200 Jahre Karl Marx

Jude, Antisemit und Hassobjekt

Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft und der Religion: Sozialtheoretiker und Ökonom Karl Marx (1818–1883) Foto: ullstein bild - Roger-Viol

200 Jahre Karl Marx

Jude, Antisemit und Hassobjekt

1818 wurde der Philosoph in Trier geboren. Er war Religionsgegner, und doch hat man ihn stets als Juden angefeindet

von Martin Krauss  27.04.2018 15:41 Uhr

Sechs Jahre alt war der kleine Carl Heinrich Marx, später Karl gerufen, als er 1824 zusammen mit all seinen Geschwistern getauft wurde. Das Taufregister der evangelischen Kirche in Trier vermerkt, dass die Mutter mit Rücksicht auf ihre Eltern noch nicht zum Christentum übergetreten war.

Beide Elternteile, Vater Heinrich und Mutter Henriette, kamen aus Familien mit langem Rabbinerstammbaum. Henriette stammte aus einer orthodoxen niederländischen Familie, Heinrich kam in Saarlouis zur Welt, sein Vater Meier Halevi Marx war Rabbiner der örtlichen Gemeinde, Heinrichs Bruder Samuel wurde Rabbiner in Trier.

Dass Heinrich 1817, ein Jahr vor Karls Geburt, konvertierte, hat einzig weltliche Gründe. »Bis man sich nur entschließen konnte zu glauben, ein Jude könne auch etwas Talent haben, und rechtlich seyn«, klagte er 1816 über seine Probleme als Anwalt.

brit mila Karl Marx hatte keine Brit Mila, aber sein drei Jahre früher geborener Bruder Mauritz David – er starb 1819 – wurde rituell beschnitten. Mutter Henriette schrieb 1853, lange nach ihrem Übertritt: »Es scheint das Loos des Volks Israel wieder bey mir in Erfülung geht das meine Kinder in alle Welt verstreyt werden.« Heinrich Marx blieb weiter in engem Kontakt zu seinem Bruder, dem Rabbiner, und war auch für viele in der jüdischen Gemeinde Trier anwaltlich tätig.

Mit dem neuen, dem evangelischen Glauben konnte sich Heinrich, ein der Aufklärung verpflichteter Mann, nicht anfreunden. Gerade einmal ein Abendmahlbesuch, zu Pfingsten 1827, ist bei der Pfarrgemeinde verzeichnet.

Vielleicht eher weniger als mehr, aber die Familie blieb jüdisch. Dass Sohn Karl sich jedoch als Jude verstanden habe, glaubt keiner der vielen Marx-Experten. Am Weitesten wagt sich noch der Journalist Jürgen Neffe hinaus, der 2017 eine Biografie über Marx vorlegte: Es sei »unwahrscheinlich, dass der Sprössling von den Ideen seiner israelitischen Ahnen völlig unberührt geblieben ist«.

»Unsinn«, sagt der Sozialwissenschaftler Micha Brumlik zu Thesen über »talmudisches Denken« bei Marx. »Die Dialektik kommt von den Linkshegelianern.« Dem hätte Karl Marx vermutlich zugestimmt. Er wollte nichts mit seinen jüdischen Wurzeln zu tun haben. Als nach dem Tod seiner Frau Jenny 1881 Marx’ Schwiegersohn Charles Longuet schrieb, bei der Heirat von Karl und Jenny habe es Probleme gegeben, »schließlich ist der berühmte Sozialist von jüdischer Herkunft«, reagierte Marx wütend: Vorurteile, dass der Enkel eines Rabbiners und die Tochter aus christlich-preußischem Hause heirateten, habe es nicht gegeben.

werk In Marx’ Werk finden sich etliche Passagen, die von Ressentiments, teils Hass auf Juden geprägt sind. Doch, das sagen auch seine Kritiker, das ist keine geschlossene Weltanschauung. Marx’sche Wertanalyse und Kritik der politischen Ökonomie sind nicht antisemitisch.

Oft wird in diesem Zusammenhang aus Briefen zwischen Marx und seinem Freund Friedrich Engels zitiert, wo Marx etwa den Begründer der sozialdemokratischen Partei, Ferdinand Lassalle, »kraushaariger Nigger-Jude«, »Baron Itzig«, »Jüdel Braun« oder »Ephraim Gescheit« nennt. Am häufigsten erwähnt wird im Zusammenhang mit Antisemitismusvorwürfen die Schrift Zur Judenfrage (1843), und auch in Marx’ Hauptwerk Das Kapital lassen sich Stellen finden, die zumindest antisemitisch anmuten.

Zur Judenfrage ist für die Entwicklung der Marx’schen Theorie von Bedeutung, entwickelt er hier doch die analytische Scheidung von Staat und Gesellschaft und wie sich Emanzipation unter dem Dach des Staates vollziehen kann. »Welches war an und für sich die Grundlage der jüdischen Religion?«, fragt Marx da und antwortet: »Das praktische Bedürfnis, der Egoismus.« Zitate dieser Art enthält die Schrift reichlich.

pamphlet Marxisten, die den Antisemitismusvorwurf zurückweisen wollen, betonen, dass Marx’ Schrift eine Antwort auf Bruno Bauers Pamphlet Die Judenfrage darstellt. Viele Äußerungen von Marx dort seien Paraphrasen von Bauer, darauf verweist der Berliner Politologe Ingo Stützle.

Inhaltlich setze Marx Bauer entgegen, »dass nicht die Juden ihren Glauben aufgeben sollten, um sich zu emanzipieren, sondern dass sich der Staat selbst von jeglicher Religion frei machen müsse«. Der Soziologe Hauke Brunkhorst verweist zudem auf die zur gleichen Zeit erschienene Schrift Die Heilige Familie (zusammen mit Engels), in der es heißt, dass Staaten, »welche die Juden noch nicht politisch emanzipieren«, als »unentwickelte Staaten« gelten müssen.

Der Soziologe Detlev Claussen, ein Adorno-Schüler, sagt, dass der Aufsatz nicht den traditionellen Judenhass zum Gegenstand hat. »Seinen genauen Sinn bekommt er nicht im Kontext des Antisemitismus, sondern der Emanzipation.« Die Judenemanzipation sei für Marx nur sinnvoll gewesen, wenn sie sich als Emanzipation von aller Religion verstanden hätte.

auschwitz Abraham Leon, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde und dessen Studie Judenfrage & Kapitalismus (1942) postum erschien, meinte, Marx stelle »die jüdische Frage wieder auf die Füße«, vor allem gehe es in dem Aufsatz doch um gesellschaftliche Emanzipation. Schon Franz Mehring hatte in seiner Marx-Biografie von 1918 notiert, der Aufsatz handle davon, dass die Juden bloß »ihrer Religion willen alle bürgerlichen Rechte« hätten abgeben müssen.

Mehring aber brachte es fertig, die Juden als »Klasse der Bevölkerung, die als hervorragendste Trägerin des Kaufmanns- und Wucherkapitals eine immer größere Macht gewann«, zu charakterisieren – eine überzeugende Zurückweisung von Antisemitismusvorwürfen dürfte anders aussehen.

Der britische Historiker Gareth Stedman Jones schreibt in einer neuen Biografie, Marx’ Aufsatz sei »nicht nur eine Kritik des Judentums, sondern der gesamten jüdisch-christlichen Entwicklung«. Zugleich stellt Stedman Jones jedoch kritisch fest, dass die »unbekümmerte Verwendung antisemitischer Klischees in seltsamem Gegensatz zu den anderen radikalen jüdischen Autoren« steht. Mitstreiter von Marx wie Heinrich Heine, Eduard Gans oder Moses Heß hätten versucht, »die Geschichte der Juden in die Geschichte des Fortschritts zu integrieren«.

gleichstellung Gerade Heß, der Rabbinersohn aus Bonn, habe einen Text geschrieben, der Marx zur Judenfrage inspiriert habe, und da sei ohne jeden Anflug von Antisemitismus von der »modernen christlichen« oder auch der »modernen jüdisch-christlichen Krämerwelt« die Rede gewesen. Marx-Forscher Stützle macht auf ein Zitat von Moses Heß aufmerksam: »Ich selbst habe es nicht nur bei Gegnern, sondern bei meinen eigenen Gesinnungsgenossen erfahren, dass sie in jedem persönlichen Streite von dieser Hepwaffe Gebrauch machten, die in Deutschland selten ihre Wirkung verfehlt« (1862).

Das Wort bezieht sich auf die Hep-Hep-Unruhen, bei denen im süddeutschen Raum Juden verfolgt wurden. Heß kann Marx gemeint haben. »Marx hat sich stets schärfer, unduldsamer und böser über jüdische Mitarbeiter und Konkurrenten als über andere ausgesprochen«, schreibt etwa Biograf Richard Friedenthal. Wenn es allerdings um konkrete Politik ging, hat derselbe Marx sich an die Seite der Juden gestellt, unter anderem bei Petitionen von Kölner und von Trierer Juden für ihre rechtliche Gleichstellung. Ähnlich hat er sich 1854 für die Juden in Jerusalem ausgesprochen.

Warum aber die Ressentiments? Gerade weil für Marx’ Argumentation die antisemitischen Passagen überflüssig sind, erklärt sie sich Micha Brumlik mit einem »antisemitischen Übersprung«.

»das kapital« Diese Erklärung könnte auch auf eine Passage im ersten Band des Kapital passen. Da ist die Rede von Waren als »innerlich beschnittene Juden«, so heißt es zumindest im Band 23 der Marx-Engels-Werke (MEW), den »blauen Bänden«. Wie kompliziert die Sache mit den antisemitischen Stellen im Marx’schen Werk ist, zeigt sich beim Nachspüren dieser Passage. Im Original, also in der Ausgabe des Kapital, die Marx selbst 1872 autorisierte, heißt es, dass alle Waren »in der Wahrheit Geld, innerlich verschnittne Juden sind, und zudem wunderthätige Mittel, um aus Geld mehr Geld zu machen«.

Aus den »verschnittnen Juden« hat Engels in seiner Bearbeitung die »beschnittenen Juden« gemacht. Nach dem Marx-Forscher Thomas Kuczynski verweist das Wort »verschnitten« nicht nur auf Brit Mila, »sondern auch auf den Vorgang des Verschneidens (Verbesserns) von Weinen durch die Mischung (den Verschnitt) verschiedener Sorten«. Immanent ergibt die Verwendung des Wortes »verschnitten« einen gewissen Sinn. Nur: Warum werden dann die Juden erwähnt? Und: Was sollen eigentlich »verschnittne« Juden sein? Brumliks Theorie des »antisemitischen Übersprungs« könnte hier einiges erklären.

Opfer Doch Marx wurde auch Zielscheibe antisemitischer Attacken. Der russische Anarchist Michail Bakunin schrieb 1873, Marx sei »ehrgeizig und eitel, streitsüchtig, unduldsam und absolut, wie Jehova, der Herrgott seiner Vorväter, und wie dieser rachsüchtig bis zum Wahnsinn«. Von Bakunin stammt auch eine Frühform jener Verschwörungstheorien, die »jüdisches Kapital« und »jüdischen Kommunismus« miteinander in Verbindung bringen: »Diese jüdische Welt steht heute zum großen Teil einerseits Marx, andererseits Rothschild zur Verfügung.« Laut Richard Friedenthal reagierte Marx auf die Beleidigungen seines Gegenspielers desinteressiert. »Ich habe damit nichts zu schaffen.«

Schon vor Bakunin hatte der Frühsozialist Pierre-Joseph Proudhon solche Töne angeschlagen: Marx und Rothschild seien »erbärmliche Schurken, wütende, missgünstige und herbe Wesen«, schrieb er und propagierte den »Hass gegen die Juden«. Marx hatte Proudhon 1847 in Elend der Philosophie zwar harsch kritisiert, aber eine Kritik des Proudhon’schen Antisemitismus findet sich da nicht. Erst sein Freund Engels wandte sich in seinem Spätwerk deutlich gegen Judenhass – unter anderem in der mit Marx zusammen konzipierten Schrift Anti-Dühring (1878).

Der dort kritisierte Eugen Dühring, ein in der Sozialdemokratie einflussreicher Ökonom, hatte unter anderem von der »Marxistischen Art von Socialrabbinismus« gesprochen. Trotz Bakunin, Proudhon und anderen: Erst mit Beginn des 20. Jahrhunderts geriet Marx so richtig in den Fokus antisemitischer Hetze. Die 1903 erstmals verbreitete Fälschung Protokolle der Weisen von Zion zählt »Darwinismus, Marxismus, Nietzscheismus« zu den jüdischen Projekten, die die Welt ins Unheil stürzen. Und Sayyid Qutb, Kopf der ägyptischen Muslimbruderschaft, warnte: »Hinter der Doktrin des atheistischen Materialismus steckt ein Jude.«

nazis Selbstverständlich grundierten auch die Nazis ihren Antimarxismus mit Hetze gegen den Juden Marx. Einer ihrer Theoretiker, ein F.O.H. Schulz, zeichnete 1942 ein Bild von Marx als das »eines rachsüchtigen Rechners, dessen Bedeutung in seiner erstaunlichen Spekulationsfähigkeit, dem Erbteil seiner Rasse und seiner spezifisch talmudischen Vorfahren besteht«.

Was bleibt? Karl Marx, am 5. Mai 1818 in Trier geboren, dessen Stammbaum sich »wie ein jüdischer Adelsbrief« liest (Marx-Biograf Fritz J. Raddatz), hatte eine »grundsätzliche Abneigung, von seiner jüdischen Herkunft irgendwelche Notiz zu nehmen« (Richard Friedenthal), und auf Antisemitismus reagierte er ignorant; gleichwohl fiel er auf vielen Ebenen mit judenfeindlichen Bemerkungen auf, die er – als seien das nicht schon genügend Widersprüche – mit politischem Engagement für die bürgerlichen Rechte der Juden verband.

Dabei finden sich sogar Anzeichen, dass sich der späte Marx mit seiner jüdischen Herkunft arrangierte, vielleicht sogar anfreundete. Als 1883, in seinem Todesjahr, der jüdische Sozialdemokrat Adolf Hepner Marx und Engels bat, doch ein Vorwort für die amerikanische Ausgabe des Kommunistischen Manifests zu schreiben – und Hepner dabei etwas drängelte –, schrieb Marx an Engels: »Das ›Pistole-auf-die-Brust-setzen‹ ist ›unserer Leit‹ Natur und Art, also als Selbstverständliches mit dem Hepnerchen in Kauf zu nehmen.«

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