Interview

Oberrabbiner Goldschmidt: Iran destabilisiert gesamten Nahen Osten

Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt Foto: IMAGO/Sven Simon

Hunderte orthodoxe Rabbiner haben sich in dieser Woche zur Generalversammlung der Europäischen Rabbinerkonferenz (CER) in Jerusalem getroffen - nachdem die eigentlich in Aserbaidschan geplante Versammlung den Angaben zufolge wegen Bedrohungen aus dem Iran abgesagt werden musste. Wie es im Iran nach den Massenprotesten jetzt weitergehen könnte, sagt CER-Präsident, Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt, im Interview. Er spricht außerdem über die Lage in Israel, die Zukunft des Gazastreifens und Herausforderungen jüdischer Gemeinden in Europa.

Herr Oberrabbiner Goldschmidt, die Europäische Rabbinerkonferenz hat in Jerusalem getagt, weil es für den eigentlich geplanten Ort der 33. Generalversammlung - Baku - Bedrohungen aus dem Iran gegeben hat. Wie blicken die Rabbiner auf den Iran nach den Massenprotesten?Wir rufen die europäischen Länder auf, das iranische Volk zu unterstützen und alles dafür zu tun, dass dieses schreckliche Regime wechselt. Wir beten für die große Mehrheit der iranischen Bürger, dass sie in Freiheit leben können.

Für wie wahrscheinlich halten Sie das in der jetzigen Lage?
Ein Regime bricht zusammen, wenn Sicherheitskräfte nicht mehr bereit sind, ihre eigenen Bürger zu töten. Man hört, dass ein Teil dieser Sicherheitskräfte begonnen hat, sich vom Abschlachten friedlicher Bürger zu distanzieren. Und übrigens: Solange der Iran den Nahen Osten destabilisiert, etwa im Libanon oder in Gaza, und solange der Iran seine Islamische Revolution exportiert, wird es keine Zwei-Staaten-Lösung für den Nahen Osten geben. Eine EU wäre auch undenkbar, wenn immer noch das Nazi-Regime an der Macht wäre.

Sie leben in Israel und bekommen den Nahostkonflikt hautnah mit. In welcher Verfassung ist das Land heute, nach dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 und zwei Jahren Gazakrieg?
Gott sei Dank gibt es einen Waffenstillstand in Gaza, und alle Geiseln sind zurück, lebendig oder tot. Das waren sehr wichtige Schritte. Und jetzt kommt die zweite Phase des Gaza-Abkommens, also die Entwaffnung der Hamas. Die Frage ist nur: Wer soll das machen? Falls tatsächlich eine neue Administration in Gaza organisiert wird, ist zu hoffen, dass wir auf diesem Weg zu einer Lösung kommen.

Wie stellen Sie sich die Zukunft des Gazastreifens vor?
2005 ließ der damalige israelische Ministerpräsident Ariel Scharon jüdische Siedlungen im Gazastreifen räumen. Das war der Moment, in dem die Palästinenser dieses Gebiet künftig selbstständig hätten verwalten können. Aber anstatt Gaza zu einem Abu Dhabi werden zu lassen, organisierten der Iran und andere Staaten das Gebiet als Terrorstützpunkt. Das Ende kennen wir: der 7. Oktober 2023. Die Frage ist: Auf welcher wirtschaftlichen Basis wird Gaza künftig stehen? Es gibt dort kein Öl und kein Gas.

Was schlagen Sie vor?
Es wäre natürlich, dass sich Gaza wirtschaftlich an Israel koppeln würde. Aber dafür braucht man Frieden und den Willen, zusammenzuleben. Solange aber die Hamas ihre Ideologie des Todes der des Lebens vorzieht, ist das unwahrscheinlich. Der Schlüssel für den Nahen Osten liegt in den Händen zweier regionaler Mächte: Israel und Saudi-Arabien. Wenn sie zusammen daran arbeiten, eine Lösung zu finden, dann sind wir auf dem Weg zu einem Frieden.

Lassen Sie uns nach Europa schauen. Die CER repräsentiert dort große jüdische Gemeinden. Vor welchen Herausforderungen stehen sie?
Wir rufen generell zu einer engeren Beziehung zwischen Israel und den jüdischen Gemeinden außerhalb Israels auf. Die größte Herausforderung jüdischer Gemeinden in Europa ist aber der Antisemitismus, der seit dem 7. Oktober sehr stark geworden ist. Zwar leisten zahlreiche Regierungen viel für die Sicherheit. Aber wir müssen die Wurzeln antisemitischer Angriffe anpacken. Es gibt Antisemitismus, der von Staaten außerhalb Europas organisiert ist, um Europa zu schwächen, zum Beispiel aus dem Iran. Schon lange verlangen wir, dass die iranischen Revolutionsgarden in der Europäischen Union als Terrororganisation geführt werden müssen. Dafür zeichnet sich mehr und mehr ein Konsens ab.

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