NS-Verbrechen

»Nicht archivwürdig«

Aktenregale in der Zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg Foto: Edgar Layher

NS-Verbrechen

»Nicht archivwürdig«

Die Zentrale Stelle in Ludwigsburg steht vor dem Aus. Große Teile ihrer Bestände sollen geschreddert werden

von Hans-Ulrich Dillmann  07.12.2016 11:51 Uhr

Das Aus für die Zentrale Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg ist nur noch eine Frage der Zeit. Doch wenn die Behörde, in der Staatsanwälte bis zum heutigen Tag NS-Verbrechern hinterher-recherchieren, eines Tages schließt, drohen dort archivierte Anfragen der Versorgungsämter der Bundesländer verloren zu gehen. Das ist die Befürchtung der Historiker Stefan Klemp und Martin Hölzl.

Die beiden Wissenschaftler haben im Auftrag des Bundessozialministeriums und des Simon Wiesenthal Center für einen Bericht über die Erfahrungen mit den Verfahren zur Aberkennung der Kriegsopferrente für NS-Straftäter recherchiert.

aktenvernichtung Dabei erfuhren sie, dass das Bundesarchiv beabsichtigt, Akten, die derzeit in der Zentralstelle lagern, zu vernichten. Es handelt sich um Aktenstücke zu Anfragen nach NS-Tätern, die eine Kriegsopferrente erhalten. Es soll sich um mehrere Regalmeter von Schriftwechseln mit den Versorgungsämtern und Aktennotizen handeln – etwa 60 Aktenordner, insgesamt rund 26.000 Anfragen.

»Wenn das passiert, dann wäre es angesichts der Tatsache, dass viele Versorgungsakten bereits vernichtet sind und viele Länder diese Akten nicht an die Archive abgegeben haben, unmöglich, die Umsetzung dieses Gesetzes weiter aufzuarbeiten«, heißt es in dem Schlussbericht der Historiker. Sie halten es deshalb für »dringend erforderlich«, die Aktenbestände für weitere historische Studien aufzubewahren.

Seit Aufnahme ihrer Arbeit im Dezember 1958 hat die Ludwigsburger Zentralstelle insgesamt 7569 Vorermittlungsverfahren eingeleitet – gegen KZ-Aufseher und andere, auch ausländische SS-Leute. Zwölf Vorermittlungsverfahren sind derzeit noch anhängig. Das Prozedere ist: Nach einer Voruntersuchung leiten die Ludwigsburger Staatsanwälte ihre Erkenntnisse an die zuständigen Anklagebehörden weiter, damit die eventuell Anklage gegen NS-Straftäter erheben.

Seit 1998 der sogenannte Zusatzparagraf 1a des Bundesversorgungsgesetzes in Kraft getreten ist, sind die Versorgungsämter gehalten, durch Regelanfrage zu prüfen, ob möglichen NS-Tätern ihre Kriegsopferrente gestrichen wird. Dabei prüft die Zentralstelle ihre Erkenntnisse über SS-Mitglieder, Wehrmachtsangehörige, NSDAP- Mitglieder, die sich eventuell strafbar gemacht haben, indem sie gegen »Grundsätze der Menschlichkeit oder Rechtsstaatlichkeit verstoßen« haben. Wenn das der Fall ist, müsste ihre Rente gestrichen werden.

schliessung In absehbarer Zeit steht allerdings die Schließung der in Baden-Württemberg gelegenen Zentralstelle an, denn nur wenige NS-Verbrecher leben überhaupt noch. Der Aktenbestand, so sieht es eine Vereinbarung vor, wird nach dem Ende der Strafverfolgungsbehörde dann in den Besitz des Bundesarchivs übergehen, das bereits jetzt eine Zweigstelle in Ludwigsburg un-terhält. Dort aber gibt es wenig Interesse an dem Ludwigsburger Material, wie die Autoren des Kriegsopferrenten-Berichts für das Bundessozialministerium erfahren haben.

Bei der Zentralstelle in Ludwigsburg gibt man sich gelassen. »Solange wir weiter ermitteln«, sagt der stellvertretende Leiter Thomas Will, »passiert nichts mit dem Aktenbestand.« Aber was dann? Sicher ist, dass die rund 1,7 Millionen Karteikarten mit den Ermittlungserkenntnissen archiviert werden. Und, fügt Staats- anwalt Will hinzu: »In unseren Karteikarten ist alles erfasst.« Auch die Versorgungsamtsanfragen und die Antworten. Doch Will plädiert ebenfalls dafür, »die Akten aufzubewahren, denn es dürfte der letzte Gesamtaktenbestand über die Anfragen der Versorgungsämter und unserer Auskünfte sein«.

Die Brisanz des Themas, das die zwei Historiker in der Schlussbemerkung ihres Berichts aufgeworfen haben, hat man inzwischen auch im Bundesarchiv zur Kenntnis genommen. Hinter vorgehaltener Hand spricht man von einem »politisch heißen Eisen«.

landesarchive Beim Arbeitsministerium geht man davon aus, dass »Materialien, aus denen hervorgeht, ob für eine Person Indizien für eine Verwicklung in NS-Verbrechen vorliegen oder nicht«, erhalten bleiben, wie eine Sprecherin mitteilt. »Als nicht archivwürdig werden lediglich die in aller Regel immer gleichlautenden Anfragen der Versorgungsämter der Länder sowie ›die in vermutlich über 90 Prozent der Fälle negative Antwort der Zentralen Stelle‹ angesehen.«

Der Leiter der Außenstelle Ludwigsburg des Bundesarchivs, Peter Gohle, sieht jedoch sein Amt nicht in der Verpflichtung, Archivalien zu bewahren. Das sei »primär Aufgabe der zuständigen Landesarchive«, teilt er mit. Wie auch das Ministerium hält er negative Bescheide an die Versorgungsämter für »nicht archivwürdig«. Sprich: für die deutsche Geschichte unwichtig.

Aber, so finden nicht nur Historiker, sie sind interessant für die Aufarbeitung des manchmal sehr wohlwollenden Umgangs der Ämter mit NS-Tätern, die eine Kriegsopferrente bezogen.

Argentinien

Der jüdische Teil von Messi

Während im Internet Gerüchte über Lionel Messis Herkunft und Sympathien rumoren, erzählt der Sohn eines verstorbenen argentinischen Fußballfans eine besonders schöne Geschichte

von Sophie Albers Ben Chamo  10.07.2026

Bundesrat

Länder: Aufrufe zur Vernichtung Israels sollen strafbar werden

Der Bundesrat hat am Freitag einen Vorschlag Hessens gebilligt, wonach die öffentliche Leugnung des Existenzrechts Israels bestraft werden soll. Ob ihn die Bundesregierung aufgreift, ist noch unklar

von Michael Thaidigsmann  10.07.2026

Warschau

Vor 85 Jahren wurden die Juden von Jedwabne ermordet

Ein Massaker 1941 belastet das Verhältnis von Juden und Polen: Anstifter waren Deutsche, doch die Täter waren Polen. Ein Ex-Präsident hat zu dem Gedenktag eine klare Botschaft

 10.07.2026

Ramallah

Abbas kündigt Wahlen an

Der Chef der Palästinensischen Autonomiebehörde legt den 28. November als Termin für die Neuwahl des Parlaments fest, 2027 soll auch über die Präsidentschaft neu abgestimmt werden.

 10.07.2026

Großbritannien

»Wir haben das nicht richtig gemacht«

Andy Burnham, designierter Nachfolger von Keir Starmer als Labour-Chef und Premierminister, kündigt eine Kurskorrektur in der britischen Nahostpolitik an

von Michael Thaidigsmann  10.07.2026

Hamburg/Haifa

Netanjahu bremst Milliarden-Fusion von Hapag Lloyd und Zim

Hapag-Lloyd würde die israelische Reederei gerne übernehmen. Doch der israelische Ministerpräsident hat Sicherheitsbedenken

 10.07.2026

Hamburg

Ein Jahr nach Beginn des Block-Prozesses kein Ende in Sicht

Am 11. Juli 2025 startete am Landgericht der spektakuläre Prozess um die Entführung der Block-Kinder. 63 Verhandlungstage gab es seither. Was ist noch offen?

 10.07.2026

Tirana

Albaniens Premier gibt Millionen für Kanye-Konzert aus

Ein geplanter staatlich geförderter Auftritt spaltet das Land – und verstärkt die ohnehin seit langem wachsende Kritik an Ministerpräsident Rama. Die jüdische Gemeinde will eine Absage

 10.07.2026

New York

Bericht: Israel warnte Trump vor neuem iranischem Anschlagsplan gegen ihn

Seit der Tötung des iranischen Generals Qassem Soleimani Anfang 2020 droht der Iran Trump mit Vergeltung

 10.07.2026