Jerusalem

NGO Monitor wirft Ärzte ohne Grenzen tief verwurzelten Antisemitismus vor

Die Genfer Zentrale von Médecins Sans Frontières Foto: picture alliance/KEYSTONE

Die israelische Organisation NGO Monitor erhebt in einem neuen Bericht schwere Vorwürfe gegen die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières, MSF). Nach Darstellung der Autoren sind Antisemitismus und Anti-Zionismus tief in der Organisationskultur verankert. Grundlage der Studie sind nach Angaben von NGO Monitor interne Kommunikationsinhalte sowie Aussagen heutiger und früherer Mitarbeiter. »The Jerusalem Post« nahm den Bericht auf.

NGO Monitor zufolge berichteten zahlreiche jüdische Beschäftigte von einem Arbeitsumfeld, in dem israelfeindliche Einstellungen weit verbreitet seien. NGO Monitor kommt zu dem Schluss, dass entsprechende Haltungen sowohl auf Führungsebene als auch unter Mitarbeitern anzutreffen seien und sich über Jahre entwickelt hätten.

Als Zeuge wird unter anderem der frühere MSF-Generalsekretär Richard Rossin angeführt. Er sagte bereits im Jahr 2024 der kanadischen Zeitung »National Post«, eine ideologische Voreingenommenheit gegenüber Israel sei innerhalb der Organisation bereits Anfang der 1980er Jahre erkennbar gewesen. »Der Antisemitismus innerhalb von MSF begann unter dem Deckmantel des Anti-Zionismus«, erklärte Rossin. »Wie kann man Antisemitismus beheben, der keine Meinung, sondern eine Geisteskrankheit ist?«

»Komplize der Hamas«

Rossin schilderte zudem einen Vorfall aus dem Jahr 2010 während eines Einsatzes in Uganda. Damals habe sich ein Team des niederländischen MSF-Ablegers geweigert, mit einer israelischen medizinischen Hilfsorganisation zusammenzuarbeiten, obwohl beide dieselbe humanitäre Aufgabe gehabt hätten.

Auch der frühere MSF-Generalsekretär Alain Destexhe äußert sich in dem Bericht nach kritisch. In einem Interview aus dem Jahr 2025 habe er erklärt, die Organisation stelle sich im Gazastreifen inzwischen auf die Seite der Hamas und gegen Israel. Wörtlich sagte er: »MSF lügt, MSF ist parteiisch, MSF ist voreingenommen, und MSF ist ein Komplize der Hamas.«

Weitere Aussagen stammen von ehemaligen jüdischen Mitarbeitern. Michael Goldfarb, der 15 Jahre für den US-Ableger von Ärzte ohne Grenzen tätig war, berichtete, europäische Kollegen hätten ihm offen erklärt, Israel habe kein Existenzrecht. Er beklagte zudem, innerhalb der Organisation sei nichts unternommen worden, um Antisemitismus wirksam zu bekämpfen oder jüdische Mitarbeiter zu unterstützen.

»Israelische Propagandamaschine«

Ähnlich äußerte sich die Tropenmedizinerin Estrella Lasry, die viele Jahre am Genfer Hauptsitz von MSF tätig war. Sie kritisierte nach eigenen Angaben eine einseitige Kommunikation der Organisation zum Nahostkonflikt sowie mangelndes Mitgefühl für die israelischen Opfer des Hamas-Terrorangriffs vom 7. Oktober 2023. Als sie diese Kritik intern vorgebracht habe, sei ihr vorgeworfen worden, Teil der »israelischen Propagandamaschine« zu sein.

Lesen Sie auch

Nach Angaben von NGO Monitor finden sich auch auf einer internen Kommunikationsplattform von MSF seit Oktober 2023 zahlreiche israelfeindliche Beiträge. Dazu gehörten unter anderem Aussagen, wonach Zionismus bekämpft werden müsse oder Vorwürfe sexueller Gewalt durch palästinensische Terroristen lediglich Propaganda darstellten. Die Organisation wirft Ärzte ohne Grenzen deshalb vor, den eigenen Anspruch auf Neutralität, Unparteilichkeit und Unabhängigkeit wiederholt verletzt zu haben.

NGO Monitor fordert weitreichende Reformen innerhalb der Hilfsorganisation. Neben Veränderungen in Führung und Organisationsstruktur schlägt der Bericht unabhängige Kontrollmechanismen vor, die Verantwortliche künftig stärker zur Rechenschaft ziehen sollen.

Vorwürfe zurückgewiesen

Ärzte ohne Grenzen wies die Vorwürfe gegenüber der »Jerusalem Post« zurück. Die Organisation erklärte, sie nehme Antisemitismus sehr ernst und dulde keinerlei Form von Diskriminierung oder Vorurteilen unter ihren Mitarbeitern. Zugleich betonte sie, Kritik an der Politik der israelischen Regierung dürfe nicht mit Antisemitismus gleichgesetzt werden.

MSF erklärte weiter, die eigenen Stellungnahmen beruhten auf den Erfahrungen ihrer Mitarbeiter und Patienten vor Ort. Die Art und Weise, wie Israel den Krieg führe, habe unter der palästinensischen Zivilbevölkerung großes Leid verursacht und auch Mitarbeiter der Organisation in Gefahr gebracht. Dies sei aus Sicht von Ärzte ohne Grenzen nicht mit den Regeln und dem Völkerrecht bewaffneter Konflikte vereinbar. im

Debatte

Schramm unterstützt Knobloch in AfD-NSDAP-Vergleich

Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen warnt vor einer Normalisierung rechtsextremer Positionen. Der wachsende zeitliche Abstand zur NS-Zeit dürfe nicht dazu führen, dass die Lehren aus der Geschichte verblassen, betont er

 23.08.2026

Berlin

Antisemitismusbeauftragter befürwortet schärferes Strafrecht

Felix Klein fordert unter anderem härtere Strafen für die Unterstützung der Hamas auf Demonstrationen. Und auch an den Schulen müsse sich etwas ändern

 23.08.2026

Deutschland

Weil er sich israelsolidarisch äußerte: Mann wird mit Cuttermesser an Berliner U-Bahnhof angegriffen

Die Hintergründe

 22.08.2026

Frankreich

»Fick dich, Gisèle, fickt euch, ihr Zionisten«

Gisèle Journo ist Jüdin und betreibt in Paris eine Agentur für Influencer. Jetzt ist sie Zielscheibe antisemitischer Anfeindungen geworden. Auslöser war der Boykottaufruf einer Europaabgeordneten

von Michael Thaidigsmann  21.08.2026

Berlin

Amnesty International ruft Hamas zum Ende der Gewalt auf

Gewalt und außergerichtliche Hinrichtungen durch die Terrororganisation auch gegen Palästinenser kommen laut UN regelmäßig vor. Menschenrechtler fordern ein sofortiges Ende dieser Verbrechen

von Anna Mertens  21.08.2026

Erfurt

Deutsch-israelischer Jugendaustausch kommt nicht voran

Thüringens Antisemitismusbeauftragter Michael Panse sieht strukturelle und politische Gründe. Auch ein Austauschprogramm stockt

von Matthias Thüsing  21.08.2026

Wahlkampf der AfD mit Spitzenkandidat Ulrich Siegmund

Magdeburg

Wie sich die AfD auf eine mögliche Regierung vorbereitet

Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt könnte der rechtsextremistischen AfD erstmals den Weg in eine Landesregierung öffnen. Mit Schulungen, einem Personalpool und Hilfe aus Österreich bereitet sie sich seit langem darauf vor

von Jörg Ratzsch  21.08.2026

Berlin

Bezirk prüft Entzug der Zulassung von antisemitischem Influencer als Berufsbetreuer

Auf Instagram verbreitet er Judenhass und Verschwörungsmythen, im Job soll er Berufstätige mit Herausforderungen betreuen. Passt das zusammen?

 21.08.2026

Iran-Konflikt

Nach Berichten über Missstände: US-Flugzeugträger »USS George Washington« löst Pannenschiff ab

Die »USS Abraham Lincoln« ist seit Monaten im Mittleren Osten eingesetzt und hat zuletzt wegen erheblicher Probleme an Bord Schlagzeilen gemacht. Nun ist ein neuer Flugzeugträger in der Region angekommen

 21.08.2026