Israel

Kleines großes Land

Jom Haazmaut: Israel feiert seine Unabhängigkeit. Am 5. Ijar 5708, dem 14. Mai 1948, wurde der jüdische Staat gegründet. Foto: Flash 90

Unter den 194 unabhängigen Staaten steht der Staat Israel in Bezug auf seine geografische Ausdehnung an 152. Stelle, in Bezug auf seine Einwohnerzahl an 97. Stelle. Er ist etwa so groß wie Belize, Dschibuti oder das Bundesland Hessen und zählt ungefähr so viele Einwohner wie Tadschikistan, Honduras oder das Bundesland Niedersachsen. Schlägt man aber eine Zeitung auf oder hört die aktuellen Nachrichten, könnte man meinen, dass Israel neben China, Russland und den USA zu den wichtigsten Staaten der Erde gehört.

Wäre Israel vor 70 Jahren nicht gegründet worden, so hätten viele Zeitungen und Fernsehsendungen heute erhebliche Lücken zu füllen, manchen Stammtischen ginge der Gesprächsstoff aus, und die Staatsräson Deutschlands hätte eine Verpflichtung weniger. In anderen Teilen der Welt könnte eine ganze Menge Stoff eingespart werden, der regelmäßig zum Verbrennen bestimmter Fahnen mit dem Davidstern verwendet wird. Die Verschwörungstheoretiker müssten sich ein neues Land erfinden, und die UNO würde einen großen Teil ihrer Resolutionen einsparen.

gesprächsstoff Doch Israel gibt es nun einmal seit 70 Jahren, und der kleine Staat im Nahen Osten, dessen Name nicht einmal in die meisten Landkarten passt, sorgt für etwas mehr Gesprächsstoff als Dschibuti, Belize oder Tadschikistan. Die einen sehen in Israel eine einzigartige Demokratie inmitten autoritärer Regime und einen westlichen Vorposten im Nahen Osten, manche gar den Vorboten des messianischen Zeitalters; andere dagegen betrachten Israel als eine anachronistische Schöpfung, als kolonialistischen Aggressor und als Terrorstaat. Für einen Teil der Welt ist Israel ein Musterstaat, für andere ein Pariastaat.

Was für eine Ironie ist es doch, dass einstmals der Zionismus auch darum gegründet wurde, um die jüdische Geschichte zu »normalisieren«. Wenn die Juden einen Staat »wie alle anderen Nationen« erhielten, so würde der Antisemitismus verschwinden, prophezeiten einstmals Theodor Herzl und seine Nachfolger. Einer von ihnen, Chaim Weizmann, der später auch Israels erster Staatspräsident werden sollte, hoffte, dass Israel für die Welt so wenig herausstechen würde wie – Albanien.

Natürlich war es illusorisch, aus dem Judenstaat ein »Albanien« machen zu wollen, das die restliche Welt wenig interessiert. Die besondere Rolle, die die Juden zwei Jahrtausende lang in der Vorstellung anderer Völker und Religionen gespielt haben, lässt sich nicht in 70 Jahren vom Tisch wischen.

alleinstellungsmerkmale Zudem gilt Israel nun einmal als »Heiliges Land« für Christen und auch für Muslime, und zwischen Grabeskirche und Felsendom lässt sich schlecht Albanien spielen. Hinzu kommen so manche andere Alleinstellungsmerkmale, wie etwa die Tatsache, dass keine andere Nation nach 2000 Jahren in der Verstreuung wieder ihren eigenen Staat errichtete – und das Ganze auch noch wenige Jahre nach einem in der Geschichte beispiellosen Völkermord. All dies gibt Israel eine gewisse Sonderstellung in der Weltmeinung – sei es mit positivem oder negativem Vorzeichen.

Doch kommt noch etwas hinzu. Auch die Israelis haben längst die Sonderrolle ihres Staates verinnerlicht. Schon Herzl träumte von einem Musterstaat, der gemäß der prophetischen Vision ein »Licht unter den Völkern« werden würde – ein Modell, das David Ben Gurion bei zahlreichen Gelegenheiten wiederholte. Der jüdische Staat sollte als Vorbild für die gesamte Menschheit dienen.

In der jüngeren Zeit klingt dieser Anspruch nach Besonderheit immer wieder an, egal ob von links oder rechts. Die Bürgerrechtlerin und Mitbegründerin der linken Meretz-Partei, Shulamit Aloni, etwa forderte: »Die Einzigartigkeit Israels liegt nicht darin, dass es das auserwählte Volk ist – und daher für sich mehr beanspruchen kann, als es anderen zubilligt –, sondern in der Verpflichtung, an sich höhere Ansprüche zu stellen als an andere.«

kollektiv Auf der anderen Seite betonte Premierminister Benjamin Netanjahu von der rechten Likud-Partei: »Unsere Fähigkeit, als Kollektiv unser eigenes Schicksal zu bestimmen, lässt uns unsere eigene Zukunft bestimmen, nicht mehr als ein Volk, das von anderen regiert, besiegt und verfolgt wird, sondern als ein stolzes Volk mit einem wunderbaren Land, das immer danach strebt, ein ›Licht unter den Völkern‹ zu sein.«

In gewisser Weise nimmt der Staat Israel auf kollektiver Ebene sieben Jahrzehnte nach seiner Gründung dieselbe Sonderrolle ein, die im positiven Sinne schon in der Bibel den Juden zukam und die dann oftmals in negativer Weise die Juden zwei Jahrtausende lang als Individuen kennzeichnete. Die »Judenfrage« des 19. Jahrhunderts, der die Zionisten entkommen wollten, hat den Staat Israel wieder eingeholt. Die »Judenfrage« ist im 21. Jahrhundert durch die »Israelfrage« ersetzt worden. Israel ist zum Juden unter den Nationen geworden.

Der Autor ist Professor für Jüdische Geschichte und Kultur. Zuletzt erschien von ihm das Buch »Israel. Traum und Wirklichkeit des jüdischen Staates«.

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