von Angehörigen und Aktivisten ist der Fall inzwischen zur nationalen Angelegenheit geworden.

Polizei räumt ein, die Mission nicht erfüllt zu haben

Besonders bedeutsam ist, dass erstmals auch der Inlandsgeheimdienst Schin Bet offiziell in die Ermittlungen einbezogen wurde. Die Entscheidung fiel fast zwei Jahre nach Haymanuts Verschwinden. Bis dahin hatten Kritiker immer wieder gefragt, warum der mächtige Sicherheitsapparat des Landes nicht längst eingeschaltet worden sei, insbesondere angesichts der Möglichkeit einer Entführung.

Haymanuts Vater Tesfaye Kasau wirft den Behörden seit Langem vor, seine Tochter nicht mit derselben Dringlichkeit gesucht zu haben wie andere vermisste Kinder in Israel. Mehrfach sagte er öffentlich, seine Tochter sei »nicht einfach verschwunden«, sondern entführt worden. »Unsere Tränen sind versiegt«, erklärte er bei einer Anhörung im israelischen Parlament. Die Familie fordert seit Monaten, den Fall nicht länger als »gewöhnliches Vermisstenverfahren« zu behandeln.

Der öffentliche Druck auf die Polizei nahm zuletzt deutlich zu. Bei einer Sitzung des Ausschusses für Einwanderung und Diaspora-Angelegenheiten in der Knesset räumten Polizeivertreter selbst ein, man habe die Mission, Haymanut zu finden, bislang »nicht erfüllt«. Zugleich betonten die Ermittler, man habe Tausende Hinweise überprüft, Videoaufnahmen ausgewertet und zahlreiche Suchaktionen durchgeführt. Bislang jedoch ohne jeglichen Erfolg.

Vater Tesfaye Kasau: »Unsere Tränen sind versiegt. Haymanut ist nicht einfach verschwunden, sie ist entführt worden.«

Immer wieder sorgten neue Spuren kurzzeitig für Hoffnung. Ende 2025 nahmen Ermittler einen Mann fest, der verdächtigt wurde, versucht zu haben, ein anderes Mädchen in Be’er Scheva zu entführen. Zeitweise prüfte die Polizei einen Zusammenhang mit Haymanuts Verschwinden. Wenig später wurde der Verdacht jedoch wieder fallengelassen.

Der Fall bewegt Israel auch deshalb so stark, weil Haymanut aus einer äthiopisch-israelischen Familie stammt. Angehörige der Community beklagen seit Jahren strukturelle Benachteiligung und fragen offen, ob die Suche mit derselben Intensität geführt worden wäre, wenn das verschwundene Kind aus einer wohlhabenderen oder prominenteren Familie gekommen wäre.

Anfang Januar traf die Familie schließlich Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Laut Angaben des Premierministerbüros versprach er, sich persönlich einzuschalten. »Wir werden sie zurückbringen«, sagte Netanjahu bei dem Treffen. Auch die Likud-Abgeordnete Tsega Melaku, selbst äthiopischer Herkunft, nahm daran teil. Sie hatte sich zuvor mehrfach öffentlich für die Familie eingesetzt

Gänzlich unklar, was an jenem Februartag geschah

Trotz aller politischen Zusagen ist bis heute gänzlich unklar, was mit dem kleinen Mädchen an jenem Februartag 2024 geschah. Die letzten bekannten Bilder zeigen das Mädchen in der Nähe des Aufnahmezentrums in Safed. Danach verliert sich ihre Spur vollständig. Kein Lösegeldschreiben, kein gesicherter Hinweis, kein Lebenszeichen. Während die Ermittlungen nun mit zusätzlichem Geld und der Unterstützung des Schin Bet neue Dynamik erhalten sollen, lebt die Familie seit mehr als zwei Jahren in einem Zustand zwischen Hoffnung und Verzweiflung.

Daniel Mahart, Aktivist bei der Haymanut-Kampagne , sagte in einem Interview mit der Zeitung Maariv: »Seit zwei Jahren und drei Monaten fordern die Eltern von der Jewish Agency und dem Integrationsministerium Unterstützung für eine Kampagne zur Einbindung der Öffentlichkeit. Ich hoffe sehr, dass diese nun erfolgreich sein wird. Die Familie ist verzweifelt, weil es kein einziges Lebenszeichen von ihrem Kind gibt.«

Für viele Israelis ist Haymanut inzwischen mehr als »nur« ein Vermisstenfall. Sie steht für die Frage, wie ein Kind in dem kleinen Israel mitten am Tag verschwinden kann – und dass niemand darauf eine Antwort hat.

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