Auschwitz

Ins Gedächtnis gebrannt

Die Industrialisierung der Vernichtung: Auschwitz-Birkenau Foto: Marco Limberg

Um dies gleich zu sagen: Ich habe die Befreiung von Auschwitz nicht miterlebt. Die Mitglieder des sogenannten Mädchenorchesters von Birkenau, darunter meine Schwester, die Cellistin Anita Lasker, wurden Anfang Dezember 1944 dem ersten Transport Richtung Westen zugeteilt. Ich mischte mich, ohne aufzufallen, unter die Musikerinnen, weil Anita und ich uns geschworen hatten, einander nie mehr trennen zu lassen.

Als der Zug endlich rollte, sanken wir einander in die Arme, vielleicht weinten wir auch vor Glück, denn wir hatten – obwohl immer ein Funken Hoffnung wach blieb – niemals so recht geglaubt, dass wir diesen Ort des Grauens, an dem mehr als eine Million Menschen in den Gaskammern erstickten, jemals verlassen würden.

hölle
Wir ahnten nicht, dass wir von einer Hölle in eine andere verfrachtet wurden: Bergen-Belsen war das Chaos. Zum Bersten überfüllte Baracken und Zelte, die in den Winterstürmen zusammenbrachen, kein Vernichtungslager, aber an die 50.000 Häftlinge krepierten an Kälte, Hunger, Durst und Seuchen. Am Ende hatte niemand mehr die Kraft, die Leichen zu den Gruben zu schleppen, die als Massengräber ausgehoben worden waren. Als endlich die britische Armee vor dem Lager anlangte, am 15. April 1945, fanden die Soldaten Tausende verwesender Kadaver auf dem Gelände, über dem eine Wolke bestialischen Gestanks lag, den wir, die gerade noch Lebenden, gar nicht mehr wahrnahmen.

Über die Befreiung von Auschwitz fast drei Monate zuvor gingen nur vage Gerüchte um. Trotz der Informationssperre durch die Nazi-Aufsicht sickerten gelegentlich Vermutungen über den Vormarsch der Alliierten durch. Große Hoffnungen weckten sie nicht. Die Wachen sagten uns ganz klar, wir würden das Lager nicht lebend verlassen, und wir waren davon überzeugt, dass die SS das Lager samt der Häftlinge vor der Ankunft der Alliierten in die Luft sprengen würde.

wirrnis
Auch über Auschwitz hing permanent ein stinkender Dunst: der Geruch verbrannten Fleisches – die letzte Spur der Vergasten. Im Vernichtungslager herrschte, im Vergleich zu Bergen-Belsen, eine Art von Ordnung, die nur bei der Ankunft neuer Transporte für Augenblicke gefährdet zu sein schien, eine Wirrnis, die freilich von den Wachmannschaften mit ihren gebellten Befehlen und den Kolbenstößen rasch gebändigt wurde.

Danach die Ordnung der ersten Selektionen: die Ordnung des Todes. Sie war das System, nach dem Auschwitz funktionierte. Dafür waren die Lager geschaffen: die Maschinen der Industrialisierung des Mordes, dieser einmaligen Errungenschaft des Nazi-Regimes, erfunden, geplant, realisiert vom bösen Genie eines Reinhard Heydrich, dem Chef des »Reichssicherheitshauptamtes«. Unter den Gehilfen der Großorganisator Adolf Eichmann, den ich Jahrzehnte später bei seinem Prozess in Israel beobachten konnte: ein beflissener, blasser, fast gesichtsloser Bürokrat, der mit unterwürfigem Eifer in seinen Akten kramte.

perversion Die Industrialisierung der Vernichtung: Das ist die einzigartige Erfindung der Nazis, ohne den zur Perversion gesteigerten Ordnungswillen deutscher Bürokratenhirne nicht denkbar, auch nicht ohne den hoch entwickelten Sinn für technische Effektivität, erst recht nicht ohne die Verfinsterung der Gehirne. Sie waren von der Erzdummheit besessen, die der »Führer« und seine Propagandisten in ihren Köpfen wuchern ließ. Nichts war ihnen fremder als der Begriff Menschlichkeit. Sie kannten nur das »Menschenmaterial«. Ehrfurcht vor dem Leben? Nichts lag ihnen ferner. Was »Leben« ist, ahnten sie erst, als ihr eigenes bedroht war.

Sie waren die Maschinisten des Todes. Seine Verwalter. Die Sammlungen von Menschenhaar, Kinderschuhen, Zahnprothesen, die im Hauptlager zu besichtigen sind, bezeugen ihren Ordnungsgeist. Der Auschwitz-Prozess in Frankfurt brachte Jahrzehnte später zutage, dass sie nicht verstanden, was sie angerichtet hatten (und natürlich nicht verstehen wollten).

tiefpunkt
»Völkermord« gab es vor, leider auch nach dem Dritten Reich. Es mag sein, dass Stalin und vor allem Mao mehr Menschen morden ließen als der deutsche Diktator. Dennoch war Auschwitz der absolute Tiefpunkt der Menschengeschichte. Die industrialisierte Vernichtung von Menschenleben hatte kein Diktator jemals zuvor und (gottlob) niemals danach befohlen.

Die Erinnerung an Auschwitz ist eine historische Bürde, an der die Deutschen schwer zu tragen haben. Dass sie viele der Bürger, zumal der jungen, bewusst auf sich nehmen, zeichnet das Land der Erben aus. Daraus wächst unser Vertrauen in die deutsche Demokratie und in die Verlässlichkeit ihrer Zähmung von Rassismus und Fremdenhass, der Abkehr von der Ideologie des Todes – in die Kraft der Liebe zum Leben.

Die Autorin ist Publizistin und schrieb den Roman »Familienspiele« (1972).

Dresden/Königstein

Mutmaßliche Kämpfer des Islamischen Staates festgenommen

Zwei Männer sollen als Kämpfer für den IS aktiv gewesen sein und dafür Geld erhalten haben. Nun sitzen die beiden Iraker in Sachsen in Untersuchungshaft

 14.08.2026

Glosse

Ship happens: Anti-Israel-Aktivisten krachen in Hafenmauer

Ein Kleinschiff mit »pro-palästinensischen« Seefahrern will im Herbst die Gaza-Küste erreichen. Zwischen ihnen und dem Ziel liegen 3000 Kilometer Luftlinie – und eine wachsende Anzahl an Problemen

von Imanuel Marcus  14.08.2026

Erfurt/Berlin

BSW-Spitze fordert Voigts Rücktritt – und Ende der Koalition

Das Bündnis Sahra Wagenknecht regiert in Thüringen mit CDU und SPD – zum Missfallen der Parteizentrale. Schluss damit, verlangt ein Vorstandsbeschluss

 14.08.2026

Iran-Krieg

Vance: Kriegsziel Nummer Eins besteht darin, Öl und Gas für Amerikaner billig zu halten

Der amerikanische Vizepräsident sagt, die Verhinderung einer iranischen Atomwaffe stehe an zweiter Stelle. Derweil schickt das Pentagon einen neuen Flugzeugträger in die Region

 14.08.2026

Hamburg

Volker Beck kämpft um Beteiligung als Nebenkläger

Der DIG-Präsident gehört zu den Personen, gegen die sich mutmaßliche Anschlagspläne des Iran gerichtet haben sollen. Dennoch hat das Gericht seinen Antrag auf Zulassung im Prozess zurückgewiesen

 14.08.2026

Wahl in Sachsen-Anhalt

Bundesrat sieht sich gewappnet für mögliche AfD-Regierung

Den Bundestag mischt die AfD regelmäßig auf. Könnte sie das auch mit dem Bundesrat tun, wenn sie in Sachsen-Anhalt den Regierungschef stellen sollte? Der Bundesratspräsident bleibt gelassen

 14.08.2026

Nahost

Angriff auf Schiffe: Lage am Golf weiter angespannt

Im Rahmenabkommen zwischen den USA und dem Iran wurde ursprünglich eine Einigung innerhalb von 60 Tagen angestrebt. Doch eine Lösung des Konflikts scheint ungewiss. Gibt es Fortschritte?

 14.08.2026

Boston

Gericht weist Klage der US-Regierung gegen Harvard ab

Trumps Regierung kassierte bereits im vergangenen Jahr in einem rechtlichen Streit mit der Elite-Uni eine Niederlage. Nun scheitert sie erneut vor Gericht. Im Zentrum stand ein Antisemitismus-Vorwurf

 14.08.2026

Exklusiv

Causa Georg Restle: Jetzt meldet sich WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni zu Wort

Felix Schotland, Mitglied im WDR-Rundfunkrat und im Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, beschwerte sich über einen X-Post des Journalisten Georg Restle. Nun bekam er eine Antwort

von Michael Thaidigsmann  13.08.2026