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So erzeugt man einen gefährlichen Spin

Das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 hatte ein klares Kalkül. Es sollte, so Hamas-Funktionär Khalil al-Hayya gegenüber der New York Times, Abkommen zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn rückgängig machen und die »palästinensische Sache« wieder auf die Tagesordnung setzen. Al-Hayya vertraute darauf, dass der israelische Gegenschlag Bilder produzieren würde, die von Islamisten instrumentalisiert werden konnten.

Er sollte Recht behalten. In der islamischen Welt wurde nach dem Anschlag gefeiert, in den Straßen von Berlin wurden Süßigkeiten an Passanten verteilt, und arabische Wissenschaftler beglückwünschten die Terroristen zu der erfolgreichen »Widerstandsaktion«.

»Befreit Palästina von der deutschen Schuld« skandierten deutsche Studenten, an vielen Universitäten wurden Hamas-Parolen gebrüllt, und allenthalben zeigte sich eine neue Querfront aus antiwestlichen Linken und Islamisten, vereint im Kampf gegen Israel. Sie entdeckten Gemeinsamkeiten. Israel sei der rostige Nagel im Fleisch der islamischen Geographie, hatte Ali Erbas, der Leiter der türkischen Religionsbehörde verkündet. Akademische Linke, geschult in der sogenannten postkolonialen Theorie, sahen den jüdischen Staat hingegen als Bollwerk des weißen Imperialismus in der arabischen Welt. Anderes Wording, gleicher Inhalt.

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Das Massaker der Hamas sollte sich als Brandbeschleuniger des Antisemitismus erweisen. Islamisten riefen weltweit zum Dschihad gegen Juden auf und rekrutierten vor allem im Internet jugendliche Anhänger, die vor Gewalt nicht zurückschreckten. Die Folgen waren dramatisch. Von 2020 bis 2024 stieg in Deutschland die Anzahl antisemitischer Vorfälle von 1.957 auf 8.627. Allein von 2023 bis 2024 verzeichnete die »Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus« (RIAS) eine Zunahme von 77 Prozent.

Zweifelsfrei gibt es einen riesigen Bedarf an Erklärungen, um zu verstehen, was junge Menschen für die Erzählungen der Islamisten anfällig macht. Auch der Bedarf an präventiven und deradikalisierenden Maßnahmen ist enorm. Hier setzt ein Projekt an, das der Psychologe Ahmad Mansour mit Wissenschaftlern der Universität Heidelberg, der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg entwickelt hat.

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Im Fokus stehen Jugendliche mit internationalen Migrationsbiographien, die aufgrund ihrer identitären Vulnerabilität, so die Hypothese, für Radikalisierungsnarrative ansprechbar sind. Große Teile dieser Jugendlichen, so darf man angesichts der Zusammensetzung der Schülerschaft in vielen Schulen vermuten, sind Muslime. Seit der legendären Studie des Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer aus dem Jahr 1997 bei türkischstämmigen Jugendlicher zeigen wissenschaftliche Umfragen stets, dass Antisemitismus zusammen mit islamischem Fundamentalismus und Demokratiefeindlichkeit bei muslimischen Jugendlichen verstärkt auftreten. Gute Gründe für ein Projekt, wie Mansour es entworfen hat, die nachvollziehbar sein sollten.

Doch weit gefehlt. Seit bekannt wurde, dass Mansour und sein Team für ihr Projekt mehr als neun Millionen Euro erhalten werden, gehen die Wogen hoch. Bei den Empörten ganz vorne dabei ist das Medienunternehmen »Correctiv«, das in einem Artikel bereits im Titel den Begriff »umstritten« verwendet und den Versuch unternimmt, die Förderentscheidung des Ministeriums fragwürdig erscheinen zu lassen.

Probleme verschwinden nicht, wenn man sie ausblendet.

Der Text beginnt mir einer längeren Beschreibung der Person Mansours, der ebenfalls mit dem Adjektiv »umstritten« bezeichnet wird. Er gelte unter streng gläubigen Muslimen und Linken als Reizfigur, heißt es, gefolgt von zwei aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten. Damit war der zentrale Spin bereits gesetzt. Im weiteren bezweifelt Correctiv angesichts der Personalie Mansour die »Ergebnisoffenheit«, mutmaßt Diskriminierung von Muslimen im Forschungsdesign und bezweifelt das Einhalten wissenschaftlicher Standards. Auch Gutachter hätten Kritik geäußert.

Was ist dazu zu sagen? Dass Gutachter in Forschungsvorhaben etwas beanstanden, ist gängige Praxis. Antragsteller bessern dann nach. Das war auch beim vorliegenden Vorhaben der Fall. Das Projekt wird evaluiert, ein wissenschaftlicher Beirat wurde eingerichtet, es gibt eine Anbindung an große vom BMBF und BMI geförderte Netzwerke wie MOTRA und PrEval. Nachbessern bedeutet allerdings nicht, dass Gutachter immer zufriedengestellt werden können. In meiner eigenen langjährigen Erfahrung als Gutachterin sowohl in kleinen Vorhaben als auch in sehr großen und kostspieligen Verbundprojekten war ich auch nicht immer begeistert, hätte so manches Mal eine Ablehnung begrüßt oder ein anderes Projekt befürwortet. Doch darum geht es nicht.

Entscheidungsbefugt sind letztendlich die fördernden Institutionen. Und das ist gut so. Denn wäre dies anders, würden viele Forschungen niemals beginnen, weil sich immer jemand findet, die nicht einverstanden ist.

Der islamistisch-linken Querfront sind liberale Muslime wie Ahmad Mansour ein Dorn im Auge.

Warum also die Empörung? Wer sich die dokumentierten Monita und in die von Correctiv herausgestellten Beanstandungen anschaut, entdeckt, dass ein Kritikpunkt fortwährend wiederholt wird. Beanstandet wird nämlich, dass muslimische Jugendliche in den Blick genommen werden sollen. Dies sei defizitorientiert und diskriminierend. Hier haben wir ein tatsächliches Problem, allerdings weniger mit Mansours Forschungsvorhaben als mit dem Bemühen eines sozialwissenschaftlichen Mainstreams, islamistische, antisemitische oder frauenfeindliche Einstellungen innerhalb der muslimischen Communities zu verschleiern.

Bereits Wilhelm Heitmeyer wurde vor fast 30 Jahren für seine empirischen Studien dahingehend kritisiert, und so ergeht es allen, die sich mit problematischen Haltungen von Personen befassen, die »vulnerablen Gruppen« zugeordnet werden. Der Terminus entstammt einem stark ideologisierten Theoriekorpus, der die Welt in Täter und Opfer einteilt.

Täter sind die weißen Einwohner westlicher Länder, Opfer vorzugsweise Migranten aus nichtwestlichen Ländern und Muslime. An dieser Stelle ähnelt die Vorgehensweise von Correctiv denjenigen, die Friedrich Merz Stadtbildäußerungen als rassistisch skandalisierten oder dem Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk vorschreiben wollen, nicht über die Herkunft von Straftätern zu berichten. Wenn die Wirklichkeit nicht zum Wunschbild einer bunten Gesellschaft passt, dann muss die Realität eben verschwiegen werden, so die implizite Forderung.

Es ist zu begrüßen, dass das Bundesforschungsministerium die finanziellen Mittel für Mansours wichtige Vorhaben bereitgestellt hat.

Natürlich ist so etwas fatal, weil Probleme eben nicht verschwinden, wenn man sie ausblendet. Das gilt auch für den Antisemitismus, der in drei verschiedenen Szenen gedeiht: im Rechtsextremismus, im linken Milieu und im Islamismus. Dass ein linkes Medienunternehmen durch seine unsachliche Kritik einem muslimischen Antisemitismus in die Hände spielt, ist vielleicht nicht beabsichtigt, lässt sich aber genau so in entsprechenden Zeitschriften und Internetportalen beobachten.

Der eingangs erwähnten islamistisch-linken Querfront sind liberale Muslime wie Mansour ohnehin ein Dorn im Auge, weil sie als staatstragend wahrgenommen werden und den israelbezogenen Antisemitismus kritisieren. Letzterer ist jedoch zurzeit so explosiv und gefährlich, dass er dringend erforscht werden muss, damit der Gewalt gegen Juden Einhalt geboten werden kann. Es ist daher zu begrüßen, dass das Bundesforschungsministerium die finanziellen Mittel für dieses wichtige Vorhaben bereitgestellt hat. Auf die Ergebnisse können wir gespannt sein.

Die Autorin ist Ethnologin und leitete seit 2014 das Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam. Zuletzt erschien von ihr im Herder-Verlag »Der neue Kulturkampf – Wie eine woke Linke Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft bedroht«.

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