Entscheidungen

Wenn der Rabbi nicht echt ist

Seit dem Launch von ChatGPT im November 2022 und der steigenden Beliebtheit »intelligenter« Chatbots haben sich viele unserer alltäglichen Gewohnheiten grundlegend verändert. Anstatt durch Kochbücher zu blättern, fragt man die KI nach dem perfekten Abendessen – angepasst an diätetische Vorgaben, Kalorienmenge und die Verfügbarkeit der Lebensmittel im Kühlschrank. Und für den nächsten Urlaub stellt sie in Sekundenschnelle eine Liste aller Sehenswürdigkeiten zusammen und plant den Trip bis ins kleinste Detail.

Zum Alltag religiöser Jüdinnen und Juden gehört aber auch, sich an einen Rabbiner zu wenden, ihm halachische Fragen zu stellen und sich beraten zu lassen, zum Beispiel, wie man seine jüdische Identität und Verbindung zu G’tt stärken kann. Manchmal ist es verlockend, auch in diesem Bereich ChatGPT zu konsultieren: »Ist das koscher?« oder »Wie organisiere ich eine Chuppa?« beantwortet die KI schneller, als der Rabbi des Vertrauens das Telefon in die Hand nehmen kann. Doch können die Aufgaben eines Rabbiners tatsächlich von Künstlicher Intelligenz übernommen werden?

Kein vorbildhaftes Beispiel

Ein absurdes und sicher nicht vorbildhaftes Beispiel für die Verwendung von KI zur Verbreitung jüdischer Weisheiten machte kürzlich Schlagzeilen: Es stellte sich nämlich heraus, dass der »Rabbi« Menachem Goldberg, der auf TikTok und Instagram insgesamt über 130.000 Followern jüdische Weisheiten vermittelt, überhaupt nicht existiert und dass die Videos vollständig KI-generiert sind. Was der alte Mann mit dem weißen Bart mit ruhiger Stimme verkündete, hatte sich zuvor der Administrator ausgedacht und als Prompt in eine Video-KI getippt.

Inwiefern ist KI für halachische Fragen und wegweisende Entscheidungen geeignet?

Doch im Grunde ist die Frage berechtigt: Inwiefern ist KI für halachische Fragen und wegweisende Entscheidungen geeignet? Beginnen wir mit halachischen Fragen: Die Halacha – das jüdische Gesetz – ist ein äußerst komplexer Bereich, und nicht umsonst bedarf es vieler Jahre des Studiums, um in der Lage zu sein, halachische Fragen kompetent zu beantworten.

Dabei meine ich keine trivialen Fragen wie den richtigen Segensspruch auf eine bestimmte Speise oder die Reihenfolge beim rituellen Händewaschen vor dem Essen, denn dabei kann die KI durchaus als Nachschlagewerk dienen, um schnell und mühelos die entsprechende Quelle zu finden.

Eine besondere Situation mit zahlreichen Aspekten

Doch oft kommen Juden zum Rabbiner mit Fragen, die man nicht einfach nachschlagen kann, weil es sich um eine besondere Situation mit zahlreichen Aspekten handelt. Der Entscheidungsträger muss alle Details und potenziellen Konsequenzen der Situation abwägen und dabei manchmal auch das spirituelle Niveau des Fragestellers in Betracht ziehen. Der »Psak« – die endgültige halachische Entscheidung – ist individuell und maßgeschneidert für eine bestimmte Person in einer bestimmten Zeit und Situation.

Auch wenn KI auf immense Datenbanken halachischer Texte und Responsen zurückgreifen und riesige Mengen an Informationen verarbeiten kann, kennt sie doch die individuelle Situation des Fragestellers nicht. Es ist es zweifelhaft, dass sie jemals dieses Maß an Feinheit erreichen wird. Doch selbst wenn KI eines Tages die gleichen Kenntnisse und Einschätzungsfähigkeiten eines Rabbiners erlangen würde, wäre sie dennoch nicht befugt, halachische Entscheidungen zu treffen.

Rabbenu Nissim von Gerona (1320–1380) schreibt auf der Grundlage des Talmuds (Traktat Bawa Mezia 59b), dass die Halacha seit Übergabe der Tora am Berg Sinai ausschließlich durch den menschlichen Verstand bestimmt werden kann. Auch wenn KI die menschliche Denkweise perfekt imitieren könnte, wären ihre halachischen Entscheidungen weder gültig noch bindend.

Das jüdische Gesetz darf nur durch den menschlichen Verstand interpretiert werden.

Ein weiterer Grund, warum es weniger ratsam wäre, sich in halachischen Fragen von KI beraten zu lassen, ist, dass der Künstlichen Intelligenz der himmlische Beistand fehlt. Aus dem Talmud (Traktat Ketubot 60b) geht hervor, dass G’tt den Rabbinern hilft, die richtige halachische Entscheidung zu treffen.

Ähnlich ist es auch im Bereich der Medizin: Obwohl Künstliche Intelligenz bei medizinischen Diagnosen effektiv eingesetzt wird, etwa bei der Auswertung von Mammografien, gibt es Fälle, in denen sich Experten dennoch dafür entscheiden, sich auf ihre Intuition zu verlassen. Doch was ist mit Fragen, die nicht halachischer Natur sind, sondern Ratschläge betreffen, wie man seine Beziehung zu G’tt vertiefen kann?

Mit allen Schwächen und Unvollkommenheiten

Auch hier bin ich davon überzeugt, dass man selbst ein Mensch aus Fleisch und Blut mit all seinen Schwächen und Unvollkommenheiten sein muss, um einen anderen Menschen wirklich zu verstehen und ihm dabei zu helfen, eine Beziehung zu G’tt aufzubauen. Kann ein Algorithmus erklären, wie man Liebe zu G’tt – oder zu einem Menschen – entwickelt, ohne jemals Liebe oder andere Emotionen verspürt zu haben? Kann ein Algorithmus einen Ratschlag geben, wie man zwischen Herz und Verstand entscheiden soll, ohne sich jemals selbst in einem solchen Dilemma befunden zu haben?

Darüber hinaus ist ein Rabbiner in erster Linie eine Vertrauensperson – ein offenes Ohr und ein offenes Herz, stets bereit, Empathie zu zeigen und Trost zu spenden. KI kann zwar so tun, als würde sie Mitgefühl empfinden, doch in Wahrheit sind es leere Worte, generiert vom Algorithmus.

KI ist ein wunderbares Werkzeug, das uns viel Zeit einspart und unseren Alltag erheblich erleichtert. Dennoch dürfen wir nicht vergessen, dass sie ihre Grenzen hat und nicht in allen Bereichen angewendet werden kann und soll. Im Bereich des Rabbinats sollten wir lieber altmodisch bleiben.

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