Schoa

Identität des Täters auf erschütterndem Holocaust-Foto geklärt

Der Mörder auf dem Foto »Der letzte Jude von Winniza« ist Jakobus Oehnen. Foto: picture alliance / Photo12/Ann Ronan Picture Librar

Schoa

Identität des Täters auf erschütterndem Holocaust-Foto geklärt

Laut einer Studie handelt es sich bei dem Mörder um Jakobus Onnen, einem ehemaligen Lehrer, der Mitglied der SS geworden war

 30.09.2025 11:08 Uhr

Ein jahrzehntelanges Rätsel um eines der erschütterndsten Bilder des Holocaust ist gelöst: Die Identität des SS-Manns auf dem weltbekannten Foto »Der letzte Jude von Winniza« ist nun bestätigt. Wie die israelische Nachrichtenseite »ynet« unter Berufung auf eine neue historische Studie berichtet, handelt es sich bei dem Exekutor um Jakobus Onnen, einen ehemaligen deutschen Lehrer.

Die Forschung des deutschen Historikers Jürgen Matthäus ordnet das Schwarz-Weiß-Foto, das erstmals während des Eichmann-Prozesses 1961 in Jerusalem als Beweismittel diente, nicht nur einem Täter zu, sondern klärt auch Datum und Ort der Aufnahme. Demnach entstand das Bild nicht in Winniza, sondern am 28. Juli 1941 in einer Festung in der Nähe der ukrainischen Stadt Berditschew.

Jakobus Onnen, Jahrgang 1906, war dem Bericht zufolge ursprünglich als Lehrer für Englisch, Französisch und Sport tätig, bevor er sich der SS anschloss. Er trat bereits vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten der SA bei und wurde ein Jahr später SS-Mitglied.

Grausamkeit des Moments

Zum Zeitpunkt der Hinrichtung war er als Teil der mobilen SS-Einsatzgruppen in der Ukraine. Diese Einheiten hatten den Auftrag, die sogenannten »rückwärtigen Gebiete des Reiches von gefährlichen Elementen zu säubern« – ein Euphemismus für den Massenmord an Juden und anderen Zivilisten.

Lesen Sie auch

Die Ermittlungen, an denen auch ein privates Recherche-Büro und Künstliche Intelligenz beteiligt waren, um Familienfotos abzugleichen, ergaben eine 99-prozentige Wahrscheinlichkeit für Oehnens Identität. Oehnen, dessen Einheit bis Herbst 1942 über 100.000 Zivilisten ermordet hatte, fiel 1943 im Kampf.

Das Foto selbst fängt den Moment ein, kurz bevor der kniende jüdische Mann am Rande einer Grube erschossen wird. Im Hintergrund des Bildes stehen mindestens 20 SS-Angehörige und Offiziere in unbeteiligter, beinahe friedlicher Haltung, was die Grausamkeit des Moments unterstreicht.

Lange gesuchter Kontext

Laut Matthäus wurde die Aufnahme in den frühen Nachmittagsstunden des 28. Juli 1941 gemacht, nur drei Wochen nach der Besetzung der Stadt Berditschew durch die Nationalsozialisten. Berditschew, einst ein wichtiges Zentrum des chassidischen Judentums, verlor fast seine gesamte jüdische Bevölkerung: Als die Rote Armee die Stadt im Januar 1944 befreite, lebten von den 20.000 zuvor dort ansässigen Juden nur noch 15.

Die Forschung von Matthäus stützt sich unter anderem auf ein Foto-Negativ, das im Kriegstagebuch eines Wehrmachtsoffiziers namens Walter Materna entdeckt wurde. Materna beschrieb in seinem Tagebuch die Vorgänge des 28. Juli 1941 detailliert, darunter auch die Rolle ukrainischer Kollaborateure, die die SS unterstützten. Auf der Rückseite des Negativs hatte er notiert: »28. Juli 1941. Exekution von Juden durch die SS. Festung Berditschew.«

Während der Täter nun identifiziert ist, bleibt die Identität des ermordeten jüdischen Mannes unbekannt. Die Arbeit von Jürgen Matthäus liefert somit den lange gesuchten Kontext zu einem der schrecklichsten Zeugnisse der Geschichte. im

Berlin

Antisemitismus ohne Scham

Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Kahal Adass Jisroel in Berlin-Mitte wurde nach eigenen Angaben auf der Straße mit dem Tode bedroht

von André Anchuelo  30.07.2026

Berlin

Tödliche Ignoranz

Der Attentäter vom Christopher Street Day war Islamist. Doch manchen fällt es schwer, die Hintergründe der Mordtat konkret zu benennen. Sie kennen nur Reflexe

von Ralf Balke  30.07.2026

Berlin

Breites Bündnis fordert Klartext beim Thema Islamismus

Die meisten Muslime in Deutschland lehnten islamistische Ideologien ab. Gerade deshalb müssten sie ihnen »innerhalb der eigenen Gemeinschaft entschlossen entgegenzutreten«, heißt es in einem von 23 Organisationen unterzeichneten Aufruf

 30.07.2026

Interlochen (Michigan)

Neue Missbrauchsvorwürfe gegen Jeffrey Epstein im Umfeld einer US-Kunstschule

Zwei ehemalige Schülerinnen schilderten grenzüberschreitendes sexuelles Verhalten des Finanzinvestors

 30.07.2026

Berlin

Nach CSD-Anschlag: Technoparade »Zug der Liebe« abgesagt

Nach dem Anschlag am Rande des Christopher Street Days wird die Technoparade »Zug der Liebe« abgesagt. Die Ereignisse hätten die Lage »drastisch verändert«, so die Veranstalter

 30.07.2026

Berlin

Früherer Verfassungsrichter gegen AfD-Verbotsverfahren

Die AfD könnte bei der Wahl in Sachsen-Anhalt womöglich eine absolute Mehrheit erreichen. Hans-Jürgen Papier ist aber gegen ein Verbotsverfahren

 30.07.2026

Jerusalem

Bericht nennt Einzelheiten des jüngsten Treffens von Trump und Netanjahu

Nach dem Besuch des israelischen Ministerpräsidenten beim US-Präsidenten berichtet »The Times of Israel« über ihr Gespräch im Weißen Haus

 30.07.2026

Nahost

USA nehmen Angriffe auf Iran wieder auf

Nach Angaben des amerikanischen Militärs richteten sich die Einsätze gegen zahlreiche Ziele der iranischen Revolutionsgarden

 30.07.2026

Meinung

Ein belasteter Ort verlangt Bewusstsein

Belastete Orte wie etwa Hitlers Geburtshaus in Braunau gibt es in Deutschland und Österreich viele. Erinnerung daran bedeutet, ihr in der Gegenwart die richtige Antwort zu geben

von Vladimir Vertlib  29.07.2026