Magdeburg

Dieter Hallervorden, Sven Schulze und der Wahlkampf in Sachsen-Anhalt

Foto: picture alliance/dpa

Klar singt er es auch in Dessau, das Lied, das so manche in der CDU auf die Palme bringt. »Lieber Friedrich Merz«, fängt Dieter »Didi« Hallervorden an - und zieht durch. Inklusive Einblendung einer Demo, bei der der Schriftzug »Stoppt den Völkermord in Gaza« gezeigt wird.

Hallervorden steht nicht auf irgendeiner Bühne - sein Auftritt ist Teil einer Wahlkampfveranstaltung von Sachsen-Anhalts Ministerpräsident und CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze. »Herr Merz, wenn ihr glaubt, dass Krieg sich lohnt, kämpft doch da, wo keiner wohnt, kämpft gefälligst auf dem Mond!« - tosender Applaus. Hallervorden will dabei helfen, so sagt er es selbst, eine absolute Mehrheit der AfD verhindern.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Genau drei Wochen ist es her, da stand auf derselben Bühne des Golfparks in Dessau der Kabarettist Uwe Steimle zusammen mit AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund und AfD-Co-Chef Tino Chrupalla. Der Auftritt sorgte wegen Steimles Gewalt-Anspielungen für Aufsehen und weil er die DDR-Hymne anstimmte.

Hallervorden und Steimle - für wahlkämpfende Politiker ist solche Promi-Unterstützung nicht ohne Risiko. »Wenn man sich einen Promi mit ins Boot holt, sollte man vorab überlegen, ob man mit ihm wirklich besser ans Ziel kommt oder einen Schlingerkurs fährt«, sagt der Politikwissenschaftler Benjamin Höhne von der Technischen Universität (TU) Chemnitz. Höhne wurde in Sachsen-Anhalt geboren und hat unter anderem in Halle und Magdeburg geforscht und gelehrt.

Seiner Einschätzung nach ist der Einsatz von Hallervorden für Schulze risikobehafteter als der von Steimle für die AfD. »Bei Steimle sind die Positionen fast deckungsgleich zu dem, was die AfD nach vorne stellt - das Spielen mit der DDR-Vergangenheit, das Bemühen der Ost-Identität, das Schüren von Zweifeln am Staat und seinen Spitzenvertretern wie Merz. Da passt kaum ein Blatt zwischen Steimle und der AfD«, sagt er.

Bei Hallervorden und Schulzes CDU ist das ein bisschen anders. »Es ist riskant. Dass die CDU substanziell davon profitieren wird, glaube ich eher nicht.« Er hält die Auftritte mit Hallervorden für keine gelungene Wahlkampfaktion.

Schulzes großes Thema an diesem Abend in Dessau ist die Meinungsfreiheit. Er teile nicht alle Inhalte von Hallervorden, aber er wolle die Meinungsfreiheit nicht einer einzelnen Partei überlassen, die plakatiere, dass man nicht mehr alles sagen könne. »Vielleicht ist es auch ein Fehler der CDU in den vergangenen Jahren gewesen, dass man solche kontroversen Debatten zu wenig geführt hat«, sagt Schulze auf der Bühne. Aber nur so schaffe man Vertrauen bei den Menschen. »Ich möchte kein Land regieren, wo alle nur das sagen, was vielleicht in Magdeburg gern gehört wird.«

»Völkermord in Gaza«

Und so teilt Hallervorden an diesem Abend munter weiter aus - gegen die neue CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann, die vor ein paar Tagen der »Bild« zu Hallervordens Auftritten sagte, dass es für die CDU Deutschlands keinen Völkermord in Gaza gebe. »Diese Frau Hoppermann, selbst wenn ich Pantomime machen würde, würde die bestimmt noch ein unzulässiges Wort entdecken«, sagt er. Auch Steimle gibt er einen mit: Dass der die DDR-Hymne angestimmt habe, halte er »für eine Verhöhnung der Mauertoten«.

Hallervordens großes Thema ist Frieden. »In allen Kriegen gehört zum Siegen, bella ciao, bella ciao (..) die Menschen sterben wie Eintagsfliegen«, singt er später. Der Saal ist voll, die Luft warm und stickig. Hallervorden bringt damit ein Thema vor, das eher andere Parteien als die CDU in Ostdeutschland besetzen. Will Schulze mit »Didi« vielleicht nicht nur der AfD Wähler abspenstig machen, sondern auch von BSW und Linke?

Lesen Sie auch

Höhne ist skeptisch, ob das gelingen kann. Das Thema sei zwar im Osten wichtiger als im Westen, aber es werde bereits durch politische Angebote mehrerer Parteien abgedeckt - durch AfD, BSW und auch die Linke. Zur CDU passe es kaum, da sie sich immer noch als transatlantischer Partner verstehe und keinen Zweifel daran aufkommen lasse, dass beim Krieg in der Ukraine die Aggression von Russland ausgehe. »Daher glaube ich nicht, dass damit neue Wähler zu erreichen sind«, sagt Höhne.

Der 90-jährige Hallervorden ist in Sachen Wahlkampf ein alter Hase. Helmut Schmidt (SPD) habe er bereits im Wahlkampf unterstützt, ebenso Hans-Dietrich Genscher und Walter Scheel (beide FDP). Nun lobt er Schulzes Rückgrat, »zu sagen: Wir lassen uns von denen in Berlin nicht vorschreiben, wie wir in Sachsen-Anhalt Wahlkampf zu machen haben«. Das sagte er in Richtung Hoppermann und er sei sich »ziemlich sicher«, alle im Saal werde es noch geben, »wenn Frau Hoppermann längst abgewählt ist«. Lachen und Applaus.

Der Experte Höhne sagt, eine Partei sollte überlegen, wem sie eine Plattform bietet: Wer genau kommt da eigentlich mit welchen Positionen und wie verhalten sich diese zu den eigenen Wertvorstellungen? »Wenn beide zu weit auseinandergehen, ist eine öffentliche Parteiveranstaltung vielleicht nicht der richtige Ort. Eine Partei will doch in erster Linie die eigenen Positionen nach vorne bringen.« dpa

Ugandische Truppen

Nahost

Ugandas Parlament billigt Truppenentsendung nach Gaza

Auf US-Anfrage soll sich ein Kontingent der ugandischen Armee der geplanten internationalen Stabilisierungstruppe anschließen. In Afrika zählt das Land zu den größten Truppenstellern für Friedensmissionen

 07.08.2026

Meinung

Wie Georg Restle die Glaubwürdigkeit des ÖRR untergräbt

Nach dem X-Post des Journalisten hat sich Felix Schotland, Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, an WDR-Programmdirektorin Andrea Schafarczyk gewandt. Wir dokumentieren das Schreiben im Wortlaut

von Felix Schotland  07.08.2026

Justiz

Israelischer Siedler wegen Tötung eines Palästinensers angeklagt

Der getötete Aktivist setzte sich gegen Siedlergewalt ein und war an dem Oscar-prämierten Film »No Other Land« beteiligt. Jetzt steht der mutmaßliche Täter vor Gericht

 07.08.2026

Dublin

Wegen Israel-Boykott: Irisches Regierungsflugzeug kann nicht mehr im Nebel landen

Beim Kauf der Maschine wurde bewusst auf das System »FalconEye« verzichtet, weil der israelische Rüstungskonzern Elbit Systems an dem Produkt beteiligt ist

 07.08.2026

AfD-Verbot

»Wachkitzeln von Gewalt- und Mordphantasien«

Der Historiker und NS-Forscher Götz Aly, der mit Blick auf die AfD bislang vor überzogenen Vergleichen mit dem Nationalsozialismus und der NSDAP gewarnt hatte, hat offenbar seine Position revidiert

 07.08.2026

Kanada

Bericht: Jüdische Studenten erleben Antisemitismus als alltägliche Realität

Fast alle befragten jüdischen Studenten geben an, innerhalb der vergangenen zwölf Monate mindestens einen antisemitischen Vorfall erlebt oder beobachtet zu haben

 07.08.2026

Miami

Antisemitischer Angriff in Starbucks-Filiale

Laut Polizei schlug eine Frau ihr Opfer mit einem Mobiltelefon. Dann habe sie mit einem Metallstuhl auf den Mann, der eine Kippa trug, losgehen wollen

 07.08.2026

Berlin

Klingbeil: AfD-Verbotsverfahren ernsthaft prüfen

Die Diskussion um ein AfD-Verbotsverfahren erhält neue Dynamik. Was sagt SPD-Chef Klingbeil und wie reagiert die Linke auf seinen Vorstoß?

 07.08.2026

Teheran/Maskat/Washington D.C.

Iran und Oman arbeiten an Hormus-Regelung – Teheran stellt Bedingungen an die USA

Iranischer Vertreter sagen, ein Rahmenabkommen für den Schiffsverkehr sei weit fortgeschritten. Eine sofortige Wiederöffnung der Wasserstraße sei damit jedoch nicht verbunden

 07.08.2026