Urteil

Gegen den Schnitt

Er lobte das Kölner Urteil als »wichtig vor allem für Ärzte, die nun zum ersten Mal Rechtssicherheit hätten«: Holm Putzke, Strafrechtsprofessor aus Passau, Schüler des Bochumer Rechtswissenschaftlers Rolf Dietrich Herzberg, dem er im Februar 2008 einen Festschriftbeitrag mit dem Titel widmete: Die strafrechtliche Relevanz der Beschneidung von Knaben. Das sollte nicht sein einziger Beitrag zu dem Thema bleiben.

Im August 2008 veröffentlichte das Deutsche Ärzteblatt den Aufsatz Zirkumzision bei nicht einwilligungsfähigen Jungen: Strafrechtliche Konsequenzen auch bei religiöser Begründung, in dem er und zwei Münchner Ärzte offen für die Strafbarkeit von Beschneidungen plädierten und Ärzten eindringlich von deren Durchführung abrieten. Ähnliche Texte wurden in der Zeitschrift »Medizinrecht« und in der »Neuen Juristischen Wochenschrift« gedruckt.

Putzkes Eifer, mit dem er seit Jahren gegen die Beschneidung zu Felde zieht, wurde nun von den Kölner Richtern belohnt. Sie fällten nicht nur ein Urteil in seinem Sinne, sondern zitierten ihn auch in den Urteilsbegründungen.

Unbehagen Wer ist Holm Putzke, der in diesen Tagen in fast jedem Zeitungsbericht zu dem Urteil auftaucht? Was bewegt den Wissenschaftler, ein jahrtausendealtes, identitätsstiftendes Ritual, das bislang kaum infrage gestellt wurde, zu kriminalisieren? Putzke wurde gelegentlich als »Krieger im Kampf der Kulturen« bezeichnet. Das ist vermutlich übertrieben. Nicht zu leugnen ist allerdings ein gewisses Unbehagen, das den Leser bei der Lektüre seiner Ausführungen beschleicht.

Auf den ersten Blick eine juristisch ausgefeilte, an Recht und Gesetz ausgerichtete Abwägung, zeigen sich jedoch hier und da argumentative Lücken. Etwa wenn sich Putzke damit verteidigt, »es müsse erlaubt sein, religiöse Traditionen, denen ein Kind schicksalhaft ausgesetzt ist, ... zu hinterfragen«. Oder wenn er in einer Fußnote feststellt, dass »das Nichtbeschnittensein ... kein Grund für israelitische Kultusgemeinden ist, auf die Erhebung der israelitischen Bekenntnissteuer zu verzichten«.

Wenig wissenschaftlich ist auch seine Behauptung, die »Ursprünge des religiös motivierten Rituals« lägen »im Dunkeln«. Solche und ähnliche Kommentare legen die Vermutung nahe, dass es dem Rechtsgelehrten gar nicht so sehr um die Verletzung der körperlichen Unversehrtheit des Kindes durch die Beschneidung geht, wie er behauptet, sondern diese vielmehr Anlass gibt, die Religionen anzugreifen, die sie praktizieren.

Identität Putzke und sein Lehrmeister Herzberg lassen sich insofern gerne von der Islamkritikerin Necla Kelek inspirieren, die die Beschneidung als Symbol der Unterwerfung in einer autoritären Gesellschaft ausdrücklich ablehnt. Putzke zitiert Kelek im Zusammenhang mit der – von ihm durchaus anerkannten – identitätsstiftenden Wirkung der Beschneidung: »Unbeschnittene Jungen werden in der türkischen Gesellschaft nicht akzeptiert, die Beschneidung gehört unauflöslich zum Muslim-Sein und zur männlichen Identität.«

Die mögliche Stigmatisierung bei fehlender Beschneidung, die daraus folgt, darf Putzke jedoch nicht ausreichen, um letztere unter das Kindeswohl zu subsumieren, und so rettet sich der Professor mit dem Vorwurf, damit würde man sich »argumentativ im Kreise drehen und das Rechtsproblem auf eine mehr oder weniger rechtsfreie Ebene verschieben«.

Putzke betonte in einem Interview, die Religionen zu einem »Bewusstseinswandel« anregen zu wollen. Offen bleibt, ob er damit den grundsätzlich wünschenswerten Diskurs mit den Glaubensgemeinschaften meint, oder einem gesetzlichen Beschneidungsverbot das Wort redet, das Juden und Muslime, die sich zwischen Rechts- und Religionstreue entscheiden müssten, in ein möglicherweise folgenschweres Dilemma führen würde.

Lettland

Deutsche Städte gedenken der nach Riga deportierten Juden

1941/42 wurden mehr als 25.000 Juden aus Deutschland und Österreich zur Vernichtung in die lettische Hauptstadt deportiert. Daran gedachten nun Vertreter aus 30 deutschen Städten

 03.07.2026

Karlsruhe

Waffen für Hamas? Verdächtiger nach Deutschland überstellt

Seit Monaten geht die Bundesanwaltschaft gegen mutmaßliche Hamas-Anhänger vor, die Waffen für die Organisation geschmuggelt haben soll. Ein weiterer Beschuldigter ist jetzt in deutscher U-Haft

 03.07.2026

Iran

Wollte Israel iranische Unterhändler töten?

Wie die »New York Times« berichtet, fürchtete die Trump-Administration bei den Iran-Verhandlungen die gezielte Tötung der iranischen Delegierten Abbas Araghchi und Mohammad Bagher Ghalibaf durch Israel

 03.07.2026

Studie

AJC warnt vor AfD-Regierungsübernahme

Zum AfD-Bundesparteitag hat das American Jewish Committee eine Analyse über den Landesverband in Sachsen-Anhalt veröffentlicht. Die Aussage ist eindeutig

 03.07.2026

Gesellschaft

Filmproduzentin Brauner: Erinnerungskultur ist gescheitert

Symbolpolitik statt echter Auseinandersetzung - Alice Brauner hält die deutsche Erinnerungskultur für gescheitert. Ihr neuer Film über Menschenversuche in Auschwitz soll die Vergangenheit schonungslos sichtbar machen

von Hannah Krewer  03.07.2026

Vereinigte Staaten

Trump: »Warum Juden Demokraten wählen, ist mir ein Rätsel«

Im CNBC-Interview hat sich der US-Präsident erneut abschätzig über amerikanische Juden geäußert, die seine Politik nicht goutieren

 03.07.2026

Iran

Trauerfeierlichkeiten für Ajatollah Chamenei beginnen Samstag

Rund vier Monate nach seiner Tötung soll Irans Staatsoberhaupt Ajatollah Ali Chamenei beerdigt werden. Mehrere Tage lang herrscht dafür im Iran Ausnahmezustand

 03.07.2026

Interview

»Ich nehme die Kritik sehr ernst«

Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung gegen Antisemitismus, wechselt nach Paris. Im Interview blickt er zurück und zieht Bilanz

von Leticia Witte  03.07.2026

Mehr Juden, bitte!

Ein Plädoyer für eine neue Migrationspolitik in Deutschland

von Tobias Kühn  03.07.2026