Berlin/Hannover

Reichinnek auf Distanz zu antisemitischem Linken-Beschluss

Heidi Reichinnek, Fraktionsvorsitzende, Die Linke Foto: picture alliance / Chris Emil Janßen

Nach der Aufregung um einen Beschluss der Linken in Niedersachsen zum Zionismus geht Bundestagsfraktionschefin Heidi Reichinnek auf Distanz. »Aus meiner Sicht wird der Beschluss der komplexen Lage in Israel und Palästina nicht gerecht«, erklärte Reichinnek, früher selbst Landesvorsitzende der Linken in Niedersachsen. Der Beschluss hätte anders formuliert und ergänzt werden müssen, sagte sie.

Der Beschluss des Landesverbands vom Wochenende richtet sich gegen »heute real existierenden Zionismus«. Historisch ist Zionismus eine politisch-religiöse Bewegung mit dem Ziel, einen jüdischen Nationalstaat in Palästina zu errichten. Der Beschluss enthält auch Vorwürfe, wonach die israelische Regierung im Gazastreifen einen »Genozid« betreibe und in Israel und den besetzten Gebieten »Apartheid« herrsche.

An dem Papier gibt es heftige Kritik. Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) erklärte, die Landespartei habe nicht nur beschlossen, den Zionismus abzulehnen, sondern habe »den jüdischen Staat und seine Regierung mit der Hamas gleichgesetzt«.

»Schlecht kaschierter Antisemitismus«

Der Beschluss und die Kommunikation der Linken dazu empöre sie, erklärte sie. »Denn es geht nicht um die israelische Politik im Heute, es geht um die Existenz des Volkes Israel, es geht um die Zukunft jüdischen Lebens weltweit.« Unter Hinweis auf Äußerungen einiger Linker aus Niedersachsen sprach Prien von »wohlstandsverwahrlosten Kommentaren voller Ignoranz und Antisemitismus«.

Lesen Sie auch

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, sagte der »Neuen Osnabrücker Zeitung«: »Dem Judenhass, den sie in zahlreichen Lippenbekenntnissen von sich gewiesen hat, bietet die Linkspartei damit ein Zuhause.« Die demonstrative Ablehnung des jüdischen Staates sei ein Angriff auf das Selbstbestimmungsrecht des jüdischen Volkes. »Jeder kann sehen: Der linke «Antizionismus» ist schlecht kaschierter Antisemitismus.«

Ähnlich äußerte sich Niedersachsens Antisemitismusbeauftragter Gerhard Wegner in der »Hannoverschen Allgemeinen Zeitung«. Auch von SPD, CDU, Grünen und AfD kam Kritik.

»Jüdisches Leben muss geschützt werden«

Die Linken-Landesvorsitzenden Thorben Peters und Hilke Hochheiden wiesen den Vorwurf des Antisemitismus zurück. »Für uns ist klar: Antisemitismus hat in unserer Partei keinen Platz«, erklärten sie auf Anfrage. »Jüdisches Leben muss geschützt werden – überall und jederzeit.«

Es müsse aber legitim sein, konkrete Politik zu kritisieren und politische Entwicklungen zu diskutieren: »Für uns ist entscheidend, dass Kritik an Regierungspolitik nicht mit Antisemitismus gleichgesetzt wird. Wir kritisieren die israelische Regierung und ihre Politik – nicht Jüdinnen und Juden in Deutschland. Die haben damit nichts zu tun, sondern verdienen Schutz.«

Reichinnek betonte, die Darstellung, dass Niedersachsen nun ein »antizionistischer Landesverband«, sei falsch: »Denn es geht im Beschluss um die aktuelle Politik der rechten israelischen Regierung und nicht den Zionismus mit seinen zahlreichen historischen Implikationen und seiner Bedeutung als Schutzraum für Jüdinnen und Juden vor Antisemitismus. Das Existenzrecht Israels steht für uns als Linke außer Frage!«

Die beiden Landeschefs hatten dem Antrag auf dem Parteitag zugestimmt und verteidigen den Kern des Beschlusses: »Gleichzeitig sehen wir auch, dass einzelne Formulierungen missverständlich sein können. Es ist unglücklich, wenn ein Beschluss den Eindruck erweckt, eine Schlagseite zu haben.« Von Schlagseite hatte auch der Bundesvorsitzende Jan van Aken gesprochen und war ebenfalls auf Distanz zu dem Beschluss gegangen. dpa/ja

Internationaler Strafgerichtshof

»Begünstigung von Kriegsverbrechen«: Israelische NGO zeigt Spaniens Regierungschef Sánchez an

Die Hintergründe

 18.04.2026 Aktualisiert

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Wir Juden sollten uns nicht verstecken. Wir sollten offen, laut und stolz sein - auch und insbesondere auf den jüdischen Staat

von Daniel Neumann  17.04.2026

ZDF-Politbarometer

Auf Bundesebene: AfD erstmals stärkste Kraft

Die rechtsextreme Partei profitiert von der Unzufriedenheit der Bürger mit der Regierung

 17.04.2026

Medien

Ex-»Welt«-Chefredakteur Burgard bei Springer künftig für Nahost zuständig

Burgard folgt auf Constantin Schreiber, der ab dem 1. Mai von Deutschland aus arbeitet

 17.04.2026

Berlin

Zentralrat der Juden gegen Widerspruchslösung

In seinem Tätigkeitsbericht für 2025 geht der Zentralrat auch ethische Fragen rund um das Thema Organspende ein

 17.04.2026

Genf

So reagiert die Weltbank auf antisemitische Posts von Francesca Albaneses Ehemann

Massimiliano Cali soll den palästinensischen Terrorismus relativiert und gegen Juden gehetzt haben

von Imanuel Marcus  17.04.2026

Paris

Bericht: Marine Le Pen trifft Israels Botschafter

Das Gespräch wirft diese Frage auf: Wie geht die Regierung Netanjahu mit rechtsextremistischen Parteien im Ausland um?

 17.04.2026

Yale-Umfrage

Jüngere Wähler in den USA äußern häufiger antisemitische Ansichten

Auch Plattformen wie TikTok spielen eine Rolle. Ihre Nutzer neigen eher zu Judenhass als Konsumenten herkömmlicher Medien

 17.04.2026

Amsterdam

Neue YouTube-Serie folgt den Spuren von Anne Frank

Eine Schauspielerin reist von Frankfurt über Amsterdam bis Bergen-Belsen und bietet Einblicke in das Leben des jüdischen Mädchens, das Millionen Menschen berührt hat

 17.04.2026