China

Viraler Judenhass in China

Video auf der chinesischen Plattform »Xiaohongshu«: Ein Tintenfisch kontrolliert den symbolisch für die USA stehenden Adler.

Im Stil eines Kung-Fu-Films der 80er-Jahre kämpft eine persische Katze gegen den weißen Adler – Iran gegen die USA. Das Video der chinesischen Staatspropaganda erreicht dabei nicht nur ein breites Publikum, sondern inspiriert auch zahlreiche ähnliche Produktionen. In einigen dieser Nachahmervideos wird der politische Konflikt weiter zugespitzt: So entscheidet in einem Clip der Adler nicht allein, sondern ein Tintenfisch springt auf seinen Kopf und steuert seine Entscheidungen. Die Anspielung ist eindeutig: Das klassische Motiv der jüdischen Weltverschwörung findet so seinen Weg in die chinesischen sozialen Medien. Das ist weder Ausrutscher noch Einzelfall.

Denn im Hintergrund arbeitet das chinesische Informations-Ökosystem: Staatsmedien setzen ein Narrativ, Influencer und Social-Media-Accounts verstärken es, und ein »Spamouflage«-Netzwerk aus unzähligen gefälschten Accounts trägt es auf westliche Plattformen. Chinesische Staatsmedien verbreiteten in den ersten Wochen des Krieges Falschmeldungen – etwa dass Israels Premierminister Benjamin Netanjahu das Land verlassen habe.

China bettet den Iran-Krieg in ein klares Deutungsmuster ein: die USA und Israel als Aggressoren, der Iran als Opfer einer Weltordnung, der China ablehnend gegenübersteht. Peking positioniert sich als Fürsprecher des Globalen Südens, als vertrauenswürdige Macht, die sich dem westlichen Imperialismus entgegenstellt. Der Iran-Krieg bietet dafür eine Bühne, wie sie sich die Propaganda-Abteilung kaum besser hätte ausdenken können. Antisemitismus ist dabei funktional: An bereits bestehende anti-israelische und antisemitische Ressentiments kann China unmittelbar anknüpfen, um das eigene Narrativ zu stärken.

Dabei ist Antisemitismus in China eine vergleichsweise junge Erscheinung. Das Land kennt keine jüdische Geschichte im europäischen Sinne, keine Jahrhunderte christlicher Judenfeindschaft, keine Pogrome. Bis weit in die 2010er-Jahre dominierte ein ausgeprägter Philosemitismus, also eine idealisierende Sicht auf Juden. Bestseller wie Die Weisheit der Juden oder Das Talmud-Business füllten chinesische Buchhandlungen. Juden galten als intelligent, erfolgreich und kulturell bedeutend. Auch das Verhältnis zwischen China und Israel war lange gut. Nach der formellen Aufnahme von Beziehungen 1992 entwickelten sich Handel, Technologieaustausch und akademische Zusammenarbeit. Mit der Verschlechterung von Chinas Verhältnis zum Westen und der Wahrnehmung Israels als verlängerter Arm der USA kippte das vormals positive Bild ins Gegenteil.

Bis in die 2010er-Jahre herrschte in dem Land ein ausgeprägter Philosemitismus.

Auch die öffentliche Wahrnehmung hat sich erheblich verschoben. Die »Anti-Defamation League« (ADL), eine amerikanische NGO, die sich gegen die Diskriminierung von Juden einsetzt, ermittelte 2024, dass rund 58 Prozent der chinesischen Bevölkerung antisemitische Einstellungen zeigten – fast dreimal mehr als in einer Vergleichserhebung ein Jahrzehnt zuvor. Ein Bericht des »Jewish People Policy Institute« (JPPI) vom Februar 2026 hat diese Entwicklung systematisch dokumentiert. Der Befund ist eindeutig: Antisemitische Narrative haben sich spätestens nach dem 7. Oktober 2023 massiv aus marginalen Online-Räumen in offizielle Medien, Universitäten und den staatlich geduldeten Diskurs verlagert.

Die Beispiele für antisemitische Inhalte in der chinesischen Öffentlichkeit sind zahlreich. Chinas größter Fernsehsender CCTV behauptete in einem Beitrag, Juden stellten zwar nur drei Prozent der amerikanischen Bevölkerung, kontrollierten aber 70 Prozent des Reichtums – dies diente als Erklärung, warum die USA Israel unterstützen. Der Influencer Lu Kewen, mit rund 15 Millionen Followern eine der reichweitenstärksten Stimmen auf den chinesischen Plattformen, zitierte in einem viralen Beitrag direkt aus Adolf Hitlers Mein Kampf und den Protokollen der Weisen von Zion und ermutigte sein Publikum, Juden anhand physischer Merkmale zu identifizieren.

Als die australische Menschenrechtsorganisation OHPI Dutzende antisemitische Beiträge an den chinesischen Plattformbetreiber Weibo meldete, war nach zwei Wochen nur ein einziger entfernt worden – jener, der zusätzlich Tierquälerei zeigte. In einem Land, das für seine effiziente und oft automatisierte Zensur bekannt ist, ist das kein Zufall. Was auf chinesischen Social-Media-Plattformen sichtbar bleibt, wird mindestens stillschweigend geduldet. JPPI-Präsident Yedidia Stern bringt es auf den Punkt: »Wenn eine Nation, die die zweitgrößte Bevölkerung der Welt hat und zu den zentralen Gestaltern des globalen Informationsraums gehört, die Verbreitung antisemitischer Ideen zulässt, sie anheizt oder toleriert, hat ihr Handeln Auswirkungen weit über ihre Grenzen hinaus«, sagte er der »Times of Israel«.

China wirbt für sich als die verantwortungsbewusste Alternative zum amerikanischen Imperialismus, als Architekt einer gerechteren globalen Zukunft. Dieses Selbstbild steht im Widerspruch zu der Dynamik, die durch die Verbreitung und Nachahmung seiner Propaganda entsteht. Jede Welle antisemitischer Inhalte, die durch die Förderung oder Duldung des chinesischen Staates ungehindert zirkuliert, trägt zu einem Klima bei, in dem alte Feindbilder neue Verbreitung finden. Für Jüdinnen und Juden weltweit entfaltet sich dadurch eine bedrohliche Wirkung.

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