Berlin hat gewählt, genauer – Berlin hat sich verwählt. Das ließe sich reparieren, wenn die demokratischen Parteien der Mitte ihre naheliegende Koalition der Vernunft bilden würden. Die Hamas-freundliche Linke in der Hauptstadt hätte dann das Nachsehen. Hätte, hätte Fahrradkette, sagte einst der SPD-Grande Peer Steinbrück. Denn der Machtgedanke scheint zu verlockend für die Hauptstadtsozis (und die Grünen) im Land Berlin.
Zwar gibt es anderslautende Lippenbekenntnisse aus der Bundespartei, die sich vom Antisemitismus der Linken abgrenzen. Doch ein Veto gegen Verhandlungen ist das nicht. Dieser Kommentar ist deshalb ein Appell, ein persönlicher noch dazu. Schließlich ist die Familiengeschichte des Autors, immer noch SPD-Mitglied, geprägt von der Sozialdemokratie.
Wie will man Israel glaubwürdig auch nur in Worten beistehen, wenn im Roten Rathaus eine Koalition unter Führung von Judenhassern mit besten Verbindungen ins terroristische wie auch kriminelle Milieu regiert?
Der eine Urgroßvater, Emil Hirschfeld, war SPD-Senator in Harburg, freiwillig als Cholera-Arzt in Hamburg, während Bismarcks Sozialistengesetzen vom Parteiverbot und den damit einhergehenden Repressionen gebeutelt. Der andere Urgroßvater, Löb Strauss, war Rabbiner und SPD-Ratsherr in Papenburg.
Der Großvater, Hans Emil Hirschfeld, war jüngster Ministerialrat Preußens, von den Nazis als Staatsfeind ausgeschrieben, 15 Jahre in der Emigration, nach dem Krieg beim Regierenden Bürgermeister Willy Brandt Chef der Berliner Senatskanzlei. Kurz: Es waren Männer, die für ihre politisch-ethische Überzeugung Bedrohung und Heimatverlust in Kauf nahmen.
Seit Jahren hat die SPD, deren Gründungsväter wie Ferdinand Lassalle oder Moses Hess jüdisch waren, Probleme mit »progressivem« Antisemitismus und der sogenannten Israelkritik in den eigenen Reihen. Das ist so widerwärtig wie ärgerlich, lässt sich aber zumindest noch bekämpfen.
Eine wie auch immer geartete Kohabitation mit der Berliner Linkspartei, nein, sogar schlichte Sondierungen mit den dunkelroten Judenfeinden, wären hingegen ein finaler Tabubruch. Sie wären nicht nur ein Verrat an der ursprünglichen sozialdemokratischen Sache, Verrat an den jüdischen Genossen, die die Partei über Verfolgung und physische Vernichtung hinweg im Exil und Untergrund behütet und bewahrt haben. Sie wäre auch ein Aufkündigen der Staatsräson, die die Sicherheit Israels zum Elementarinteresse Deutschlands erklärt.
Wie will man Israel glaubwürdig auch nur in Worten beistehen, wenn im Roten Rathaus der deutschen Hauptstadt eine Koalition unter Führung von Judenhassern mit besten Verbindungen ins terroristische wie auch kriminelle Milieu regiert? Und wie sollen die jüdischen Bürger Berlins und des ganzen Landes auf einen solchen Pakt reagieren?
Große Verunsicherung
Schon jetzt ist die Verunsicherung groß. Der Zentralrat und Israels Botschafter warnen unisono vor einer Regierung unter Führung der Linken: »Wer der Linken Berlin den Weg in eine Landesregierung und damit ins Rote Rathaus ebnet, gefährdet unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt und das jüdische Leben in der Hauptstadt«, so Josef Schuster.
In der Weimarer Republik war in linksradikalen Kreisen der Schmähruf »Wer hat uns verraten? – Sozialdemokraten!« gang und gäbe. Es bleibt zu hoffen, dass er künftig nicht für jenen Tag im Herbst des Jahres 2026 stehen wird, an dem in Berlin die Axt an unsere Demokratie gelegt wurde.
Der Autor ist Journalist und lebt in Hamburg.