New York

Epstein-Dokumente befeuern antisemitische Verschwörungsmythen in sozialen Medien

Ein Polizeidokument über Jeffrey Epstein Foto: picture alliance / Sipa USA

Die jüngste Veröffentlichung von Millionen Seiten aus den Akten des US-Justizministeriums zum Fall Jeffrey Epstein hat in sozialen Netzwerken eine Welle antisemitischer Verschwörungserzählungen ausgelöst. Rechtsextreme, aber auch Akteure aus anderen politischen Lagern nutzen einzelne Passagen, um altbekannte Narrative über angebliche jüdische Machtstrukturen neu zu befeuern. Dies geht aus einer Recherche der Jewish Telegraphic Agency (JTA) hervor.

Seit der Festnahme Epsteins im Jahr 2019 und seinem Tod kurze Zeit später kursieren immer wieder antisemitische Deutungen, die seine jüdische Herkunft oder Kontakte zu jüdischen Persönlichkeiten in den Mittelpunkt stellen. Mit der nun freigegebenen, mehr als drei Millionen Seiten umfassenden Dokumentensammlung hat diese Dynamik deutlich an Intensität gewonnen. Beobachter sprechen von einer regelrechten Materialflut, die gezielt aus dem Zusammenhang gerissen werde.

Der Autor und Antisemitismus-Experte Mike Rothschild erklärte gegenüber der JTA die schiere Menge der Dokumente begünstige Fehlinterpretationen. »Egal welche Art von Verschwörungstheorie jemand verfolgt, in diesen Akten findet sich scheinbar immer etwas, das ins eigene Weltbild passt«, sagte er. Es fehle an Einordnung und Kontext, was selektives Zitieren erleichtere.

Angebliche jüdische Weltverschwörung

Tatsächlich enthalten die Unterlagen auch reale und für die jüdische Öffentlichkeit relevante Aspekte, darunter Hinweise auf finanzielle Verbindungen Epsteins zu orthodoxen Bildungseinrichtungen sowie neue Details zu seinem Verhältnis zum früheren israelischen Ministerpräsidenten Ehud Barak. Zudem finden sich E-Mails, in denen Epstein jüdische Begriffe wie »goyim« in abwertender Weise verwendet oder auf jüdische Feiertage Bezug nimmt.

Diese Textstellen werden in sozialen Netzwerken jedoch zunehmend als Beleg für eine angebliche jüdische Weltverschwörung missbraucht. Besonders aktiv zeigte sich die rechtsextreme Kommentatorin Candace Owens. Sie erklärte: »Ja, wir werden von satanischen Pädophilen regiert, die für Israel arbeiten«, und fügte hinzu: »Das ist die Synagoge Satans, gegen die wir kämpfen.«

Auch andere bekannte Influencer griffen entsprechende Narrative auf. In Livestreams und Podcasts wurde behauptet, Epstein habe im Auftrag Israels oder des Mossad gehandelt, teilweise verbunden mit Angriffen auf konkrete jüdische Organisationen oder historischen antisemitischen Mythen. Diese Darstellungen fanden millionenfache Verbreitung.

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Reale Verbrechen instrumentalisiert

Die Antisemitismus-Beobachtungsstelle Nexus Project warnte vor den Folgen dieser Entwicklung. »Die Epstein-Dateien sind real. Der Antisemitismus, den sie befeuern, ist es ebenfalls«, erklärte die Organisation. Epsteins reale Verbrechen würden instrumentalisiert, um Juden kollektiv zu diffamieren und neue Schuldzuweisungen zu konstruieren.

Ein weiterer Brennpunkt der Verschwörungserzählungen betrifft die häufige Nennung des Namens Netanjahu in der Datenbank des Justizministeriums. Zwar finden sich hunderte Treffer, doch handelt es sich nach Angaben von Experten überwiegend um weitergeleitete Medienberichte ohne inhaltliche Relevanz. »Die bloße Zahl der Erwähnungen sagt nichts aus«, betonte Rothschild. Dennoch würden genau solche Zahlen genutzt, um vorgefertigte Thesen zu untermauern.

Auch angebliche Hinweise auf Verbindungen Epsteins nach China oder Russland wurden von Nutzern aufgegriffen und mit antisemitischen Deutungen versehen. Dabei entstanden neue Spekulationen, die sich teils widersprechen, teils gegenseitig verstärken. In mehreren Fällen wurden Medien, die alternative Erklärungen nannten, als »jüdisch kontrolliert« diffamiert.

Gier und Perversion

Rothschild sieht darin ein bekanntes Muster. Antisemitismus sei in verschwörungsideologischen Milieus seit jeher zentral, unabhängig von politischer Ausrichtung. Zugleich warnte er davor, jede Kritik oder jede These rund um Epstein pauschal als Verschwörungstheorie abzutun. Epstein habe nachweislich in einem Netzwerk aus Macht, Geld und Missbrauch agiert. »Das hat nichts mit Judentum zu tun, sondern mit Gier und Perversion«, sagte Rothschild.

Die aktuelle Entwicklung sei dennoch gefährlich. Sie verhärte den politischen Diskurs weiter und treffe am Ende vor allem jüdische Gemeinschaften – sowie die tatsächlichen Opfer von Epsteins Verbrechen, deren Leid erneut instrumentalisiert werde. im

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