Meinung

Gratulation!

Sophie von der Tann, ARD-Korrespondentin in Tel Aviv Foto: picture alliance / ABBfoto

Ich habe kurz gezuckt, als die Nachricht kam, dass Sophie von der Tann den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis bekommt. Doch die Irritation währte nicht lange, denn die Pressemitteilung ließ keinen Zweifel daran, dass die Israel-Korrespondentin der ARD den wichtigsten Preis im öffentlich-rechtlichen Rundfunk vollumfänglich verdient hat.

Von der Tann polarisiert. Das liegt sicher auch am Stoff, mit dem sie umgeht. Kriegsberichte aus dem Nahen Osten erhitzen die Gemüter. Wenn Gefühle heiß laufen, müssen Journalisten »cool bleiben«, hatte Hanns-Joachim Friedrichs 1995 kurz vor seinem Tod gesagt. Sie müssten »Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten«. Friedrichs letzte öffentliche Worte gelten seither als Artikel 1 des öffentlich-rechtlichen Grundgesetzes.

Von der Tann ist cool, meint die Jury des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises, denn sie sei eine »unerschrockene Korrespondentin, die sich nicht nur nicht scheut«, der Kritik des israelischen Botschafters zu trotzen, sondern auch den von Juden »orchestrierten Reaktionswellen in den «sozialen» Medien«, die »deutlich brutaler« seien als der Botschafter. Dass Juden hier brutal die Strippen ziehen, füge ich zum besseren Verständnis der Argumentation der Jury hinzu.

Von der Tann ist mehr als cool. Aus der Redaktion der Tagesschau höre ich, wie schwer sich die unerschrockene Korrespondentin nach dem Massaker vom 7. Oktober tat, die Hamas statt als »militante Kämpfer« als »von der EU als Terrororganisation eingestufte Gruppe« zu bezeichnen. Zu viel »Distanz halten, sich nicht gemein machen« war nicht ihr Ding.

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Die Jury des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises lobt, dass sie nicht nur die »Terror-Herrschaft in Gaza« anerkannt habe, sondern auch »kritisch über Israels Politik und Kriegsführung berichtet«, was ihr als »deutscher Korrespondentin … schon eher Probleme« bereitet habe: »Auch deutsche Journalist:innen stehen im Kontext der deutschen Geschichte«.

Ganz ehrlich, mir wäre das »unerschrocken« genug, aber die Jury setzt einen drauf und erhebt den »Kontext der deutschen Geschichte« zum »Gebot« für Journalisten. Und dieses Gebot, wir wissen es, macht brutale Probleme.

Kontext! Kontext! Kontext! Was sie meinen ist der Holocaust, der Mord an sechs Millionen Juden. Wenn der, schreibt die Jury, »zu einem Instrument gemacht wird« - ich übersetze: Wenn die Juden mit der Auschwitz-Keule wedeln, dann gelte es »Haltung zu bewahren«. Genau das habe die coole Korrespondentin getan. Preiswürdig!

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»Das wird man doch noch sagen dürfen«, den Satz habe ich an der Stelle vermisst. Ansonsten hat die Jury des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises in der Würdigung der Preisträgerin astreine antisemitische Narrative reanimiert. Respekt! Theodor W. Adorno nannte derlei einst »das Gerücht über die Juden«.

Das Gerücht, dass deutsche Journalisten der Juden wegen nicht frei seien in der Kritik an israelischer Politik. Das Gerücht, dass die Juden den Holocaust zu einem »Instrument« machten, um deutsche Journalisten einzuschüchtern. Das Gerücht, dass die Juden »orchestriert« und »brutal« über eine mutige deutsche Journalistin hergefallen seien.

Ich hätte mir mehr adorno‘schen Klartext gewünscht von einer Jury, die einen Preis im Andenken an den großen Erklärer Hajo Friedrichs verleiht. Klartext, wie ihn die Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks, zuständig für das ARD-Studio Tel Aviv, im Sommer 2025 auf einer gut besuchten Versammlung zu hören bekamen, als aktuelle und ehemalige Nahost-Korrespondenten unter tosendem Applaus bekannten, dass sie sich – ich konzentriere die Debatte in eigenen Worten – von der jüdischen Lobby nicht den Mund verbieten lassen.

Der Deutschlandfunk quillt geradezu über von der Kontextualisierung, wonach der Massenmord des 7. Oktober eine historische Ursache habe.

Eine Handvoll nicht-jüdischer (!) Kollegen des BR, die während der Versammlung vom »Kontext der deutschen Geschichte« überrumpelt wurden, haben mir die grauenhafte Atmosphäre dieses Moments geschildert.

Kontext! Um den geht es von der Tann auch bei der Einordnung des Massakers vom 7. Oktober, wie sie dem bayerischen Antisemitismusbeauftragten erklärte. Doch seien wir fair! Das ist Mainstream in vielen Medien. Der Deutschlandfunk etwa quillt geradezu über von der Kontextualisierung, wonach der Massenmord eine historische Ursache habe: die jüdische Einwanderung nach Palästina, die Balfour-Erklärung, die Staatsgründung Israels oder irgendeinen der vielen Kriege, in denen Israel anlasslos seine Nachbarn überfallen habe – suchen Sie sich gerne was aus!

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Kontext! Hätte die Mehrheit der Kollegen den »Kontext der deutschen Geschichte« durchdrungen, wüsste sie, dass auch Auschwitz einen Kontext hatte. Kapitalismus und Bolschewismus, Sittenverfall, Wirtschaftskrisen, soziales Elend, Liberalismus, Feminismus und Pressefreiheit galten wahlweise als vernünftige Gründe, um die Menschheit von den Juden zu befreien. Oder auch nur das Gerücht vom Großmarkt, dass jüdische Spekulanten wie mein Großvater alle Zwiebeln aufgekauft hätten, wie es damals in der Zeitung stand.

Ist das nicht wunderbar? Wenn Sie meinen Gedanken bis hierhin gefolgt sind, dann haben Sie den Beweis dafür, dass weder die unerschrockene Korrespondentin noch die Jury noch überhaupt einer meiner Kollegen Antisemit sein kann. Denn wenn wir eines aus dem »Kontext der deutschen Geschichte« gelernt haben, dann, dass Antisemiten sich mit Antisemitismus auskennen. Eigentlich logisch, oder?

Im umfangreichen Fortbildungskatalog von ARD und ZDF finden sie von B wie Bildbearbeitung bis Z wie Zielgruppenanalyse allerlei Nützliches, aber unter A wie Antisemitismus gähnende Leere. A wie Ahnungslosigkeit ist der Grund, warum der 30. Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis mit antisemitischer Beilage serviert wird. Man kennt sich einfach nicht aus.

Zu Lebzeiten von Hajo Friedrichs hätte derlei Ignoranz jede Karriere beendet. Heute begründet sie sie. Gratulation!

Der Autor ist Vorsitzender des JJJ, Verband Jüdischer Journalistinnen und Journalisten.

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