Magdeburg

Wie sich die AfD auf eine mögliche Regierung vorbereitet

Wahlkampf der AfD mit Spitzenkandidat Ulrich Siegmund
Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, mit dem letzten »Spiegel«-Titel über ihn Foto: picture alliance/dpa

Der Wahlkampf in Sachsen-Anhalt geht in die Schlussphase. In gut zwei Wochen wird sich zeigen, ob die AfD dreizehn Jahre nach der Parteigründung erstmals in Regierungsverantwortung kommt oder weiter Oppositionspartei bleibt. Ersteres wäre eine Zäsur in der politischen Geschichte der Bundesrepublik. Die AfD bereitet sich seit Jahren darauf vor und setzt dabei auch auf Hilfe aus dem Ausland.

Anfang 2023, zum zehnten Jahrestag der AfD-Gründung, lenkte Co-Parteichefin Alice Weidel den Blick auf das Thema Regieren und kündigte »Personalentwicklungsprogramme und interne Ausbildungsprogramme« an, »um auch in Regierungsverantwortung gehen zu können«. Das müsse »wie in einem Konzern« strukturiert aufgebaut werden, sagte sie damals im Interview.

Zwei Jahre später wird in Berlin eine AfD-Kaderschmiede gegründet. Zweck der »Schwarz-Rot-Gold Akademie GmbH« sind laut Eintrag im Handelsregister Projekte im Bereich »Erwachsenenbildung und Schulungen von Fertigkeiten zur Wahrnehmung für haupt- und ehrenamtliche Tätigkeiten in Politik und Verwaltung«. Zu Lehrplänen, Teilnehmern und Auswahlverfahren macht die Partei keine Angaben.

Personal für zweite und dritte Reihe

Laut »Focus Online« steht der Firma ein Personalpool von einigen Dutzend Dozenten aller möglichen Fachrichtungen zur Verfügung, etwa für Haushaltsrecht oder Innenpolitik. Um das Organisatorische kümmert sich AfD-Bundesschatzmeister Hannes Gnauck.

Weidel beschrieb beim AfD-Parteitag im Juli zwei Ziele: Fachpersonal für die zweite und dritte Reihe zu schulen und die AfD-Landesverbände strategisch auf Regierungsverantwortung vorzubereiten. Auch in den Landesverbänden gebe es bereits Akademien zur »Erstbeschulung für Nachwuchskräfte«. Die Bundesebene sei dann die zweite Stufe.

»Die Akademie macht den Landesverbänden ein Angebot: Suchen die nach der Wahl einen Büroleiter, einen Redenschreiber oder Referenten für ein Fachgebiet, dann können wir helfen«, zitierte »Focus Online« Gnauck. Er geht demnach davon aus, dass AfD-Landesverbände bei einer Regierungsübernahme Spitzenpersonal, wie Minister, selbst stellen können. Anders sehe das auf der Ebene darunter aus. Hier könnte dann die Akademie bei der Vermittlung helfen.

Register mit Namen

Laut »Frankfurter Allgemeiner Sonntagszeitung« gibt es dort ein Register mit Namen und Qualifikationen. Wenn Sachsen-Anhalts AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund »geeignetes Verwaltungspersonal für die Ministerien« brauche, sei der Bundesverband auf dieses Szenario vorbereitet, sagte Gnauck der Zeitung.

Auf Bundesebene hat die AfD außerdem eine »AG Regierungsbeteiligung« eingesetzt und dafür zwei neue Stellen für insgesamt 185.000 Euro im Jahr geschaffen. Die AG soll die Partei gezielt auf mögliche Fallstricke vorbereiten und Vorarbeit leisten, damit etwa mögliche AfD-Gesetzesvorhaben nicht an handwerklicher Umsetzung scheitern.

Es geht zudem um »juristische und politische Abwehrstrategien« gegen Versuche, eine AfD-Regierung zu behindern. Weidel sprach beim Parteitag von Abwehrmaßnahmen gegen »erwartbare Regierungssabotage« - ein Vorgeschmack darauf, wie mögliche Auseinandersetzungen laufen könnten. Lassen sich Vorhaben aus welchen Gründen auch immer schwer umsetzen, dürfte die AfD den Vorwurf erheben, ihre Regierung werde gezielt blockiert.

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Praxisberatung durch die FPÖ

Anregungen für die Praxis holt man sich auch bei der rechten Schwesterpartei FPÖ (»Freiheitliche Partei Österreichs«), die auf jahrzehntelange Regierungserfahrung zurückblicken kann. An einem Strategietreffen von AfD-Spitzenvertretern aus Bund, Ländern und EU-Parlament in Berlin im April nahm etwa ein früherer FPÖ-Staatssekretär des österreichischen Finanzministeriums teil.

AfD-Fraktionsvize Sebastian Münzenmaier, Organisator des Treffens, sprach von »Rat und Expertise von unseren Freunden aus Österreich, die wissen, wie man erfolgreich Koalitionsgespräche bestreitet und Ministerien führt«. Münzenmaier ist selbst regelmäßig zum Austausch in Wien.

Weidels Sprecher Daniel Tapp, der früher selbst für die FPÖ gearbeitet hat, hält für die AfD nach eigenen Angaben ebenfalls Kontakt nach Österreich. Der Austausch sei wegen der Ähnlichkeit der politischen Systeme sinnvoll.

Siegmund spricht von jahrelanger Vorbereitung

Siegmund reiste Anfang des Jahres mit Mitstreitern nach Salzburg zur FPÖ. Man wolle sich darüber informieren, welche Fehler man vermeiden sollte und wie eine Regierung gebildet werde, sagte er in einem Instagram-Video.

Siegmund zufolge hat die AfD in Sachsen-Anhalt lange auf diese Landtagswahl und eine mögliche Regierungsübernahme hingearbeitet. »Wir haben uns zehn Jahre lang darauf vorbereitet«, sagte er kürzlich im MDR. Den Plan dazu unter der Überschrift »Vision 2026« stellte er nach eigenen Angaben auch selbst beim sogenannten Potsdamer Treffen im November 2023 vor.

Regieren will der 35-Jährige nur, wenn seine rechtsextremistische AfD Sachsen-Anhalt bei der Wahl eine absolute Mehrheit erreicht, was nach Umfragen möglich erscheint, aber längst nicht ausgemacht ist. Sich im Landtag zum Ministerpräsidenten einer AfD-Minderheitsregierung wählen zu lassen, hatte er in einem »Welt«-Interview ausgeschlossen.

Wer Minister einer AfD-Regierung werden könnte, ist bisher ein gut gehütetes Geheimnis. Das Kabinett habe er zu 95 Prozent zusammen, sagte Siegmund zuletzt dem »Spiegel«. »Es werden Leute sein, die ich schon lange kenne.« Das meiste Personal käme aus dem sachsen-anhaltischen AfD-Landesverband. Namen nennt er nicht. (mit ja)

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