Kanada

Bericht: Jüdische Studenten erleben Antisemitismus als alltägliche Realität

Die Toronto Metropolitan University Foto: picture alliance / empics

Antisemitismus ist nach den Ergebnissen einer neuen, von der kanadischen Regierung beauftragten Untersuchung für viele jüdische Studierende ein fester Bestandteil des Hochschulalltags. Der Bericht des Projekts »Campus Antisemitism and Student Experiences« (CASE) kommt zu dem Schluss, dass antisemitische Vorfälle an zahlreichen Universitäten nicht mehr als Einzelfälle wahrgenommen werden, sondern sich zu einem strukturellen Problem entwickelt haben.

Für die Studie wurden rund 900 jüdische Studenten im ganzen Land befragt. Demnach halten 84 Prozent Antisemitismus für ein ernstes Problem an ihrer Hochschule. Fast 96 Prozent gaben an, innerhalb der vergangenen zwölf Monate mindestens einen antisemitischen Vorfall erlebt oder beobachtet zu haben. 68 Prozent erklärten, ihr Campus sei für jüdische Studenten weder sicher noch inklusiv. 70 Prozent werfen ihren Universitäten vor, Antisemitismus nicht ernst genug zu nehmen.

Die Ergebnisse zeigen zudem, dass viele Betroffene ihr Verhalten aus Angst anpassen. 72 Prozent verzichten nach eigenen Angaben darauf, sich im Unterricht offen zu ihrer jüdischen Identität zu äußern. 57 Prozent vermeiden es aus Sicherheitsgründen, sichtbare jüdische Symbole zu tragen. Mehr als die Hälfte berichtete außerdem von psychischen Belastungen und dem Verlust von Freundschaften infolge antisemitischer Erfahrungen.

Unter Druck gesetzt

Auch Lehrveranstaltungen werden in dem Bericht als Problemfeld beschrieben. 36 Prozent der Befragten berichteten von Unterrichtsinhalten oder Diskussionen, die sie als antisemitisch oder einseitig empfanden. 34 Prozent erklärten, Professoren hätten Themen wie Juden, Judentum, Israel oder Zionismus in Veranstaltungen eingebracht, obwohl diese mit dem eigentlichen Lehrstoff nichts zu tun gehabt hätten. Fast jeder zweite Befragte fühlte sich unter Druck gesetzt, seine Haltung zu Israel öffentlich zu erklären.

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Der Bericht dokumentiert außerdem Bedrohungen und körperliche Übergriffe. 81 Prozent der jüdischen Studenten berichteten von diskriminierender Behandlung, 71 Prozent von antisemitischem Vandalismus und 54 Prozent von Einschüchterungen oder Drohungen gegen Juden. 22 Prozent gaben an, körperliche Gewalt gegen Juden auf dem Campus erlebt oder beobachtet zu haben.

In zahlreichen offenen Stellungnahmen schilderten Betroffene ihre Erlebnisse. Ein Student berichtete: »Mein Freund ging durch das Wohnheim. Er trägt ebenfalls eine Kippa, und eine Gruppe von Studenten rief: ›Da ist ein Jude … schnappt ihn euch.‹ Anschließend jagten sie ihn aus dem Gebäude.« Ein anderer Teilnehmer erklärte: »Ich bin ausgestiegen. Meine Angst war zu groß, und niemand an der Hochschule schien sich darum zu kümmern. Jüdische Studenten werden gejagt.«

Reaktionen der Universitäten

Die Autoren kritisieren auch den Umgang der Hochschulen mit gemeldeten Vorfällen. Nur ein Drittel der Betroffenen meldete antisemitische Ereignisse überhaupt. Von diesen zeigten sich 63 Prozent unzufrieden mit der Reaktion ihrer Universität. Viele verzichteten auf eine Meldung, weil sie nicht glaubten, dass diese negative Konsequenzen haben würde.

Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass an Hochschulen ein Klima- und Governance-Problem besteht, das Sicherheit, Chancengleichheit und akademische Teilhabe jüdischer Studierender beeinträchtigt. Es heißt darin, Universitäten seien aufgefordert, ihre Richtlinien und Verfahren zu überprüfen und wirksame Maßnahmen gegen antisemitische Diskriminierung zu ergreifen. im

Der komplette Bericht der kanadischen Regierung in Ottawa zum Thema Judenhass auf dem Campus ist hier einsehrbar.

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