Debatte

Mario Voigt nutzte KI für Reden zum Holocaust-Gedenken

Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress

Betroffenheit, Trauer, Zuversicht - Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt steht in der Kritik, weil mehrere seiner Reden und Gastbeiträge zu diesen Themen mit Hilfe Künstlicher Intelligenz erstellt worden sein sollen. Betroffen sei etwa eine Rede zum Holocaust-Gedenktag, eine Trauerrede und eine Neujahrsansprache, berichtete das Online-Portal »Frag den Staat«, das nach eigenen Angaben mehrere Beiträge von Voigt mit KI-Analyse-Werkzeugen durchkämmte. Zudem ließen sich Zitate von Wissenschaftlern, die Voigt in einem Gastbeitrag verwendete, nicht verifizieren, schreibt »Frag den Staat«. Ein Medium hat bereits reagiert und einen Gastbeitrag aus dem Netz genommen. Voigt steht wegen seiner Doktorarbeit unter Druck

Voigt selbst macht kein Geheimnis daraus, dass er ein Befürworter des Einsatzes von KI ist. »Ich motiviere alle Mitarbeiter unserer Verwaltung, im Jahr 2026 alle modernen Instrumente für ihre Arbeit zu nutzen. Die KI ist längst Teil der modernen Kommunikation«, sagte der CDU-Politiker dem »Tagesspiegel«. Wenn es einzelne Passagen gegeben habe, die mit Hilfe von KI erstellt worden seien, reiße er keinem dafür den Kopf ab.

Der 49-jährige Voigt führt in Thüringen seit gut eineinhalb Jahren eine sogenannte Brombeer-Koalition aus CDU, BSW und SPD, die im Landtag aber keine Mehrheit hat und auf das Verhalten der Opposition angewiesen ist. Politisch steht Voigt seit Monaten wegen Plagiatsvorwürfen unter Druck. Die Technische Universität Chemnitz entzog ihm nach einer Überprüfung seiner Dissertation den Doktortitel. Voigt wehrt sich dagegen mit einem Widerspruch und hat angekündigt, gegen die Entscheidung zur Not auch vor einem Verwaltungsgericht klagen zu wollen.

Voigts Regierungssprecherin teilte auf Anfrage mit, dass KI-Anwendungen in der Staatskanzlei »unterstützend bei der Erstellung von Reden, Texten und Beiträgen eingesetzt« werden. »Eine generelle Kennzeichnungspflicht für Texte, die unter Nutzung von KI-Systemen erstellt oder unterstützt wurden, besteht nicht. Gleiches gilt auch für Textbeiträge in den sozialen Medien.«

Die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« hat nach den Vorwürfen reagiert und nach eigenen Angaben einen Gastbeitrag von Voigt über eine Social-Media-Sperre für Kinder und Jugendliche aus dem Netz genommen und im Archiv gesperrt. Die Zeitung verwies auf ihre Grundsätze im Umgang mit KI. »Bei Gastbeiträgen verlassen wir uns darauf, dass sie menschengemacht sind und indirekte und direkte Zitate stimmen«, schreibt die FAZ. Auf eine Anfrage an die Thüringer Staatskanzlei dazu seien nur »allgemeine Hinweise« als Antwort gekommen. »Diese Einlassung genügt uns als Antwort nicht.«

Digitalminister würde Beiträge kennzeichnen

Thüringens Digitalminister Steffen Schütz nutzt nach eigenen Angaben KI ausschließlich zu Recherchezwecken und zur Themenaufbereitung. »Reden oder Beiträge erstelle ich nicht mit KI. Würde ich aber kennzeichnen«, sagte der BSW-Politiker der Deutschen Presse-Agentur. 

In der Staatskanzlei gebe es eine Dienstanweisung zur Nutzung generativer KI-Systeme. Sie enthalte »verbindliche Vorgaben« zum Umgang mit Daten und zur Qualitätssicherung. »Dabei gilt ein klarer Grundsatz: KI kann unterstützen, die Verantwortung verbleibt stets beim Menschen.«

Mehrere Fragen ließ die Staatskanzlei zunächst unbeantwortet - beispielsweise, wie viele Redenschreiber für Mario Voigt arbeiten, ob alle Reden mit KI erstellt werden und wie hoch der KI-Anteil in diesen Reden einzuschätzen ist. Auch ließ die Staatskanzlei zunächst unbeantwortet, ob die von »Frag den Staat« hinterfragten Zitate der drei Wissenschaftler erfunden sind oder von KI erstellt wurden. 

Die oppositionelle Thüringer Linke warf dem Regierungschef vor, beim Umgang mit KI gegen eine Muster-Dienstanweisung seines Digitalministeriums zu verstoßen. Anders als dort festgehalten fehlten bei Voigts Reden und Zeitungstexten Hinweise auf den Gebrauch von KI. »Mit seinem Verhalten wird Mario Voigt zu einem Beispiel dafür, wie man KI nicht nutzt«, sagte die Landesvorsitzende Katja Maurer.

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AfD: KI-Einsatz für Emotionen geht zu weit

In der Muster-Dienstanweisung steht, dass auf die Verwendung von KI hinzuweisen sei, wenn beispielsweise Textbeiträge und Bausteine für Reden und Antworttexte generative KI genutzt »und das Ergebnis übernommen oder in relevanten Anteilen genutzt wird«.

Der Thüringer AfD-Innenpolitiker Ringo Mühlmann, der wegen seines Umgangs mit KI für die Erstellung von Kleinen Anfragen im Parlament selbst schon für Aufsehen gesorgt hatte, kritisierte den Einsatz von KI für Voigts Reden. Für ihn gehe es zu weit, wenn sich eine KI »für eine sehr emotionale Rede ein Zitat für den Politiker ausdenkt, mit dem dieser persönlich möglicherweise sogar beim Zuhörer in bestimmter planbarer Weise Emotionen hervorrufen will«, sagte er der dpa. »Die KI imitiert hier emotionale Inhalte, die niemals mit einem emotionalen Hintergrund entstanden sind«, so Mühlmann.

In Sachsen teilte ein Regierungssprecher mit, dass KI gelegentlich im Rahmen »von ersten groben Recherchen« genutzt werde. »Für die eigentliche Erstellung von Reden und weiteren Texten wie Grußworten des Ministerpräsidenten wird dagegen keine KI verwendet.« dpa

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