Volker Beck

»Mein Verhalten war falsch«

»Meine Hoffnung ist, dass am Ende meine Arbeit zählt«: Grünen-Politiker Volker Beck Foto: Stephan Pramme

Volker Beck

»Mein Verhalten war falsch«

Der Politiker über persönliche Fehler, seine Rückkehr und jüdische Unterstützung

von Martin Krauss, Philipp Peyman Engel  02.05.2016 16:51 Uhr

Herr Beck, Sie wurden Anfang März mit 0,6 Gramm einer verdächtigen Substanz aufgegriffen. Crystal Meth, wie es hieß. Jetzt melden Sie sich wieder in der Öffentlichkeit zurück. Wie geht es Ihnen heute?
Mir geht es soweit gut. Auch, weil ich sehr viel Unterstützung und Zuspruch erfahren habe, was mich zum Teil sogar überrascht hat. Auch mein Kreisverband in Köln und die Grüne Fraktion haben mich sehr freundlich und solidarisch aufgenommen. So eine Unterstützung bedeutet einem natürlich besonders viel in einer Phase, in der man sich auch neu orientieren und Kraft schöpfen muss.

Sie sind bekannt für Ihre klaren Worte – haben Sie auch so einen klaren Kopf?
Ja. Da müssen Sie sich keine Sorgen machen. Der Vorgang betrifft aber meine Privatsphäre. Ich habe Privates und Berufliches immer strikt getrennt, in den traurigsten genauso wie in den schönsten Zeiten meines Lebens. Das werde ich auch hier weiter so halten. Das ist keine Ausrede. Das ist mein Prinzip.

Ist es wirklich Privatsache, wenn ein Spitzenpolitiker wie Sie mit einer harten Droge aufgegriffen wird?
Das Verfahren wurde nach einer Opportunitätsvorschrift ohne strafrichterliche Verurteilung eingestellt. Das zeigt: Für Politiker gelten die gleichen Gesetze wie für alle; aber auch das Recht zu schweigen und auf Privatsphäre. Politiker sind keine besseren Menschen. Auch wir machen im Privaten Fehler. Wenn man uns zu Säkular-Heiligen erklärt, kann man an diesem Anspruch nur scheitern. Schon das Konzept, manche Menschen sollten »besser« als andere sein, ist mir suspekt …

... nicht besser. Aber Menschen mit größerer Verantwortung und Vorbildfunktion.
Ja, wir tragen eine Verantwortung für die Menschen. Unsere politischen Entscheidungen haben direkte Auswirkungen auf das Leben und an diesen muss man uns messen.

Es ist gerade mal zwei Monate her, dass Sie wegen der Affäre mehrere Ämter niedergelegt haben. Wie glaubwürdig ist es, nach solch einem Vorfall – öffentliche Läuterung hin oder her – so schnell zurückzukehren?
Mein Verhalten war falsch, dazu stehe ich. Dass mich nun manche Menschen in Zweifel ziehen, damit muss ich leben. Ich habe in den Wochen meiner Krankschreibung viel über mein Leben nachgedacht und darüber, wie dumm ich war. Ich habe es mir selbst zuzuschreiben, dass ich in diese Situation gekommen bin. Meine Hoffnung ist, dass am Ende meine Arbeit zählt. Es geht um die politischen Projekte, für die ich mich einsetze: dass alle Menschen in ihrer Verschiedenheit als Gleiche respektiert werden.

Können Sie dafür überhaupt noch mit demselben Einfluss kämpfen wie früher?
Das können Sie besser beantworten als ich. Die Zeit wird es zeigen.

Nachdem Sie zurückgetreten sind, sprachen sich viele Juden aus dem öffentlichen Leben dafür aus, dass Sie wieder wichtige Ämter in der Partei bekleiden sollen. Hat Sie das überrascht?
Das hat mich tief bewegt und überwältigt. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich habe eine ungemein große Solidarität gespürt, auch von Menschen, die lebensweltlich von diesem Vorgang sicher sehr weit entfernt sind. Eine Krise hat auch etwas Gutes: Man erfährt, auf wen man zählen kann. Das ist ein Geschenk und Grund für Dankbarkeit.

Sie engagieren sich seit über 20 Jahren für die jüdische Gemeinschaft, kämpfen gegen Judenhass und setzen sich für Israel ein. Gab es einen bestimmten Moment, der dafür ausschlaggebend war?
Ich bin, ehrlich gesagt, immer verstört darüber, gelobt zu werden, weil ich mich für jüdisches Leben einsetze. Das sollte doch für jeden selbstverständlich sein. Aber gut, diesen einen Moment gab es wirklich: Als ich vor 30 Jahren mit der Politik anfing, war die Entschädigung und Rehabilitierung der sogenannten vergessenen NS-Opfer ein Thema. Für jüdische Opfer, so dachte ich damals, sei bei der Entschädigung alles geregelt. Dem war nicht so. Stattdessen ließ sich der Gesetzgeber mit Nachweispflichten, Fristen und Wohnsitzvoraussetzungen unzählige Anforderungen und Bedingungen einfallen, um auch viele jüdische Überlebende von angemessenen Entschädigungszahlungen auszuschließen. Ein Skandal – und ein Schlüsselmoment meiner politischen Arbeit.

In der Beschneidungsdebatte 2012 haben Sie sich als erster Bundespolitiker an die Seite der jüdischen Gemeinschaft gestellt. Wie bewerten Sie es, dass nun Teile der Alternative für Deutschland (AfD) ein Verbot der Beschneidung fordern?
Ich finde das schockierend. In der AfD herrscht ein tiefes Unverständnis und Unwissen über die Quellen des Beschneidungsrituals und die verfassungsrechtliche Verankerung der Religionsfreiheit. Das ist eine ganz gefährliche Mischung. Die rechtspopulistische Partei begibt sich hier – wie auch beim Schächten – historisch auf ganz dünnes Eis. Während sie auf Muslime zielt, werden Infragestellungen des Judentums als Kollateralschaden billigend in Kauf genommen. Dies ist ein Angriff auf die Grundfreiheiten unserer Verfassung.

Ist die AfD in ihrem Kern eine religionsfeindliche Partei?
In der langen Liste der Feindlichkeiten, die man in der AfD so pflegt, würde ich dies nicht pauschal sagen wollen. Es gibt innerhalb der AfD auch Mitglieder, die sich als Christen begreifen. Ich glaube, es geht in der AfD um ein Phänomen, das in unserer Gesellschaft weit verbreitet ist: Es gibt ein großes Unwissen über die eigene religiöse Tradition. Und wenn man die schon nicht kennt, fällt es manchem umso schwerer, andere Glaubensrichtungen überhaupt zu verstehen – geschweige denn zu akzeptieren.

Mit dem Grünen-Politiker sprachen Philipp Peyman Engel und Martin Krauß.

Berlin

SPD-Prominente warnen vor Koalition mit der Berliner Linken

In einem offenen Brief sprechen sich Karl Lauterbach, Sigmar Gabriel, Franziska Giffey und Hunderte weitere Sozialdemokraten gegen Rot-Grün-Rot aus – vor allem wegen des Umgangs der Linken mit Antisemitismus

 01.11.2026

Mohsen Rezaei wirft bei einer Wahl im Iran seinen Stimmzettel in eine Urne

Iran-Krieg

Iran knüpft Gespräche mit den USA an sieben Bedingungen

Teheran stellt weiter Maximalforderungen für eine diplomatische Lösung des Konflikts mit den USA. Im erneuten Kriegsfall droht Teheran mit dem Einsatz neuartiger Waffen

 01.11.2026

Annegret Kramp-Karrenbauer spricht bei der Kiel Security Conference

Antisemitismus in Deutschland

Kramp-Karrenbauer warnt vor Bündnissen mit Linken oder AfD

In Berlin hat die Linke die Wahl gewonnen, in Sachsen-Anhalt die AfD. Die frühere CDU-Chefin meint, das Leben vieler Menschen würde sich massiv verändern, wenn diese die Regierung übernähmen

 01.11.2026

Elif Eralp reißt beim Landesparteitag der Linken in Berlin einen Blumenstrauß in die Höhe

Regierungsbildung in Berlin

Koalitionsgespräche von Rot-Grün-Rot in Berlin vor dem Start

Trotz bundesweiter israelfeindlicher Kontroversen hat die Berliner Linke Koalitionsverhandlungen mit SPD und Grünen zugestimmt. Nach dem Wochenende geht es los

 01.11.2026

Überwachungskameras an der Fassade der Synagoge in Hagen, links ein Davidstern

Antisemitismus

Judenfeindliche Straftaten mit islamistischem Motiv auf Rekordniveau

Seit 2023 steigen die Zahlen rasant an. Behörden in Deutschland registrieren immer mehr antisemitische Straftaten. Viele haben einen islamistischen Hintergrund

 01.11.2026

Vanessa Emde zwischen Teilnehmern einer Kundgebung vor dem Linke-Parteitag in Berlin

Regierungsbildung in Berlin

Linker Protest gegen Linke-Führung – Abgeordnete Emde dabei

Vanessa Emde steht wegen ihrer israelfeindlichen Positionen in der Kritik und könnte aus der Berliner Linksfraktion ausgeschlossen werden. Nun taucht sie auf einer Kundgebung am Parteitagsort auf

 01.11.2026

Als Batman verkleidete Person vor brennender Mülltonne in Frankfurt

Gewalt eskaliert

Krawalle und Plünderungen in Frankfurt

Nachdem die Polizei eine zunächst friedliche Demonstration junger Menschen auflöst, eskaliert die Lage auf der Zeil – in der Menge waren auch »Viva Palästina«-Rufe zu hören

 01.11.2026

Steffen Krach, SPD-Spitzenkandidat bei der Abgeordnetenhauswahl 2026

Berlin

SPD-Vorstand beschließt Mitgliedervotum zu Koalitionsvertrag

Noch haben die Koalitionsverhandlungen in Berlin nicht begonnen. Klar ist aber schon, dass die Basis der drei potenziellen Regierungspartner eng eingebunden werden soll

 30.10.2026

Friedens-Mission

Woidke lobt Pferdetreck nach Jerusalem als Friedenszeichen

Sechs Monate und mehr als 3.500 Kilometer Reise durch acht Länder: Der Friedenstreck nach Jerusalem im vergangenen Jahr musste viele Hindernisse überwinden

 30.10.2026