Die älteste Demokratie der Welt kennt keine Wahlkampfpause. Bei den im Jahr 2024 Donald Trump und seinen Republikanern unterlegenen Demokraten wird schon seit Monaten darüber diskutiert, wer das Zeug hat, das Weiße Haus zurückzuerobern. Immer häufiger fällt dabei der Name Rahm Emanuel. Der 66-Jährige hat zwar seinen Hut bisher noch nicht offiziell in den Ring geworfen, doch niemand zweifelt ernsthaft an seinen Ambitionen. Sollte Emanuel tatsächlich die demokratischen Vorwahlen gewinnen, wäre er der erste Jude im Rennen um das höchste politische Amt der USA. Was macht diesen Politiker, der lange in der zweiten Reihe stand, zu einem Hoffnungsträger der Demokraten?
Da wäre zum einen Emanuels politische Erfahrung. In den 90er-Jahren war er Strategieberater im Weißen Haus unter Bill Clinton. Wegen seiner Durchsetzungskraft und rabiaten Methoden wurde ihm der Spitzname »Rahmbo« verpasst. 2002 zog er als Abgeordneter ins Repräsentantenhaus, dem er bis 2008 angehörte, als ihn Präsident Barack Obama zu seinem Stabschef machte. Er galt als effektiv und einflussreich, eckte aber auch an. Insbesondere dem linken Flügel wurde der zentristische und pro-israelische Emanuel zunehmend ein Dorn im Auge.
Bürgermeister seiner Heimatstadt Chicago
Wohl auch deshalb entschied sich der damals 50-Jährige nach zwei Jahren, die Bundesebene zu verlassen, um Bürgermeister seiner Heimatstadt Chicago zu werden. Nach dem Wahlsieg Joe Bidens 2020 wurde Emanuel für ein Ministeramt gehandelt. Doch nachdem sich linke Demokraten erneut gegen ihn aussprachen, wurde er stattdessen Botschafter in Japan. Seit der Rückkehr Trumps ins Weiße Haus ist Emanuel zunehmend als politischer Kommentator präsent. Dies nährt weiter Spekulationen, er wolle Präsident werden. Was neben seinen politischen Meriten zudem für ihn spricht, ist ausgerechnet das, was seine Karriere bisher bremste: die Gegnerschaft zum linken Rand seiner Partei.
Emanuel steht für den Teil der Demokraten, der aus den Erfolgen Trumps die Lehre zieht, dass die Partei zu sehr nach links gerückt sei. Die Demokraten sind in dieser Erzählung zu lasch in ihrer Migrationspolitik gewesen, hätten zu stark auf Symbolpolitik gesetzt und den durchschnittlichen Amerikaner zugunsten von kleinen Minderheiten vernachlässigt. Seit einem Jahr variiert Emanuel immer wieder einen Satz: »Wir sollten aufhören, über die Toiletten zu diskutieren, und besser anfangen, über das Klassenzimmer zu sprechen.«
Emanuel ist Jude und Mitglied einer modern-orthodoxen Gemeinde.
Gemeint ist: Statt um den Zugang transgeschlechtlicher Schüler zu Sanitäranlagen sollte es um die Verbesserung der schulischen Leistungen gehen. Das ist der Versuch, mit einem Populismus demokratischer Couleur dem Populismus Trumps etwas entgegenzusetzen. Gut möglich, dass das zum Erfolgsrezept wird.
Ob sich Emanuel in den Vorwahlen, die in etwas mehr als einem Jahr beginnen, durchsetzen kann, wird sich jedoch voraussichtlich vor allem an seiner Haltung zu etwas ganz anderem entscheiden: Emanuel, dessen zweiter Vorname »Israel« lautet, hat eine enge persönliche Beziehung zum jüdischen Staat. Sein Vater wurde in Jerusalem geboren und kämpfte im Unabhängigkeitskrieg. Emanuel volontierte während des Zweiten Golfkriegs als ziviler Helfer in Israel. Er ist praktizierender Jude und Mitglied einer modern-orthodoxen Gemeinde. Innerhalb der demokratischen Partei gehörte Emanuel stets zum pro-israelischen Lager.
Verhasst bei der israelischen Rechten
Gleichzeitig ist er bei der israelischen Rechten verhasst. Premier Benjamin Netanjahu kritisierte damals, Obamas Vorstoß zu einer Lösung des Nahostkonflikts würde die Palästinenser bevorzugen. Das israelisch-amerikanische Verhältnis sank auf einen Tiefpunkt, und die Enttäuschung der Israelis traf insbesondere Emanuel, in dem man eigentlich einen Fürsprecher erwartet hatte. Netanjahu soll ihn sogar als »selbsthassenden Juden« bezeichnet haben. Eine Anekdote, die Emanuel heute, fast 20 Jahre später, gern erzählt.
Der pragmatische Politiker will bei der drastisch angestiegenen Zahl an demokratischen Wählern punkten, denen die Unterstützung Israels zu weit geht. Bei einer Rede in der Universität von Tel Aviv machte Emanuel im Juli seine Position deutlich: Israel habe sich mit seiner Reaktion auf den Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 und der Siedlungspolitik im Westjordanland verrannt. Ginge es nach ihm, würden die USA künftig deutlich mehr Druck ausüben. Gleichzeitig hat er nie einen Zweifel daran gelassen, ein Unterstützer Israels, eines jüdischen und demokratischen Staates, zu sein – eine klare Absage an die Antizionisten in seiner Partei.
Auf dem Weg ins Weiße Haus wird Emanuel zunächst an dieser Abzweigung stehen: Gelingt es ihm, von einer Mehrheit der demokratischen Wähler als Versöhner im parteiinternen Streit um die richtige Position im Nahostkonflikt wahrgenommen zu werden – oder strafen diese ihn für seine prozionistische Haltung ab? 2025 fragte ihn die konservative Podcasterin Megan Kelly rundheraus, ob er glaube, dass die Demokraten einen Juden für die Präsidentschaftskandidatur nominieren würden. »Ja, das tue ich«, antwortete der, ohne zu zögern. »Es ist, was ich bin. Mein Name ist Rahm Israel Emanuel.« An der eigenen Zuversicht wird seine Kandidatur jedenfalls nicht scheitern.
Der Autor ist freier Journalist und lebt in Berlin.