Um 20 Uhr sollte der Zoom-Call zwischen Mitgliedern der meist säkularen israelischen Community Berlins und dem Berliner CDU-Politiker Stefan Evers am Mittwochabend losgehen. Vier Minuten vor Beginn der von der Immobilienmaklerin Anna Brautmann organisierten Diskussion waren 15 Leute beigetreten. Zehn Minuten später waren es 100 – und viele mehr, die auf Grund des Zoom-Limits gar nicht teilnehmen konnten.
Natürlich war es eine Wahlkampfveranstaltung, aber doch auch mehr, denn der Finanz- und Kultursenator, CDU-Spitzenkandidat und – seit Kai Wegners Abgang –kommissarische Landesvorsitzende sah sich einer Gemeinschaft gegenüber, die bisher – auch auf eigenen Wunsch - selten als solche wahrgenommen wird. Es war ein dringend nötiger Realitätenabgleich. Denn der Leidensdruck ist groß, wie Evers Zoom-nah erleben konnte.
Bis zu 18.000 Israelis leben derzeit in der Hauptstadt, viele davon mit deutschem Pass, sagt Brautmann eingangs und bezieht sich auf eine jüngste Schätzung der israelischen Botschaft. Aber es waren einmal deutlich mehr. Sie schätzt, dass etwa 25 Prozent Berlin schon wieder verlassen haben oder gerade darüber nachdenken, es zu tun. Basis für diese Annahme ist auch ihre Maklererfahrung, denn sie ist spezialisiert darauf, Wohnungen für Israelis zu finden, zu vermieten oder zu verkaufen.
Dann geht es an den Schmerz
Nachdem Evers, in weißem Hemd ohne Schlips und so authentisch wie einem Berufspolitiker möglich, seine Haltung und die seiner Partei zu Israel und Antisemitismus vorgestellt hat – strikt pro-israelisch und vehement für den Schutz jüdischen Lebens in »seiner« Stadt – geht es an den Schmerz. Zuerst spricht Hagar, eine junge Frau aus der Tech-Branche: »Wir sind seit dem 7. Oktober mit so vielen Formen der Diskriminierung konfrontiert! Und ich meine nicht nur antisemitische Angriffe in Schulen, am Arbeitsplatz, auf Dating-Apps, in Bars, sondern auch diese Leichtigkeit, mit der Israelis diskriminiert werden, nur weil sie Israelis sind«, bricht es aus ihr heraus. »Dabei spielt es keine Rolle, wofür wir stehen oder wie es uns geht.«
»Die meisten Eltern von jüdischen oder israelischen Kindern haben derzeit wirklich Angst«
Anna Brautmann
Wissendes Schweigen, im Chat mehr Beispiele, und Evers ist kurz sprachlos. Dass keine Witze gemacht werden und es lautlose Handzeichen anstatt tönende Zwischenrufe gibt, ist ein Zeichen dafür, wie schlecht die Stimmung ist. Shira, Mutter zweier Söhne, macht weiter: »Wir kamen 2015 nach Berlin. Mein Vater war Berliner, er hat den Krieg im Versteck überlebt. Wir sind zurückgekommen, es war wie ein Kreis, der sich schließt. Es fühlte sich an, als würden wir zu unseren Wurzeln zurückkehren. Aber nach dem 7. Oktober trauten wir uns auf der Straße nicht mehr, unsere Sprache zu sprechen. Mein Sohn wurde in der Schule beleidigt, und die Lehrer wussten nicht, wie sie damit umgehen sollen. Sie kannten Antisemitismus von rechts, aber nicht von Einwanderern. Ich habe meinen Jungs immer beigebracht, nicht zu hassen. Wir hassen die Palästinenser nicht. Wir wünschen Kindern nichts Böses. Kinder sind Kinder.« Brautmann fügt hinzu, dass sie ihren Sohn wegen der anhaltenden antisemitischen Anfeindungen gerade auf eine christliche Schule geschickt habe. »Die meisten Eltern von jüdischen oder israelischen Kindern haben derzeit wirklich Angst«, sagt sie. »Wir fühlen uns nicht mehr sicher.«
Evers hat beim Zuhören immer wieder ungläubig mit dem Kopf geschüttelt. Es sei wirklich schwer, angemessen auf diese Reflexion über die eigenen Gefühle und Erfahrungen zu reagieren, sagt er dann. »Viele Dinge, die wir bereits tun, sind wie ein Tropfen auf einen glühend heißen Stein«, gibt der Politiker zu. Angefangen bei der Finanzierung, aber auch bei dem Problem, die richtigen Projekte und Leute zu finden. »Eine Erfahrung, die viel zu oft in unseren Schulen gemacht wird, ist: Sobald man darauf hinweist, wo das Problem liegt und woher es stammt, muss man sich mit Rassismusvorwürfen auseinandersetzen, die nichts mit dem eigentlichen Problem zu tun haben.«
An die eigenen Verwaltungsbehörden gerichtet führt er aus: »So viele Menschen haben sich jahrzehntelang selbst etwas vorgemacht, was das tiefgreifende Problem betrifft, das wir mit Antisemitismus haben, der von der Linken und aus islamischen Kreisen kommt.« Das zu überwinden könne Jahre dauern. »Aber wir werden es tun müssen.«
»Die Menschen müssen mit Konsequenzen rechnen«
Ein Weg zur Lösung liegt für ihn in Konsequenzen: »Die Menschen – in unseren Schulen und auf unseren Straßen - müssen mit Konsequenzen rechnen, wo immer wir mit Antisemitismus konfrontiert sind; woher er auch kommen mag – ob von rechts, aus dem islamischen Umfeld oder von links. Das ist mir egal«, sagt Evers entschlossen. Und dann ist die Zeit auch schon fast um.
Natürlich rettet ein 45-Minuten-Zoom keine Welten, aber man sollte die Kraft des Zuhörens nicht unterschätzen. Als es um den Wegzug von High-tech- und Start-up-Personal geht, weil der Arbeitsmarkt feindselig geworden ist, bleibt Evers sachlich, ist aber offensichtlich schockiert. Das habe er nicht gewusst. »Wir brauchen Sie!«, sagt er dann und damit einen Satz, auf den viele gewartet haben dürften.