Auszeichnung

Karlspreis geht an Rabbiner Pinchas Goldschmidt

War fast 30 Jahre lang Moskauer Oberrabbiner: Pinchas Goldschmidt Foto: dpa

Anders als in den vergangenen Jahren ist der diesjährige Preisträger eine faustdicke Überraschung. Rabbiner Pinchas Goldschmidt, Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz und bis 2022 fast drei Jahrzehnte lang Oberrabbiner Moskaus, erhält den Internationalen Karlspreis zu Aachen, eine der renommiertesten Auszeichnungen in Deutschland. Ebenfalls geehrt: die »jüdischen Gemeinschaften in Europa«.

Mit der Entscheidung wolle man das Signal setzen, dass jüdisches Leben »selbstverständlich zu Europa gehört« und »ein wichtiger Teil der europäischen Geschichte und Gegenwart, jetzt und in Zukunft« sei, erklärte das Direktorium der Gesellschaft zur Begründung. Dem Gremium, das den Preisträger bestimmt, gehört auch der frühere Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens Armin Laschet (CDU) an.

Der 60-jährige Goldschmidt erhalte den Karlspreis »in Würdigung seines herausragenden Wirkens für den Frieden, die Selbstbestimmung der Völker und die europäischen Werte, für Toleranz, Pluralismus und Verständigung, und in Anerkennung seines bedeutenden Engagements für den interreligiösen und interkulturellen Dialog.«

Europäische Werte

Das Direktorium weiter: »Wir leben in einer pluralistischen, zunehmend säkularisierten Gesellschaft. Aber das vereinte Europa ist nicht wertneutral. Nur wo der Einzelne in seiner Würde und seinem Anderssein geachtet wird, ist ein friedliches, von Toleranz, Verständnis und Mitmenschlichkeit geprägtes Zusammenleben möglich.«

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Goldschmidt bringe durch sein Wirken zum Ausdruck, dass Menschen unterschiedlicher religiöser und kultureller Herkunft in Europa ihren Platz hätten, dass aber gleichzeitig die europäischen Werte »nicht verhandelbar« seien und »das von Demokratie, Freiheit und Recht geprägte europäische Lebensmodell nicht zur Disposition« stehe.

Der so Geehrte zeigte sich in einer ersten Reaktion »sehr dankbar«. Goldschmidt wörtlich: »Gerade in Zeiten wie diesen, in denen Antisemitismus in einem besonders schlimmen Ausmaß grassiert und jüdisches Leben in Europa offen zur Frage gestellt wird, ist der Karlspreis ein besonderes Signal und eine wichtige Unterstützung für die jüdische Gemeinde und ein friedliches und tolerantes Zusammenleben der Gesellschaft und Religionen in Europa. Der Karlspreis ist gleichzeitig Ansporn, noch entschiedener unsere Freiheit zu verteidigen und jüdisches Leben in Europa nachhaltig zu sichern.«

Pinchas Goldschmidt wurde 1963 in Zürich geboren. Er verließ die Schweiz aber bereits in jungen Jahren, studierte in Israel, Chicago, Baltimore und Jerusalem. 1987 wurde er als Rabbiner ordiniert. Zudem hält er einen Master-Grad in Talmudischer Jurisprudenz und einen Master of Science der Johns Hopkins University in Baltimore. Goldschmidt ist verheiratet und Vater von sieben Kindern.

1989 ging er in die damals noch existierende Sowjetunion, um jüdisches Leben aufzubauen. Als Moskauer Gemeinderabbiner war Goldschmidt maßgeblich an der Entwicklung kommunaler und politischer Strukturen der jüdischen Gemeinde beteiligt. 1993 wurde er zum Oberrabbiner von Moskau gewählt.

Immer wieder geriet Goldschmidt auch in Konflikt mit der russischen Obrigkeit. 2005 verweigerte ihm die Regierung von Präsident Wladimir Putin nach einem Aufenthalt in Israel die Wiedereinreise. Erst auf Druck zahlreicher jüdischer Gemeinden und Organisationen konnte er drei Monate später nach Moskau zurückkehren.

Bereits seit 2011 amtiert Goldschmidt als Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz (CER), die rund 700 orthodoxe Rabbiner in ganz Europa repräsentiert. Vor Kurzem verlegte die CER ihren Sitz von London nach München.

Von Russland als »ausländischer Agent« eingestuft

Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine und seiner Weigerung, sich mit der Putin-Regierung zu solidarisieren, ging der Oberrabbiner im März 2022 notgedrungen ins Exil.. Später wurde er nach 29 Jahren seines Amtes enthoben. Die Meldung, das russische Justizministerium habe ihn als »ausländischen Agenten« gelistet, kommentierte Goldschmidt mit den Worten, er sei »stolz darauf, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen und sich in die Liste jener Menschen einzureihen, die sich diesem schrecklichen Krieg widersetzen, der Hunderttausende das Leben gekostet hat«.

Das Karlspreis-Direktorium hob in seiner Würdigung des Rabbiners auch Goldschmidts besonderes Engagement im interreligiösen Dialog hervor. Er ist Mitgründer des Muslim-Jewish Leadership Council.  »Wir arbeiten mit Imamen in Europa zusammen, um gegen die Bedrohung der Religionsfreiheit zu kämpfen«, unterstreicht Goldschmidt.

»Auch auf nationaler Ebene befürworten wir diesen Dialog und streben danach. Das ist nicht immer leicht. Aber wir glauben, dass er sehr wichtig ist. Denn die Gefahr für die jüdischen Gemeinden kommt nicht nur von der extremen Rechten, sondern auch von radikalreligiösen Muslimen. Deshalb ist die muslimische Geistlichkeit bei diesem Dialog äußerst wichtig.«

Politische Aussagen

Anders als viele Rabbiner nimmt Goldschmidt auch bei politisch heiklen Themen Stellung kein Blatt vor den Mund. Gefragt, ob das Judentum in Europa eine Zukunft habe, sagte er in einem Interview mit der Jüdischen Allgemeinen im Dezember: »Wenn wir auf Russland schauen, habe ich meine Zweifel. Je autoritärer dieses Land wird, desto weniger Juden werden dort verbleiben.«

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Im Hinblick auf die Ukraine sagte er: »Wenn es einen Marshallplan geben wird, mit dem nach dem Ende des Krieges alles wiederaufgebaut wird, sehe ich durchaus Chancen, dass das jüdische Leben dort wieder erblüht. Und was die EU-Länder angeht: Viel hängt davon ab, ob es extreme Parteien an die Macht schaffen, und ob Europa ein Raum bleiben wird, der Freiheit, Sicherheit und Vielfalt auch für Juden garantieren kann.«

Insgesamt, so Goldschmidt weiter, sei »die Unterstützung, die wir vonseiten der europäischen Regierungen bekommen, gut. Natürlich gibt es bessere Länder und schlechtere, auch im Hinblick auf die Reaktion nach dem 7. Oktober.« Deutschland gehöre zu den besseren Beispielen, Irland und Belgien zu den EU-Staaten, mit denen er in punkto Antisemitismusbekämpfung sehr unzufrieden sei.

Auch die israelische Regierung kritisierte er scharf. Dem Magazin »Focus« sagte der Rabbiner im November mit Blick auf den Angriff der Hamas am 7. Oktober: »Die Regierung (Netanjahu) hat versagt, der Geheimdienst hat versagt, die Armee hat versagt. Das war ein totaler Kollaps des Staates. Was Israel gerettet hat, waren die Bürgerinnen und Bürger, die sich aufmachten, um zu helfen. Meine Schwiegertochter hat in ihrer kleinen Küche 600 Mahlzeiten am Tag zubereitet, um Soldaten zu versorgen.«

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Im vergangenen Jahr waren der ukrainische Präsident »Wolodymyr Selenskyj und das ukrainische Volk« mit dem Karlspreis ausgezeichnet worden. Der Preis der Stadt Aachen wird seit 1950 jährlich vergeben.

Zu den Geehrten gehören vor allem Persönlichkeiten aus der Politik, die sich um die europäische Einigung verdient gemacht haben, darunter die kürzlich verstorbenen Staatsmänner Jacques Delors und Wolfgang Schäuble, aber auch Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl und Angela Merkel, der amtierende französische Präsident Emmanuel Macron sowie seine Vorgänger François Mitterrand und Valéry Giscard d’Estaing, und andere Staats- und Regierungschefs wie Polens amtierender Ministerpräsident Donald Tusk, der frühere US-Präsident Bill Clinton, der ehemalige britische Premierminister Winston Churchill, Tschechiens Ex-Präsident Václav Havel und der langjährige spanische Ministerpräsident Felipe González.

Zu den jüdischen Karlspreisträgern zählen neben Rabbiner Goldschmidt die Auschwitz-Überlebende und ehemalige Präsidentin des Europäischen Parlaments, Simone Veil, und der vergangenes Jahr gestorbene ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger.

Die Preisverleihung soll im Mai stattfinden.

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