Berlin

Tödliche Ignoranz

Die Trauer in Berlin ist groß. Der Fall Abdul Ballout zeigt ganz konkret, welche Gefahren weiterhin vom Islamismus ausgehen. Foto: picture alliance/dpa

Jeder kennt Filme wie Der Pate, in dem Mafiosi morden, betrügen und erpressen. Auch in der ganz realen Welt haben Cosa Nostra oder Camorra eine Blutspur hinterlassen. Doch keiner käme auf die Idee, nicht über die Mafia, ihre Strukturen oder brandgefährlichen Killer zu schreiben, weil man befürchtet, damit einer »Italophobie« Vorschub zu leisten. Niemand würde nach einem Auftragsmord davor warnen, rechte Politiker, die es mit Zuwanderern aus Sizilien und Neapel nicht gut meinen, könnten ihn instrumentalisieren.

Umso irritierender ist es, wenn man unmittelbar nach der Todesfahrt von Abdul Ballout auf dem CSD in Berlin einen Blick in die Kommentarspalten mancher Zeitungen wirft oder sich Beiträge von Journalisten in den sozialen Medien dazu anschaut. Dann scheint manche Autoren nur noch eines zu bewegen: Die Tat könnte für rechte Stimmungsmache missbraucht werden, woraufhin reflexartig die Warnung erfolgt, sich nicht von Politikern, denen zu queeren Themen bisher allenfalls der Begriff »Genderterror« eingefallen ist, vereinnahmen zu lassen.

Die Tat und die erwartbaren Reaktionen

Pars pro toto Daniel Bax, Autor der »taz«, der auf Facebook schreibt: »Furchtbare Nachrichten aus Berlin, die weltweit nachhallen. Und furchtbar erwartbar die Reaktionen all jener, die diese homophobe Tat für ihre Zwecke zu nutzen versuchen.« Die Tat und die erwartbaren Reaktionen sind für Bax beide gleichermaßen »furchtbar«.

Folgt man seiner Diktion, würde also jeder, der den ideologischen Hintergrund von Abdul Ballout thematisiert, der sich bekanntermaßen dem Islamischen Staat anschließen wollte, ähnlich handeln wie der Täter selbst. Auf so eine bizarre Logik muss man erst einmal kommen. Und was genau war das »Furchtbare«?

Ist etwa ein Blitz aus heiterem Himmel in den Christopher Street Day eingeschlagen, oder warum vermeidet man das Wort »Islamismus«, so als ob es etwas geradezu Obszönes wäre? Toppen kann das übrigens die Partei »Die Linke« in Neukölln, die auf Ins­tagram erklärt, »rechte und konservative Akteure« hätten den Boden für den Mord am Samstag auf dem CSD vorbereitet.

Das Ganze folgt einem Prinzip, das sich auf folgende Formel bringen ließe: Das Problem ist nie das Problem selbst, sehr wohl aber seine befürchtete »Instrumentalisierung«. Die droht jedoch nur dann einzutreten, wenn eine Tat einen islamistischen Hintergrund hat. Wäre der Mörder vom CSD ein weißer heterosexueller Cis-Mann gewesen, der zuvor durch rechtsextreme Handlungen aufgefallen ist, sähen die Kommentare ganz anders aus. Dann hätte man Täter und Motiv, selbstverständlich zu Recht, konkret beim Namen genannt. Auch Forderungen nach härteren Gesetzen – diskutiert werden gerade Präventivhaft für Gefährder oder die elektronische Fußfessel – wären im Fall von Nazis begrüßt worden. Bei Abdul Ballout soll das unter den Tisch fallen.

Es ist fahrlässig, den ideologischen Hintergrund auszublenden.

Nur zur Erinnerung: Auch der Anschlag auf einen queeren Klub in Orlando in Florida 2016, bei dem 49 Menschen ermordet wurden, oder der Mord an zwei Männern während der Pride in Oslo 2022, um hier nur einige Beispiele zu nennen, hatten einen islamistischen Hintergrund. Das Bagatellisieren oder das Ausblenden von ideologischen Hintergründen, nur weil sie nicht in das eigene Weltbild passen, ist schlichtweg fahrlässig. Solch eine Ignoranz bereitet die nächste Tat quasi mit vor.

Ignoranz und Fahrlässigkeit können töten

Wie Ignoranz und Fahrlässigkeit töten können, bekam man 2015 auf der Pride in Jerusalem drastisch vorgeführt. Dort hatte Yishai Schlissel, ein ultraorthodoxer Extremist, auf mehrere Teilnehmer eingestochen, die 16-jährige Shira Banki starb an ihren Verletzungen. Der Skandal: Schlissel hatte 2005 bereits Ähnliches versucht und auf der damaligen Pride drei Menschen mit Messern verletzt, weshalb er für zehn Jahre ins Gefängnis kam. Kurz nach seiner Entlassung kündigte er mehrfach an, erneut gegen Homosexuelle Gewalt ausüben zu wollen. Trotzdem hatte die Polizei es versäumt, ihn für die Zeit der Pride unter Hausarrest zu stellen oder zumindest zu beobachten – weshalb möglich wurde, was dann schließlich geschah.

Nach der Bluttat entbrannten in Israel deshalb heftige Diskussionen nicht nur über das Versagen der Sicherheitskräfte. Es wurde ferner die wichtige Frage gestellt, was in der charedischen Gesellschaft alles falsch gelaufen ist, warum man zu den Ankündigungen von Schlissel, bei der Pride Gewalt auszuüben, geschwiegen hat. Versuche, den Hintergrund des Mörders auszublenden, griffen dabei genauso ins Leere wie der Ansatz, ihn einfach nur für »verrückt« zu erklären.

Vorher undenkbar, besuchte sogar der Oberrabbiner von Jerusalem, Aryeh Stern, verletzte Überlebende des Anschlags. Und unter den Ultraorthodoxen gab es Debatten darüber, wie man sich in Zukunft verhalten soll. Natürlich wurden charedische Milieus nicht über Nacht LGBTQ-freundlich – aber Gewalt sollte es nicht mehr so schnell geben, davon grenzte man sich ab, zumindest verbal. All das zeigt exemplarisch, wie wichtig es ist, Ursachen konkret anzusprechen.

Hierzulande dagegen kennen manche nur die eigenen ideologischen Raster, weigern sich anzuerkennen, dass Gefahren vielschichtig sein können. Bereits vor mehr als einem Jahr warnte der Verfassungsschutz, dass Rechtsextremisten und Islamisten eines vereint: der Hass auf sexuelle Minderheiten.

Der Autor ist Journalist und Historiker in Berlin.

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