Der Bericht der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) des Europarats dokumentiert einen deutlichen Anstieg antisemitischer Vorfälle in Tschechien. Besonders seit dem Hamas-Terrorangriff auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem anschließenden Krieg im Gazastreifen hätten sowohl die Zahl als auch die Schwere der Vorfälle zugenommen. Die Untersuchung verweist zudem auf eine wachsende Verbreitung von Holocaustleugnung und -verzerrung sowie auf antisemitische Äußerungen im Internet.
Die Zahl der registrierten antisemitischen Vorfälle stieg von 4328 im Jahr 2023 auf 4694 im Jahr 2024. Das geht aus dem neuen Länderbericht der ECRI hervor. Bereits die Zahl für 2023 hatte einen damaligen Höchststand markiert. Zum Vergleich: 2020 waren 874 Vorfälle registriert worden, 2021 waren es 1128 und 2022 insgesamt 2277.
Die meisten dokumentierten Fälle betreffen Hassrede, die überwiegend online verbreitet wird. Dabei wird laut Bericht auch die jüdische Gemeinschaft in Tschechien kollektiv für die Politik der israelischen Regierung verantwortlich gemacht. Die Zahl der Fälle von Holocaustleugnung und -verzerrung nahm ebenfalls zu: 2024 registrierte die Föderation der Jüdischen Gemeinden in Tschechien einen Anstieg um 47 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Judenhass aus unterschiedlichen politischen Milieus
Die Untersuchung beschreibt eine Veränderung der antisemitischen Bedrohungslage. Während bis 2019 vor allem Rechtsextremisten als größte Gefahr für die jüdische Gemeinschaft galten, gewannen in den folgenden Jahren auch andere Milieus an Bedeutung. Während der Corona-Pandemie und nach dem russischen Angriff auf die Ukraine verbreiteten sich antisemitische Verschwörungserzählungen insbesondere in sogenannten systemkritischen Bewegungen und im Internet. Nach dem 7. Oktober 2023 hätten zudem islamistische Akteure und Linksextremisten ihre Aktivitäten deutlich verstärkt, heißt es unter Berufung auf Angaben der jüdischen Gemeindeorganisation.
Der Bericht weist darauf hin, dass Hassrede nicht nur im Netz, sondern auch im politischen Diskurs und während Wahlkämpfen vorkommt. Jüdische Menschen gehören inzwischen zu den Gruppen, die verstärkt davon betroffen sind. Ähnliche Entwicklungen beobachtet die ECRI bei Ukrainern, während Roma und Angehörige der LGBTI-Gemeinschaft weiterhin besonders häufig Zielscheibe von Anfeindungen sind.
Trotz dieser Entwicklung erkennt die ECRI auch Fortschritte an. Die tschechische Regierung verabschiedete im Oktober 2025 eine Strategie zur Bekämpfung des Antisemitismus für den Zeitraum 2025 bis 2030. Zu deren Zielen gehören der Schutz der jüdischen Gemeinschaft, die Bekämpfung antisemitischer Feindseligkeit sowie die Aufklärung über den Holocaust und dessen Gedenken.
Aktionspläne zur Bekämpfung von Extremismus und Hass
Die Strategie berücksichtigt auch die Arbeitsdefinition von Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). Tschechiens Parlament hatte diese bereits im Januar 2019 angenommen. Die Regierung unterstützt nach Angaben der ECRI außerdem Maßnahmen zum Schutz der jüdischen Gemeinschaft.
Auch das tschechische Staatsoberhaupt hat sich wiederholt öffentlich gegen Hassrede ausgesprochen. Darüber hinaus wurden gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Organisationen Aktionspläne zur Bekämpfung von Extremismus und vorurteilsbedingtem Hass entwickelt. Die ECRI sieht darin wichtige Schritte, hält weitere Anstrengungen jedoch für erforderlich.
Der Bericht entstand nach einem Besuch einer ECRI-Delegation in Tschechien im November 2025. Er stützt sich auf Dokumente, Gespräche mit Behörden und Vertretern der Zivilgesellschaft sowie weitere nationale und internationale Quellen. Die Analyse berücksichtigt grundsätzlich die Entwicklungen bis zum 19. März 2026. Hass und Ausgrenzung auch in Schulen
Neben dem Antisemitismus befasst sich die Untersuchung ausführlich mit rassistischer und gegen LGBTI gerichteter Hassrede. Die ECRI berichtet von wiederkehrenden Beleidigungen und Mobbing an Schulen. Betroffen seien insbesondere Roma- und LGBTI-Schüler, aber auch Kinder aus der Ukraine. Die Anfeindungen gingen vor allem von Mitschülern aus, in einzelnen Fällen jedoch auch von Lehrkräften oder Eltern. im
Der komplette ECRI-Bericht zu Tschechien (auf Englisch) ist hier einsehbar.