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Unabhängige Prüfung der Nahost-Berichterstattung der Deutschen Welle gefordert

Der Hauptsitz der Deutschen Welle in Bonn Foto: picture alliance / CHROMORANGE

Der Verband Jüdischer Journalistinnen und Journalisten (JJJ) fordert eine unabhängige Untersuchung der Berichterstattung der Deutschen Welle über den Nahostkonflikt und jüdisches Leben. Nach Ansicht des Verbands gibt es insbesondere bei den Social-Media-Angeboten des Auslandssenders wiederholt journalistisch problematische Darstellungen. Teilweise werde Israel einseitig dargestellt, während wichtige Zusammenhänge ausgeblendet würden. Antisemitische Kommentare auf den Kanälen des Senders würden nicht ausreichend moderiert.

Der JJJ hatte deshalb bereits eine Programmbeschwerde bei der Deutschen Welle eingereicht. Nach Angaben des Verbands wurde bislang lediglich einer der beanstandeten Beiträge gelöscht. In einem weiteren Fall habe die DW eine Überarbeitung angekündigt, die jedoch auch Wochen später noch nicht erfolgt sei.

Susanne Stephan, Co-Vorsitzende des JJJ, betont, dass die Berichterstattung über das Leid der Zivilbevölkerung in Gaza und im Südlibanon grundsätzlich wichtig sei. Gleichzeitig vermisse der Verband eine angemessene Beschäftigung mit der Rolle der Hamas und der Hisbollah sowie mit arabischen Stimmen, die sich gegen diese islamistischen Organisationen und die sogenannte »Achse des Widerstands« wendeten. Gerade angesichts der großen Reichweite der DW auf sozialen Plattformen sei diese Gewichtung problematisch.

Nicht mehr zugänglich

Der Verband verweist auf eine Reihe konkreter Beiträge. So veröffentlichte eine Moderatorin, Redakteurin und Chefin vom Dienst der Deutschen Welle am 5. März auf Facebook einen Beitrag, der sich an »syrische Freunde« richtete. Darin warnte sie angesichts der Kämpfe im Libanon davor, sich zu früh über die Situation zu freuen, und schrieb: »Was heute in der südlichen Vorstadt geschieht, ist zuvor in Gaza geschehen und könnte euch ebenfalls bald erreichen.« Gemeinsam mit dem Text seien unter anderem Bilder mit einem Hamas-Symbol veröffentlicht worden. Der ursprüngliche Beitrag sei inzwischen nicht mehr öffentlich zugänglich.

Besonders kritisch bewertet der JJJ einen Beitrag von DW Español über KI-generierte Fälschungen zur Schoa. Zwar sei das Thema selbst relevant, doch habe sich unter dem entsprechenden Instagram-Reel eine große Zahl antisemitischer Kommentare angesammelt. Der Verband führt als Beispiele Äußerungen an, in denen die Ermordung von sechs Millionen Juden geleugnet oder Juden pauschal der Lüge bezichtigt werden. Auch die Behauptung, die meisten KI-Unternehmen würden von Juden kontrolliert, sei dort zu finden. Nach Einschätzung des JJJ wurden diese Kommentare nicht ausreichend moderiert.

Auch die Berichterstattung zum Gedenken an die Nakba sieht der Verband kritisch. Beiträge hätten aus seiner Sicht historische Zusammenhänge unzureichend berücksichtigt. So seien etwa das Pogrom von Farhud im Irak 1941, die Vertreibung jüdischer Gemeinden aus arabischen Staaten nach 1948 und die Kriege arabischer Staaten gegen Israel nicht oder nur unzureichend erwähnt worden. Bei einem Reel zum israelischen Yom HaShoah sei zudem ein erheblicher Teil der kurzen Sendezeit dem Krieg in Gaza und im Libanon gewidmet worden, wobei Israel nach Auffassung des Verbands einseitig als Aggressor erschien.

Material einer Konfliktpartei

Beanstandet wird außerdem ein Beitrag von DW Español über die Trauerfeierlichkeiten im Iran nach dem Tod von Ali Khamenei. Nach Darstellung des JJJ hat das Reel weitgehend die offizielle iranische Sichtweise übernommen. Hinweise auf die staatliche Organisation der Veranstaltung, mögliche Zwangsteilnahmen und Zweifel an der offiziell genannten Zahl von 20 Millionen Teilnehmern hätten gefehlt. Ebenso sei der politische Hintergrund der Herrschaft Khameneis und die Gewalt gegen Demonstranten nicht ausreichend eingeordnet worden. Der Beitrag hätte nach Ansicht des Verbands als Material einer Konfliktpartei gekennzeichnet werden müssen.

Weitere Kritik richtet sich gegen den spanischsprachigen Journalisten Mikel Ayestaran, der bei der Deutschen Welle wiederholt als zugeschalteter Experte auftrete. Der JJJ verweist auf Beiträge Ayestarans auf X, in denen er im Zusammenhang mit Israel oder einzelnen Israelis wiederholt die Formulierung »El pueblo elegido« – »Das auserwählte Volk« – verwendet habe. Der Verband bewertet dies als antisemitisch.

Auch die Wortwahl der DW im Zusammenhang mit der Hamas wird kritisiert. Der Sender verwende teilweise die Formulierung, die Organisation werde »von vielen Mitgliedern der internationalen Gemeinschaft als Terrororganisation angesehen«. Nach Ansicht des JJJ entsteht dadurch eine unnötige Distanz zu der Tatsache, dass die Hamas in Deutschland, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft wird. Gleichzeitig übernimmt die DW nach Auffassung des Verbands Angaben der Hamas teilweise zu unkritisch.

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Bei DW Arabic stößt insbesondere ein Beitrag über die angebliche israelische Beteiligung an der Entführung des früheren venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro auf Kritik. In dem Video werde unter anderem gefragt, warum Israel von der Entwicklung in Venezuela profitieren könnte. Der JJJ wirft der Redaktion vor, damit die Darstellung der venezolanischen Vizepräsidentin Delcy Rodríguez, die Entführung habe einen »zionistischen Charakter«, weitgehend unkommentiert übernommen zu haben. Nach Auffassung des Verbands fehlten eine ausreichende Faktenprüfung und eine Einordnung der politischen Hintergründe.

Grundsätzlich erkennt der JJJ an, dass DW Arabic regelmäßig über das Leid der Zivilbevölkerung in Gaza und im Südlibanon berichtet. Gleichzeitig verlangt der Verband eine transparentere Kennzeichnung von Videomaterial, dessen Herkunft aus Konfliktgebieten nicht eindeutig sei. Zudem würden nach seiner Einschätzung Entwicklungen wie Proteste gegen die Hamas, deren Vorgehen gegen die eigene Bevölkerung oder die Rolle der Hisbollah in der Berichterstattung auf sozialen Plattformen zu wenig berücksichtigt.

Auch das arabischsprachige Format »Jaafar Talk«, das eine besonders große Reichweite erzielt, wird beanstandet. Nach Darstellung des JJJ konzentrieren sich mehrere Beiträge vor allem auf die humanitären Folgen der Kriege und auf persönliche Schicksale. Militärische und politische Zusammenhänge, etwa die Rolle des Iran, die Aktivitäten der Hisbollah oder die Dynamik zwischen Israel und der Hisbollah, würden dagegen teilweise kaum erklärt.

Antisemitische Verschwörungsmythen

In diesem Zusammenhang nennt der Verband auch Nasser Jubara, der nach eigenen Angaben zu den Gründungsmitgliedern von Arabic.dw.com gehört und lange für die Deutsche Welle gearbeitet habe. Jubara soll in einem Gespräch mit dem Hisbollah-nahen Sender »Al Mayadeen« antisemitische Verschwörungstheorien über Israels Einfluss und jüdische Interessen am globalen Kapital geäußert haben.

Bei DW News verweist der Verband unter anderem auf ein inzwischen gelöschtes Reel über die sogenannte Sumud-Flottille. Darin sei der brasilianische Aktivist Thiago Ávila zu Wort gekommen, ohne dass dessen politische und persönlichen Verbindungen ausreichend eingeordnet worden seien. Der JJJ verweist darauf, dass Ávila unter anderem an der Beerdigung des früheren Hisbollah-Chefs Hassan Nasrallah teilgenommen und sich mit der PFLP-Aktivistin Leila Khaled habe fotografieren lassen.

Ein weiterer beanstandeter Beitrag befasst sich mit dem palästinensischen Arzt Hussam Abu Safiya. Der JJJ räumt ein, dass die Forderung nach einem rechtsstaatlichen Verfahren beziehungsweise einer Freilassung bei fehlender Anklage journalistisch nachvollziehbar sei. Gleichzeitig habe der Beitrag wesentliche Informationen über Abu Safiyas politische Äußerungen und die israelischen Vorwürfe einer Zusammenarbeit mit der Hamas nicht berücksichtigt.

Nicht abgeschlossen

Auch auf der deutschsprachigen DW-Website sieht der Verband problematische Beispiele. Genannt wird auch ein Beitrag über Abed Hassan, der als »deutsche Stimme in Gaza« vorgestellt worden sei. Der JJJ erklärt, frühere Äußerungen Hassans seien nicht berücksichtigt worden, darunter ein Vergleich Israels mit dem »Satan« und die Behauptung, die Vergewaltigungen während des Hamas-Massakers vom 7. Oktober 2023 hätten nicht stattgefunden. Die DW habe nach der Programmbeschwerde eine Überprüfung angekündigt. Nach Angaben des Verbands sei diese bislang nicht erkennbar abgeschlossen.

Kritik übt der JJJ zudem an einem DW-Beitrag über sogenannten »antipalästinensischen Rassismus«. Der Verband hält sowohl die Auswahl bestimmter Experten als auch die verwendeten Quellen für problematisch und wirft der Redaktion vor, die Herrschaft der Hamas in Gaza nicht ausreichend zu berücksichtigen. Auch die wissenschaftliche Einordnung einzelner im Beitrag zitierter Autoren und Organisationen wird infrage gestellt.

Schließlich führt der Verband einen Beitrag vom 27. März 2026 an, in dem DW-Moderator Raimund Stündel von »angeblich drei Raketen« gesprochen habe, die die Hisbollah auf Israel abgefeuert habe. Der JJJ hält diese Formulierung angesichts der damaligen Angriffe für eine Verharmlosung. Er verweist darauf, dass die Hisbollah allein am 11. März mehr als 200 Raketen auf Israel abgefeuert habe und auch in den darauffolgenden Tagen weitere Angriffe stattgefunden hätten.

Reaktion der DW

Der JJJ betont, dass seine Kritik nicht bedeute, sämtliche Nahostberichte der Deutschen Welle seien unausgewogen. Vielmehr gehe es vor allem um wiederkehrende Muster in reichweitenstarken Social-Media-Angeboten und einzelnen Beiträgen. Der Verband fordert deshalb von Intendanz und Chefredaktion eine externe und unabhängige Überprüfung der entsprechenden Inhalte. Dabei solle insbesondere untersucht werden, ob journalistische Standards, der gesetzliche Auftrag des Senders und die eigenen redaktionellen Richtlinien eingehalten werden.

DW-Chefredakteur Mathias Stamm reagierte auf die Vorhaltungen.: »Die Behauptung, die Deutsche Welle betreibe israelfeindlichen oder antisemitischen Journalismus, weisen wir entschieden zurück«, erklärte er. »Unsere Berichterstattung über den Nahen Osten folgt denselben journalistischen Maßstäben wie jede andere Berichterstattung der DW: sorgfältige Recherche, Faktenorientierung, Unparteilichkeit und die Einordnung komplexer Zusammenhänge.«

Stamm fügte hinzu: »Unterschiedliche Perspektiven und menschliche Schicksale sichtbar zu machen, ist kein Ausdruck von Parteilichkeit, sondern journalistischer Auftrag. Kritik an unserer Arbeit nehmen wir ernst. Pauschale Vorwürfe, die unserer Berichterstattung eine antisemitische oder israelfeindliche Tendenz unterstellen, entbehren jedoch jeder Grundlage.« im

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