Pessach

Preis der Freiheit

Zentralratspräsident Josef Schuster Foto: imago images / epd

Pessach ist das Fest der Freiheit. Seit Jahrtausenden geht es für die jüdische Gemeinschaft beim Pessachfest darum, die Erinnerung an die Freiheit an die nächste Generation weiterzugeben und die ununterbrochene Kette der jüdischen Tradition zu erhalten. Aus dieser Erinnerung speisen sich Lektionen, die jede Generation aufs Neue verinnerlichen muss, um sie später an ihre Nachkommen weiterzugeben: Freiheit entsteht nicht aus sich selbst heraus. Sie muss erstritten, manchmal erkämpft werden. Freiheit ist kein Endzustand, den man einmal erreichen und damit für immer sichern kann. Für ihren Erhalt muss man sich aktiv einsetzen. Freiheit ist niemals gewiss. Historisch und auch in unserer heutigen Zeit ist sie ein kostbares, flüchtiges und verletzliches Gut.

Diese Lektionen sind zeitlos. Sie wohnen der Haggada inne, der Erzählung des Sederabends zu Beginn von Pessach. Sie gelten genauso im Jahr 2026. Im Iran kämpfen Hunderttausende mit der Freiheit im Herzen gegen das Mullah-Regime, das sein Volk seit 47 Jahren brutal unterdrückt und terrorisiert. Sie wollen für sich die Freiheiten, die Lebensweise erstreiten, die Israel im Krieg gegen das Mullah-Regime verteidigt. Denn die Vernichtung des jüdischen Staats ist erklärtes Ziel und Staatsdoktrin der Machthaber in Teheran.

Hohle Versprechungen der Populisten

Die Lehren der Freiheit haben auch die Gründung der Bundesrepublik Deutschland maßgeblich beeinflusst. Das Grundgesetz ist die Konsequenz aus den Verbrechen des Nationalsozialismus. Es ist Garant und Sicherung für die Werte unserer offenen Gesellschaft. Doch im Jahr 2026 gibt es in Deutschland einige, die sich nicht mehr zu erinnern scheinen: einige, die glauben, unsere Freiheiten und Rechte seien ein unabänderlicher Status quo. Eine wachsende Anzahl von Menschen in Deutschland und in anderen westlichen Gesellschaften hält die Freiheit für etwas Selbstverständliches und achtet sie deshalb gering. Diese Menschen erliegen angesichts der Herausforderungen, vor denen unsere Gesellschaft steht, den hohlen Versprechungen der Populisten.

Während in der Ukraine, in Israel oder im Iran die Menschen bereit sind, für ihre Freiheit und die Freiheit ihrer Kinder ihr Leben zu riskieren, wenden sich Menschen in Deutschland von der demokratischen Mitte ab. Die für viele Verbraucher schmerzhaft ansteigenden Spritpreise dürfen nicht den Blick darauf verstellen, dass sich der Welt die seit 1979 größte Chance bietet, sich von Teheran als globalem Financier des Terrors zu befreien.

Wer seit Jahrzehnten die Freiheiten genießt, für die andere heute ihr Leben riskieren, sollte sich entschlossen an die Seite dieser Menschen stellen.

Auch auf eine andere Weise spüren wir heute, dass die Lektionen der Freiheit sträflich vernachlässigt werden: Viele Menschen treten in der Öffentlichkeit auf, als sei das Freiheitsstreben anderer eine Zumutung. Zu viele erheben bereitwillig die Stimme gegen den angeblich »völkerrechtswidrigen« Krieg gegen das Mullah-Regime, um dann zu schweigen, sobald das Leid der Menschen im Iran und in Israel seit Beginn dieses Krieges zur Sprache kommt.

Wir erleben, wie den Menschen angesichts des Terrors der Mullahs geraten wird, sich mit »Kerzen und Menschenketten« zur Wehr zu setzen. Diese »guten« Ratschläge weichen allzu häufig einem Schulterzucken, wenn es um die Massenerschießungen, die Fälle von Folter und Entführung, die fortwährenden Menschen- und Völkerrechtsverletzungen des Regimes im Iran, auch der Machthaber in Russland oder China geht. Zu selten trauen sich Politiker und andere öffentliche Kommentatoren, das Leid der Unterdrückten sichtbar zu machen – und dabei deutlich die Verantwortlichen zu benennen: das Mullah-Regime im Iran, Putins Gefolgsleute in der Ukraine, die Hamas in Gaza.

Kapitulation vor den Feinden der Freiheit

Was sich hinter solchen pazifistischen, vorgeblich moralischen Positionen verbirgt, ist in Wahrheit eine Kapitulation vor den Feinden der Freiheit. Wer seit Jahrzehnten die Freiheiten genießt, für die andere heute ihr Leben riskieren, sollte sich entschlossen an die Seite dieser Menschen stellen. Wer das nicht kann, der sollte sich zumindest in stiller Zurückhaltung üben, statt im Angesicht der existenziellen Bedrohung Belehrungen und Zurechtweisungen zu verteilen.

Als Jüdinnen und Juden kennen wir den Preis der Freiheit sehr genau. Pessach erinnert uns jedes Jahr auf Neue daran, die Freiheit nicht gering zu schätzen und jene zu achten, die nach ihr streben. In diesem Jahr sind meine Gedanken bei den Menschen im Iran, die einer ungewissen Zukunft entgegenblicken und enorme Risiken eingehen, um diese Zukunft selbst gestalten zu können. Meine Gedanken sind bei den Menschen in Israel, die der Bedrohung ihrer Freiheit durch den Iran und seine Stellvertreter – Hisbollah, Hamas und Huthis – mutig entgegensehen und größte Resilienz beweisen.

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Diese Resilienz und die Liebe zur Freiheit sind es, die wir als jüdische Gemeinschaft an Pessach feiern und das ganze Jahr über unter Beweis stellen. Antisemiten werden weiterhin versuchen, jüdisches Leben unsichtbar zu machen und uns an den Rand der Gesellschaft zu drängen. Solange wir die Lektionen der Freiheit beherzigen, solange wir unsere Traditionen ehren und weitergeben – solange wir stolz darauf sind, jüdisch zu sein, werden sie an diesem Ziel immer scheitern.
Dieses Pessach feiern wir im vollen Bewusstsein darum, wie kostbar unsere Freiheit ist.

Pessach kascher we-sameach!

Der Autor ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

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