Griechenland

Restauration des Grauens

Am 15. März 1943 deportierte der erste Zug 2400 Menschen vom Bahnhof von Thessaloniki nach Auschwitz. Bis August 1943 wurden 50.000 jüdische Griechen in den Tod geschickt. Foto: picture alliance / ANE / Andreas Neumeier

Ein ungewöhnlicher Fund bringt die Geschichte zurück: So hatte man im September 2024 im nordwestlich von Thessaloniki gelegenen Eisenbahnmuseum von Kordelio-Evosmos zwei Waggons von genau dem Typ entdeckt, mit dem die Juden der Stadt während der deutschen Besatzungszeit nach Auschwitz verschleppt worden waren. Die Nachricht von dieser Entdeckung brachte im Juni vergangenen Jahres einige Mitglieder des Athener Vereins der Eisenbahnfreunde auf den Plan, die sofort zu einem Besuch von Griechenlands zweitgrößter Stadt aufbrachen.

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Einer von ihnen war Savvas Cohen, Schoa-Überlebender und vormals Direktor der griechischen Eisenbahngesellschaft OSE. Er selbst wurde 1931 in Thessaloniki geboren. Damals hieß die Stadt noch Saloniki, und ein Viertel ihrer rund 180.000 Einwohner waren Juden. Zu osmanischen Zeiten stellten sie sogar die Mehrheit der Bevölkerung, weshalb Saloniki auch als »Jerusalem des Balkan« oder – auf Ladino – »Madre de Israel« bezeichnet wurde.

Heute vor diesen Waggons zu stehen, ist für den 94-jährigen Cohen ein sehr emotionaler Moment. Denn unter den mehr fast 50.000 Jüdinnen und Juden der Stadt, die in 18 Transporten in Vernichtungslager verschleppt wurden, befanden sich auch sein Onkel, seine Tante und sein Cousin. Nur knapp 1000 der Juden von Saloniki haben überlebt.

Cohen selbst hatte Glück. Weil seine Schwester Medizin studieren wollte, war die Familie bereits 1940 nach Athen gezogen. So entging sie den Deportationen, die die Deutschen nach dem Einmarsch in seine alte Heimatstadt im April 1941 anordneten und damit das Ende der dortigen jüdischen Gemeinde besiegelten.

»Als einen kleinen Beitrag, um die Opfer zu ehren«

Cohen ist es aus persönlichen Gründen sehr wichtig, dass die beiden Waggons restauriert werden, weshalb er die Patenschaft für das Projekt übernommen hat. »Als einen kleinen Beitrag, um die Opfer zu ehren«, sagt er. Der gesamte hölzerne Aufbau der 1890 in Deutschland hergestellten Waggons, die nach 1945 als Werkstattwagen von der OSE weiter benutzt wurden, soll rekonstruiert werden. Der Wiederaufbau soll auf Basis alter Fotos und Informationen erfolgen, die der Verein der Eisenbahnfreunde in Thessaloniki im Laufe der Jahre gesammelt hat.

»Die Wagen waren in einem sehr schlechten Zustand, und Herr Cohen beschloss, ihre Instandsetzung mitzufinanzieren«, sagte der Vereinvorsitzende Konstantinos Pataras gegenüber dem griechischen Magazin »Proto Thema«. »Sie sind Teil des historischen Mosaiks von Thessaloniki. Die Geschichte der Stadt ist eng verwoben mit dem Schicksal ihrer jüdischen Einwohner, die mit der Eisenbahn in solchen Waggons in die Krematorien transportiert wurden.« Jedes Jahr gedenkt die jüdische Gemeinde der Stadt deren Schicksal.

Ehrung für Savvas Cohen

Derzeit befinden sich die beiden Waggons im Eisenbahnmuseum von Kordelio-Evosmos, und werden dort restauriert, berichtet Pataras. Es werde viel Originalmaterial verwendet – mit Ausnahme des Holzes, das vollständig ersetzt werden muss. Beteiligt an dem Projekt sind mehrere ehemalige OSE-Mitarbeiter.

Für seine Initiative zur Restauration der historischen Waggons wurde Cohen Ende vergangenen Jahres mit einer kleinen Zeremonie, die unter dem Titel »Nostalgie« im Eisenbahnmuseum stattfand, geehrt.

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