USA

Hauptsache jung, weiblich und progressiv

Ilhan Omar (M.) feiert Anfang November ihren Einzug in den US-Kongress. Foto: dpa

Natürlich war früher nicht alles besser. Aber zumindest die Welt der linken Antisemiten war damals, etwa in den 70er-Jahren, noch in Ordnung. Dieter Kunzelmann plädierte für eine Überwindung des »Judenknax«, und seine Mitstreiter taten, wie ihnen geheißen wurde. Vereint erblickte man nun in Israel die neuen Nazis.

Und das Beste daran: Natürlich war man kein Antisemit, sondern lediglich Freund der »unterdrückten« Palästinenser und aufrechter Kämpfer gegen Faschismus und Imperialismus made in Israel.

»Israel hat die Welt hypnotisiert, möge Allah den Menschen helfen, die bösen Taten Israels zu sehen«, twitterte Ilhan Omar.

Ein aufrechter Linker, so hieß es, könne kein Antisemit sein. Die gebe es nur rechts. Warum auf einen Persilschein warten, wenn man ihn sich auch einfach selbst ausstellen kann?

ALLAH Inzwischen keimen hie und da leichte Zweifel an dieser Theorie auf. Es kursiert sogar der schreckliche Verdacht, die deutsche Linkspartei könnte tatsächlich ein Antisemitismus-Problem haben. Im Großen und Ganzen jedoch lebt es sich als Antisemit mit progressivem Hintergrund nicht schlecht. Auf große Teile der Zivilgesellschaft und noch größere Teile der Medienlandschaft kann man sich verlassen, wenn es darum geht, antisemitische Ressentiments zu »legitimer Israelkritik« zu befördern.

Das gilt freilich ebenso für Israelkritiker aus weiter Ferne. Knapp drei Wochen ist es her, da im Zuge der Midterm-Wahlen auch demokratische Politikerinnen in den amerikanischen Kongress gewählt wurden, die es sich bislang in der Grauzone zwischen gefühlter Siedlungskritik und angewandtem Israelhass gemütlich gemacht haben.

Da wäre etwa die bekennende Muslimin und gebürtige Somalierin Ilhan Omar aus Minnesota. Zum jüdischen Staat pflegt sie ein tendenziell unterkühltes Verhältnis. »Israel hat die Welt hypnotisiert, möge Allah die Menschen erwecken und ihnen helfen, die bösen Taten Israels zu sehen«, twitterte sie vor einigen Jahren. Seitdem fiel sie vor allem mit ihrem Einsatz gegen ein Anti-BDS-Gesetz und schmeichelhaften Apartheid-Vergleichen auf.

RADIKAL Auch ihre neue Kollegin Rashida Tlaib, Tochter palästinensischer Einwanderer, steht ihr in dieser Beziehung in nichts nach. Wenn die frisch gebackene Abgeordnete für den Bundesstaat Michigan nicht gerade für BDS die Fahne hochhält, plädiert sie für ein Ende der militärischen Unterstützung Israels und trommelt nebenher noch für das Rückkehrrecht aller Palästinenser. Mrs. Tlaib weiß, was sie will: Ein stabiles Israel mit friedlichen Nachbarn gehört definitiv nicht dazu.

Dahingehend kann wiederum die jüngste Kongressabgeordnete der Geschichte, Alexandria Ocasio-Cortez, noch einiges dazulernen. Von nahöstlichen Verhältnissen hat sie zwar wenig Ahnung, dafür aber umso mehr Meinung. Mal beklagt sie das »Massaker« an der Grenze zu Gaza, mal die »Besetzung Palästinas«. In Sachen Außenpolitik sei sie aber nicht sonderlich fit, schob die New Yorkerin dann noch hinterher – nur für den Fall, dass das ob ihrer Nahost-Analysen noch nicht ausreichend klar geworden sein sollte.

Wenn Rashida Tlaib nicht gerade für BDS die Fahne hochhält, plädiert sie für ein Ende der militärischen Unterstützung Israels.

Nun könnte man angesichts derart erfrischender Kongress-Neulinge etwas skeptisch werden, eventuell sogar die Frage stellen, ob die moralischen Maßstäbe der Demokraten womöglich etwas verrutscht sind und wie es mit einer Partei weitergehen soll, in der die radikalen Ränder auf dem Vormarsch sind. Deutsche Medien hegen jedoch ganz andere Sorgen, beziehungsweise Glücksgefühle.

STIMMEN »US-Zwischenwahlen: Ein Votum für die Vielfalt« (Deutschlandfunk), »Frauenpower bringt Donald Trump ins Schwitzen« (RTL), »Diese Frauen schreiben Geschichte in den USA« (Huffington Post), »Jung, muslimisch, Ureinwohnerin« (Tagesschau) – so oder so ähnlich lauten die frohen Botschaften, die deutsche Journalisten im US-Wahlgeschehen ausgemacht haben wollen. »Jung, antisemitisch, ahnungslos« klänge ja auch irgendwie betrüblich.

Ohnehin würden Israelhass und derlei Hauptsächlichkeiten nur stören, geht es doch ums große Ganze: um den Sieg der Anti-Trumps, deren Haltungen nicht so wichtig sind, solange nur die Gruppenzugehörigkeit passt. Bunt, Minderheit, weiblich und jung, mehr muss man gar nicht mitbringen, um deutsche Journalistenherzen höher schlagen zu lassen.

Schließlich mutet das nicht nur schicker an als »alt, weiß und rüpelhaft«, es ist offenbar schon ein Wert an sich – vorausgesetzt, man begreift amerikanische Politik als eine Art »Mensch ärgere dich nicht«-Spiel zwischen Minderheiten und Frauen einerseits, die a priori »gut« sind, und weißen Männern andererseits, denen automatisch nicht zu trauen ist.

ISRAELKNAX Betrachtet man die Neuzugänge aus dieser Perspektive, kann es sich bei den Antisemitismusvorwürfen freilich nur um üble Nachrede der Konkurrenz handeln. Darum erwähnt man sie gar nicht erst. Denn in Deutschland weiß man seit Jahrzehnten: Judenfeindschaft trägt primär Glatze oder wenigstens ein GOP-Basecap. Linke, Frauen und Minderheiten sind dagegen automatisch immun gegen Judenhass.

Und im Zweifel gilt: Etwas mehr Härte gegenüber Israel kann nie schaden. Gerade »wir als Deutsche« wissen ja, wie wichtig es ist, den Israelis ab und an auf die Finger zu klopfen. So gesehen ist es natürlich begrüßenswert, wenn im Kongress nun die Vielfalt Einzug hält und der »Israelknax« endlich auch sein buntes, junges Gesicht zeigen darf. Schließlich ist die Israelkritik zu wichtig, um sie ausschließlich weißen Deutschen zu überlassen.

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