Eurovision

Jetzt erst recht!

Netta Barzilai gewann im vorigen Jahr mit dem Titel »Toy« den Eurovision Song Contest. Foto: Flash90

Tun wir nicht naiv: Dass gerade jetzt auf Israel Raketen abgefeuert werden, dass just in diesen Tagen die islamistischen Akteure des Gazastreifens besonders kriegerisches Misstrauen säen, hat mit einem einzigen Umstand zu tun.

Dass nämlich in Tel Aviv die Proben für den 64. Eurovision Song Contest begonnen haben und die quirligste Stadt am Mittelmeer viele Tage im Mittelpunkt des globalen Interesses an Lebensfreude, Überlebenswillen und Coolness in puncto Selbstbehauptungswillen stehen wird.

Bis zum Grand Final am 18. Mai, kurz nach Ende des Schabbats, wird in der Kongresshalle von Tel Aviv das populärste Pop-Event Europas und Australiens stattfinden.

Mit Roger Waters an der Spitze sollte nichts anderes erreicht werden, als Israel als Land der Austragung des ESC zu diskreditieren.

Netta Barzilai Das hat Israel der jungen Künstlerin Netta Barzilai zu verdanken. Sie war im vorigen Jahr mit dem bizarr-modernen Titel »Toy« Siegerin des Eurovision Song Contest und hatte ihr Land in einen Glückstaumel versetzt. Aber mit der Nacht ihres Erfolgs in Lissabon war auch klar, dass die global operierende Gruppe BDS ihre Marketingstrategie vollständig auf den ESC dieses Jahres ausrichten würde: Israel zu dämonisieren, darum geht es dieser zwielichtigen Bewegung.

Mit dem international bekannten Rockmusiker Roger Waters an der Spitze sollte nichts anderes erreicht werden, als Israel als Land der Austragung des ESC zu diskreditieren, es in die Nähe des einstigen Apartheidregimes Südafrika zu rücken. Israel sollte der ESC entzogen werden.

BDS So erwuchs eine seltsam giftige Allianz aus den ohnehin israelfeindlichen Kräften, im Gazastreifen etwa, mit vielen Musikern und Musikerinnen, die allesamt das 1948 gegründete Land im Nahen Osten für das schlimmste der Welt halten. Man muss sich indes fragen: Wo waren diese Künstler, als 2009 in Moskau der ESC zelebriert wurde – und offen schwule Journalisten, Künstler und ESC-Fans fürchten mussten, behelligt zu werden? Man hat Bewegungen wie den BDS auch vermisst, als beim ESC 2008 in Belgrad die flamboyanten ESC-Fans sich nicht sicher waren, sich offen in den Straßen der serbischen Hauptstadt zu bewegen.

Israel und der ESC, das ist für die Fans der queersten Familienshow der Welt schon immer eine freundschaftliche Beziehung gewesen. Und Israel suchte die europäische Wahrnehmung, weil nach dem Massaker an israelischen Sportlern 1972 in München bei den Olympischen Sommerspielen die politische Atmosphäre der europäischen Staaten nicht auf Solidarität mit dem jüdischen Staat ausgerichtet war, sondern man eher den Kontakt zu palästinensischen Politikern suchte.

Beim ESC ist Israel ein allseits respektiertes, oft beliebtes Land.

Aber das waren die großen politischen Fragen – im Kulturellen, beim ESC, ist Israel ein allseits respektiertes, oft beliebtes Land. Und, mehr noch, nie Anlass zu ideologischen Zwistigkeiten. Die in die Hunderttausende gehende Community der ESC-Fans wertschätzt Israels Lieder und Künstler so wie andere auch. Differenzen, wie sie die BDS-Bewegung ausmacht, gibt es im Alltag des Popmusikgeschehens des ESC nicht.

Israel und der ESC, das sind vier Siege, mit Izhar Cohen 1978, Gali Atari 1979 und natürlich der berühmten Dana International 1998 in Birmingham, gefeiert und umjubelt nicht nur in ihrer Heimat.

Die transsexuelle Künstlerin war es auch, die bei ihrem Triumph mit dem Titel »Diva« noch auf der Bühne ihren Sieg ihrem Land zum 50. Geburtstag widmete – und laut und vernehmlich allen Schwulen und Lesben in aller Welt. Die Diffamierung durch den BDS, die Raketen aus dem Gazastreifen und die aktuellen Drohszenarien dienen dazu, das in Israel in Verruf zu bringen, was dort im Verständnis vieler freiheitlicher Menschen das Wichtigste ist: in Ruhe und Sicherheit leben zu können.

Gastgeber Dass Tel Aviv den Zuschlag erhielt, in Israel die Gastgeberstadt zu werden, hat nämlich wenig mit den religiösen Respektszeiten des Schabbats zu tun, sondern damit, dass in Jerusalem nicht die eurovisionäre Party der Freiheit in dieser Weise hätte gefeiert werden können. In der jungen Metropole am Mittelmeer wird möglich sein, was in Jerusalem 1999, als dort letztmals in Israel ein ESC ausgerichtet worden war, kein Problem sein musste.

Aber, das mag nicht ironisch verstanden werden, durch Dana Internationals Sieg 1998 gab es in den Jahren danach den Aufstieg Tel Avivs zur queersten Stadt am Mittelmeer. Dana International war die leuchtende Flamme der israelischen Queers, die Anstifterin, das coole Beispiel für so viele aus anderen Ländern, die den ESC in den Jahren danach bereichern sollten. Nun also wird Netta Barzilai gefeiert. Noch.

Seit Dana International ist Tel Avivs zur queersten Stadt am Mittelmeer aufgestiegen.

Am 18. Mai wird es eine neue eurovisionäre Königin geben. In diesem Sinne muss man den hetzerischen Leuten vom BDS und den Raketenwerfern aus dem Gazastreifen sagen: Wir bleiben nicht fern, wir feiern die beste ESC-Party aller Zeiten. Es gibt keinen besseren Ort. Mit anderen Worten: Jetzt erst recht!

Der Autor ist Redakteur der taz und schreibt für den NDR auf eurovision.de.

Berlin

Diskriminierung wegen falscher Hummus-Aussprache?

Im Ortsteil Prenzlauer Berg soll ein arabisches Restaurant einen israelischen Gast wegen der vermeintlich falschen Aussprache des Kichererbsengerichts nicht bedient haben. Das Lokal widerspricht dem Vorwurf

 20.08.2026

USA

Amerikas nächster Präsident?

Rahm Emanuel gilt als Hoffnungsträger der Demokraten und steht für einen Kurs der Mitte – sowohl in innenpolitischen Fragen als auch im Verhältnis zu Israel. Eine Annäherung

von Joshua Schultheis  20.08.2026

München

Knobloch in Zeiten von Judenhass: »Ich habe mich getäuscht«

Die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden spricht offen über ihre Enttäuschung: Warum die Reaktion auf das Hamas-Massaker ihr nicht genügt und der Judenhass sie tief erschüttert

 20.08.2026

Florida

Nach antisemitischen Angriffen: »Hebräischer Hammer« gewinnt Vorwahl

Der jüdische Abgeordnete Randy Fine, ein republikanischer Israel-Unterstützer, setzt sich gegen den Antisemiten Dan Bilzerian durch

 20.08.2026

Berlin

Medienbericht: Andreas Franck will nicht Antisemitismusbeauftragter werden

Das Bundesinnenministerium wollte die Absage Francks auf Anfrage weder bestätigen noch dementieren

 20.08.2026

Mar del Plata

Argentinien entlässt Bundesrichter wegen antisemitischer Äußerungen

Der Justizrat sieht einen schweren Verstoß gegen die für Richter geltenden Anforderungen an Anstand und Unparteilichkeit

 20.08.2026

München

Brandanschlag auf jüdisches Gemeindezentrum: Hinweise auf deutschen Täter verdichten sich

56 Jahre nach dem tödlichen Anschlag in der Reichenbachstraße 27 legen die Ermittler einen neuen Erkenntnisstand vor

 20.08.2026

Berlin

Umfrage: Mehrheit lehnt AfD-geführte Regierung im Osten ab

Die zumindest in Teilen rechtsextremistische Partei kann bei den Landtagswahlen im Osten mit hohen Stimmanteilen rechnen. Die Möglichkeit, dass sie im Anschluss einen Ministerpräsidenten stellen könnte, stößt überwiegend auf Ablehnung

 20.08.2026

Washington D.C./Teheran

Trump droht Iran mit »Wirtschaftskrieg«

Ob auf militärischer oder diplomatischer Ebene: Sichtbare Erfolge seines Kriegs gegen den Iran bleibt der amerikanische Präsident schuldig. Nun verschärft er die Rhetorik. Iranische Medien zeigen sich unbeeindruckt

 20.08.2026