Soziale Medien

Facebook-Nutzer missbrauchen Namen von Holocaust-Opfern mit KI

Mit diesem offensichtlich KI-generierten Foto eines angeblichen Holocaust-Opfers wird auf Facebook Geld verdient Foto: Screenshot

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Facebook-Nutzer missbrauchen Namen von Holocaust-Opfern mit KI

Etwa anderthalb Millionen jüdische Kinder kamen in der Schoa ums Leben. Hannelore Kaufmann war eine von ihnen. Ihr Name wird nun auf Facebook als Clickbait missbraucht

 23.06.2025 09:32 Uhr

Ein hübsches, kleines Mädchen im sauberen Kleid wird am Lenker ihres liebsten Spielzeugs gezeigt: einem Dreirad. Sie soll Hannelore Kaufmann heißen, geboren am 5. August 1931 in Berlin, geliebt von ihren Eltern. Als sie 13 war, sei sie mit ihrer Familie nach Auschwitz deportiert worden und dort umgekommen, erzählt ein Facebook-Post zu der Abbildung. Die Geschichte rührt viele Menschen, wie die lange Liste der Kommentare zeigt. Sie hat nur ein Problem: Das Bild und die Beschreibung sind gefälscht und erfunden.

Bewertung
Hannelore Kaufmann war tatsächlich ein Holocaust-Opfer, doch die Abbildung und die ganze Erzählung dazu haben nichts mit der historischen Wirklichkeit zu tun. Sie wurden mit Künstlicher Intelligenz (KI) geschaffen.

Fakten
Die Abbildung auf Facebook zeigt haarscharfe Details, die für Aufnahmen aus den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eher ungewöhnlich - wenn nicht unmöglich - erscheinen. Einfache Dreiräder gab es damals schon, doch hatten die keine Kunststoffgriffe, wie das Bild einen zu zeigen scheint.

Wer hier Verdacht schöpft und auf Facebook mehr Posts zu »Hannelore Kaufmann« sucht, stößt auf fremdsprachige Beiträge mit der gleichen Geschichte und anderen Abbildungen. Diese Bilder enthalten sehr offensichtliche Merkmale einer Erstellung mit KI.

Die gefälschte »Hannelore« hat hier nur ein Bein und ihre rechte Hand hat keine klar erkennbaren Finger. Dem Dreirad fehlt das rechte Hinterrad und das Pedal schwebt in der Luft. Andererseits sind auch hier wieder scharfe Details zu erkennen, die mit dem Stand der Fotografietechnik vor fast 100 Jahren kaum zusammenpassen.

Auch die erzählte Geschichte ist erfunden

Nicht nur mit der Abbildung stimmt etwas nicht, auch die Erzählung dazu ist falsch. Mehrere Frauen namens Hannelore Kaufmann wurden tatsächlich Opfer des Holocaust, aber damit endet die Übereinstimmung mit der Wirklichkeit auch.

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In Yad Vashem, der offiziellen israelischen Gedenkstätte für die jüdischen Opfer des Holocaust, wird an eine Hannelore Kaufmann erinnert. Sie wurde 1930 in Sterkrade, heute ein Stadtteil von Oberhausen, geboren und flüchtete in die Niederlande. Von dort deportierten die Nazis sie am 20. Juli 1943 ins Vernichtungslager Sobibor, wo sie drei Tage später für tot erklärt wurde. Die im Facebook-Post behauptete Geburt 1931 und Kindheit in Berlin liegt hier also ebenso wenig vor wie ein Tod in Auschwitz 1944.

Die in Yad Vashem dokumentierte Hannelore Kaufmann findet sich auch in der Datenbank des United States Holocaust Memorial Museums wieder. Dort gibt es noch drei weitere Einträge mit demselben Namen. Zwei von ihnen haben das gleiche Geburtsdatum, weshalb es sich um dieselbe Person handeln dürfte. Ihr Schicksal ist unbekannt. Eine weitere Hannelore Kaufmann überlebte die Kriegszeit. Keine von ihnen wurde jedoch 1931 in Berlin geboren.

Emotionen und Klicks als Erlösmodell

Die Facebookseiten hinter diesen Beiträgen teilen ständig Geschichten, die auf die Gefühle der Leserinnen und Leser zielen und häufig mit KI-Bildern illustriert sind. Hier geht es offensichtlich um Clickbait, also die Erhöhung der Leserzahl mit fragwürdigen Mitteln.

Dieser Fall, der in verschiedenen Sprachen existiert, passt in einen neuen Trend in sozialen Netzwerken. Dabei werden die Namen echter Holocaust-Opfer verbunden mit fiktiven Geschichten und KI-Abbildungen oder echten Fotos, die bearbeitet wurden.

Das Auschwitz-Museum hat auf diesen Trend bereits reagiert. Es sei »keine Ehrung« der Opfer, wenn Holocaust-Schicksale und fiktive Bilder mit Künstlicher Intelligenz erzeugt würden. »Dies ist ein tiefgreifender Akt der Respektlosigkeit gegenüber dem Andenken derer, die in Auschwitz gelitten haben und ermordet wurden. Es untergräbt die Integrität der historischen Wahrheit«, schreibt das Museum.

Zwei Milliarden Dollar

Die Vielzahl von Seiten mit derartigen Inhalten in verschiedenen Sprachen deutet darauf hin, dass es hier um ein Erlösmodell geht. Dank der Klicks und der Reaktionen können die Betreiber der Seiten im Content-Monetarisierungsprogramm von Facebook nämlich Geld verdienen. Allein 2024 zahlte das Programm zwei Milliarden Dollar aus.

So wird der Missbrauch der Schicksale von Holocaust-Opfern zu einer Geldmaschine: Das Thema bleibt gesellschaftlich relevant, es spricht die Emotionen von Internet-Nutzern an und beruht auf einer schier endlosen Liste von Namen. Die Künstliche Intelligenz macht dieses Geschäft mit Schicksalen noch einfacher. dpa/ja

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